29.10.2008 Unter Geiern: Finanzkrise und Rezession


Die Globalisierung zeigt sich von ihrer hässlichen Seite. Das von einigen Ökonomen Vorhergefürchtete ist eingetreten: die Finanzmarktkrise hat seit einiger Zeit den (großen) Rest der Wirtschaft erreicht und eine Rezession ausgelöst, die sich in Windeseile über die ganze Welt (in unterschiedlichem Ausmaß) auszubreiten droht.

 

Schon seit Jahren war bekannt, dass die bewunderte U.S.-amerikanische Wirtschaft primär von der Nachfrage der weitere Hauspreissteigerungen konsumierende und erwartende Haushalte getragen wurde. Steigende Häuserpreise ermöglichten höhere Hypotheken, die flugs in Autos (vor allem SUVs), Möbel und andere lang- und kurzfristige Konsumgüter investiert wurden. Damit ist es jetzt aus, die Hypotheken kosten deutlich mehr als die Häuser am Markt wert sind; 12 Millionen Amerikaner haben ihre Häuser/Wohnungen an die sie finanzierenden Banken verloren (die auf ihnen sitzen bleiben), viele weitere stehen vor Zwangsversteigerungen. Der weltweit zusammengebrochene Interbankenmarkt macht es auch für die besten Produktionsbetriebe schwierig und teuer, wenn nicht überhaupt unmöglich, an notwendige Kredite zu kommen: nicht nur für weitere Investitionen, sondern auch für die täglich notwendigen Betriebsmittel. Das führt zu Konkursen, Produktionseinschränkungen, Nachfragerückgang und geringerer Importnachfrage. Dadurch werden auch die bisherigen Überschussnationen, wie China, Indien und Vietnam, deren fantastische Wachstumsraten der letzten Jahre primär von der Nachfrage der reichen Länder getragen waren, in die weltweite Wachstumsschwäche hineingezogen. Dadurch sinken die Rohstoffpreise, die bisher den Boom mit verursacht haben.

Unsere Nachbarländer, die bisher von den Direktinvestitionen und Produktionsverlagerungen der reichen Länder profitiert und ihre privaten und öffentlichen Kredite von den privaten Finanzmärkten der reichen Länder erhalten hatten, sind plötzlich von diesen Finanzierungen abgeschnitten. Nunmehr sehen sie die teilweise einseitige Orientierung auf die Auto- und anderen Zulieferindustrien als schweren Klotz am Bein. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die bis vor einigen Monaten hochgelobte „Globalisierung, die alle reicher macht“, verkehrt sich nun und macht viele ärmer.

Da nützt es nur wenig, wenn Allan Greenspan, der für alle Konservativen, aber auch für viele Linke zum bewunderten Guru des amerikanischen Wirtschaftswunders ausgerufen war, nun erstmals den Fehler zugibt, die Gier und den Eigennutz der Finanzmarktakteure unterschätzt zu haben (eine schwache Entschuldigung für seine unverantwortliche Geldpolitik, die sich gegenüber der von ihr finanzierten Häuser- und Aktienblase bewusst ignorant gab). Auch nicht, wenn Deutsche Banker nun plötzlich nach der Verantwortung des Staates rufen. Die Kosten der Rezession tragen jene am stärksten, die am wenigsten Schuld an ihrer Entstehung tragen und die es sich am wenigsten leisten können.

Laut Schätzung der Bank of England sind bisher 2,8 Billionen € (das Achtfache des österreichischen Inlandsproduktes) vernichtet worden, und wurden von den Notenbanken bisher 933 Mrd € an Hilfspaketen eingesetzt – ohne dass die Banken bisher begonnen haben, einander und anderen wieder Geld zu leihen. Die internationalen Organisationen haben das Wachstum der Weltwirtschaft für das nächste Jahr um 2 Prozentpunkte zurückgenommen und gehen für die reichen Länder bestenfalls von Stagnation aus, einzelne unserer Nachbarländer rechnen bereits mit realen Rückgängen. U.S.-Amerikaner und Briten reisen nach China und in den Nahen Osten, um von deren Staatsfonds (gegen deren Investitionen einige Länder vor kurzem Schutzwälle errichten wollten) Geld zur Rettung ihrer/unserer Wirtschaften zu erbitten. Die „firepower“ des Internationalen Währungsfonds (etwa 200 Mrd $) wird mit Sicherheit nicht ausreichen, um über Pakistan, Ungarn, Ukraine hinaus noch viele andere Länder zu stützen. Dasselbe gilt für die Europäische Union, die eben einen Kredit an Ungarn beschlossen hat.

Das internationale wirtschaftspolitische Chaos ist perfekt: die einen ziehen die fiskalischen Schrauben an, teilweise dazu vom IMF genötigt, die anderen lassen sie locker, um die Wirtschaften anzukurbeln; die einen Banken „nehmen“ Staatsgeld, die anderen zieren sich; die einen Staaten „zwingen“ ihre Banken, das Geld der Steuerzahler zu nehmen, die anderen hoffen, dass sich die Banken bedienen werden. Die einen hoffen auf baldige Rückkehr zum „business as usual“, die anderen reden einer vollkommen Neuordnung der globalen Wirtschaft das Wort; die einen platzen vor Ehrgeiz, als Retter der Weltwirtschaft zu erscheinen (Sarkozy, Brown), andere halten sich mehr oder weniger elegant zurück. Die einen organisieren Weltwirtschaftsgipfel, die anderen verstecken sich und hoffen, dass der ganze Spuk bald vorbeizieht. Sieht so eine Situation aus, von der es heißt, Vergleiche mit der  Weltwirtschaftskrise 1929 seien nicht angebracht, da man in der Zwischenzeit viel gelernt habe?

