Was können wir vom Film “Let’s make money” über die Finanzkrise lernen?


Ich fürchte – wenig: der kürzlich in die Kinos gekommene Film des österreichischen Filmemachers E. Wagenhofer wird als zeitgerecht und informativ zur Finanzkrise angepriesen. Eine vergebene Chance, leider.

Was lernen wir dort?

– daß Investmentbanker teure Uhren tragen und sich nicht um die Arbeits- und Umweltbedingungen in den von Ihnen investierten Firmen scheren, sondern um die Gewinne für ihre Investoren;

– daß die Industriestaaten die Länder der 3. Welt ausbeuten; daß die Arbeitsbedingungen dort – gezeigt an Steinbrüchen und Baumwollfeldern – fürchterlich sind;

– daß die Weltbank an dieser Misere großen Anteil hat;

– daß Steueroasen – wie die Kanalinsel Jersey – außer Mithilfe zur Steuervermeidung keine Leistungen erbringen;

– daß die spanischen Küsten spekulativ verbaut worden sind und die riesigen Apartmenblöcke leerstehen;

– daß der österreichische Investor Mirko Kovacs als dreist, gierig, dumm und ohne jegliches Ethos entlarvt wird;

– daß angeblich die Weltbanktochter IFC die Bezeichnung “emerging markets” als Euphemismus für “Entwicklungsländer” erfunden hat.

Mit einem Wort: die Vorurteile der Seher werden – in unzusammenhängender Weise – bestätigt, daß alles, was mit Finanzierung zusammenhängt, des Teufels ist.

Ja, wenn es nur so einfach wäre: natürlich “stimmen” die einzelnen Stories teilweise/weitgehend – aber über das Funktionieren des gesamten Finanzsystems erfährt man nichts, über die Bedeutung von Sparen und Investieren noch weniger. Wagenhofer bedient die Vorurteile der Globalisierungskritiker vorbehaltlos, scheint jedoch selbst das Thema nicht wirklich zu verstehen, obwohl der Nachspann eine eindrucksvolle Liste von (meist österreichischen) Beratern aufweist.

Der Film enthält auch eine Reihe von Fehlern und Absurditäten:

– zB präsentiert er einen (als einzigen Protagonisten ungenannt bleibenden) selbsternannten “economic hitman”, der in geschliffenen Worten die angebliche Verschwörung der USA gegen die 3. Welt darlegt, die auch mithilfe der Weltbank geschehe. Dessen Geschichten sind so, als ob sie dem nächsten James Bond Film entnommen wären.

– zB zeigt er die Weltbank als im Zentrum des Finanzgeschehens stehend, wahrscheinlich sie mit dem Internationalen Währungsfonds im nächsten Haus verwechselnd; durch das Zeigen der Obdachlosen vor dem Weltbankgebäude in Washington, D.C. suggeriert er, daß die Weltbank mit deren tragischen Geschicken zu tun hätte.

– falsch ist auch der dümmliche “emerging market”- Versuch: wahr ist vielmehr, daß “Schwellenländer” sich allgemein als Begriff für besser entwickelte Länder, wie China, Indien, Brasilien, Südafrika, auch Rumänien, Ungarn, etc. – im Gegensatz zu den weniger entwickelten verwendet wird, also zur besseren Differenzierung eingesetzt wird.

– falsch ist auch, daß die Weltbank Burkina Faso zur Beibehaltung der Monokultur Baumwolle angehalten hätte; wahr ist vielmehr, daß sich die Weltbank seit Jahren bemüht, die Diversifizierung der vor allem im Rohstoff- und Primären Agrarbereich tätigen Entwicklungsländer voranzutreiben; wahr ist auch, daß es als erster der frühere Präsident Jim Wolfensohn war, der die riesigen Agrarsubventionen der reichen Länder als Entwicklungshemmnis für Entwicklungsländer immer wieder international angeprangert hat.

– dümmlich ist, daß entrüstet angemerkt wird, daß “nunmehr die Wiener dafür zahlen müssen, daß sie ihre Straßenbahnen benutzen dürfen”, als Resultat der zu Recht kritisierten cross-border leasings der Wiener Stadtwerke (und vieler anderer Kommunalverwaltungen); natürlich müssen sie zahlen, schließlich hat die Gemeinde durch den Verkauf viel Geld eingenommen. Zu verdammen ist nicht dieses “Zahlen”, sondern daß sich die Gemeinde/Verkehrsbetriebe auf solche hoch riskanten Geschäfte, die auf einer US-Steuerlücke beruhen, eingelassen hat – zum Nachteil der Steuerzahler.

Fazit: der  Film ist eine vergebene Chance; er schürt einfachste Vorurteile auf “die da oben”, ohne wirklich aufzuklären; er bringt abstruse Verschwörungstheorien mit selbsternannten “hitmen” ohne die wirklichen Zusammenhänge offenzulegen; zu Recht prangert er die “Leistungen” von Steuerparadiesen an, ohne jedoch dazuzusagen, daß diese nur aufgrund des Schutzes und Vetos großer Industrieländer (siehe die Versuche der OECD und der EU, sie abzustellen) weiter existieren können. Schade.

P.S. Die im Film-Text genannten Millennium Development Goals schreibt man mit Doppel-N: Millennium leitet sich von annus ab, nicht von anus……

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1 Comment

Filed under Socio-Economic Development

One response to “Was können wir vom Film “Let’s make money” über die Finanzkrise lernen?

  1. Ich glaube mich erinnern zu können, dass in den deutschen Untertiteln behauptet wird, in den Offshore-Steuerparadiesen seien “Trillionen” US-Dollar geparkt. Wurde da der englische Begriff “trilion” richtig übersetzt?

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