Wahr ist: die derzeitige Lage der Weltwirtschaft ist derzeit extrem labil und ohne Präzedenz. Wahr ist auch, dass – unabhängig von der Schuldfrage – die notwendigen Finanzierungskreisläufe (man beachte die Einschränkung auf „notwendig“) möglichst rasch wieder hergestellt werden müssen, damit die Wirtschaft wieder funktionieren kann. Es zeigt sich, dass unsere „Wirtschaftsregeln“ (zB die Maastricht-Kriterien für die EU-Länder, die „goldene Finanzierungsregel“ der Engländer) für Krisenzeiten nicht taugen und zumindest zeitweise sistiert gehören.

Kurzfristig gilt es jedenfalls, die Deflation/Rezessionabzumindern: dazu müssen die Notenbanken ihre Zinsen senken und müssen nachfragestärkende Maßnahmen, die rasch greifen, in Gang gesetzt werden. Dabei muß aber sehr gezielt vorgegangen werden, um die konjunkturstabilisierenden Effekte zu maximieren. Eventuell müssen auch in Ländern mit hohem Eigenheim- und Hypothekenanteil Umschuldungsprogramme öffentlich unterstützt werden. In Ländern, in denen Hypothekenzinsen (und andere Schuldzinsen) steuerlich absetzbar sind, ist diese Regelung zu überprüfen.

Zweitens müssen die Banken „gezwungen“ werden, ihre Ausleihungen wieder aufzunehmen: etwa durch Hinaufsetzen der Eigenkapitalunterlegung sie dazu zu bringen, ihre gesamtwirtschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und die angebotenen Staatsgelder sinnvoll einzusetzen. Machen sie das nicht, müssen die Notenbanken direkt in das Ausleihgeschäft einsteigen und solvente Firmen finanzieren.

International müssen die Überschussländer in die Pflicht genommen werden, ihre Überschüsse nachfragewirksam einzusetzen. Keynes’ Einsicht, dass für das Gleichgewicht der Weltwirtschaft Überschüsse genauso schädlich sind wie Leistungsbilanzdefizite und daher ebenso abgebaut gehören, muß konkret bedeuten, dass Überschussländer entweder ihre eigene (Konsum-)Nachfrage stimulieren (etwa durch den Aufbau einer effektiven öffentlichen Kranken- und Pensionsversicherung in China oder freier Schuldbildung) oder verstärkt im Ausland investieren.

Längerfristig muß, unter Einbeziehung reicher, aufstrebender und armer Länder, eine neue Form der Aufsichts- und Steuerungsarchitektur für die Weltwirtschaft aufgebaut werden, um ähnliche Krisen und Wechselkursschwankungen hintanzuhalten. Vor allem die international tätigen Finanzakteure müssen einer globalen Aufsicht unterliegen, welche auch die Zuteilung der Verantwortung für eventuell notwendige Krisenmaßnahmen regelt. Ob eine solche Neuregelung auch ein neues Weltwährungsregime einrichtet, welches nicht eine Währung gegenüber anderen privilegiert, ist jedenfalls zu überlegen.

Das Finanzsystem der Zukunft wird wieder „kleiner“ sein, weniger Umsätze haben als das derzeitige. Es muß sich auf die Finanzierungsfunktion und Risikoverteilung der Realwirtschaft konzentrieren – und nicht Schicht um Schicht an neuen, virtuellen „Märkten“ aufbauen, die angeblich Effizienz der unteren Schichten herstellen, in Wahrheit aber Verschuldenspyramiden errichten, die – wie jetzt alle sehen müssen – zusammenbrechen und das gesamte System lahm legen. „Der Markt“ hat sich jedenfalls nicht selbst reguliert. Allerdings wird dieser Rückbau schmerzhaft vor sich gehen, sowohl für die Finanzzentren und noch mehr für deren Angestellte. Länder, die sich auf Finanzdienstleistungen konzentriert haben (darunter UK, Singapur, Hongkong, Emirate) werden gravierendere Wachstumsverluste akzeptieren müssen als solche mit gleichgewichtigeren Wirtschaftsstrukturen.

Es ist Feuer auf allen Dächern. Die forcierten weltweiten Verflechtungen und Lieferbeziehungen wachsen nicht nur gemeinsam, sie schrumpfen auch gemeinsam. Kein Land kann sich entziehen. Allerdings sind Länder mit stärker inlandsorientierten Finanzierungskreisläufen resistenter als hoch im Ausland verschuldete. Viele der internationalen Großbanker haben uns jahrelang eingeredet, weniger Regulierung, mehr Vertrauen in die Märkte und in ihre Produktinnovationen ließe die ökonomischen Marktgesetze außer Kraft treten. Denjenigen, die dieser Meinung skeptisch gegenüberstanden, hat man nicht zugehört. Die Banker haben Kasse gemacht, auf Kosten der Steuerzahlerinnen. Jetzt jammern sie laut den früheren Boni und Stockoptionen nach und rufen nach dem verteufelten Staat. Dieser hat sich in vielen Fällen zu sehr zum Liebdiener der Finanzjongleure gemacht. Jetzt sind kühler Kopf, volkswirtschaftliches Denken außerhalb der alten Orthodoxie, politischer Mut und internationale Kooperation gefragt, damit 2008/09 nicht in die Wirtschaftsgeschichte als Super-GAU eingeht

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Filed under Crisis Response, Financial Market Regulation

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