Der Osten ist Rot: Gemeinsam statt Einsam


Während die Morgenröte in unseren Breiten noch immer im Osten erscheint, geht derzeit ein Gespenst um in den Kolumnen der internationalen Wirtschaftspresse: jenes der Krise in Südosteuropa. Es erscheint plötzlich – wie das Ungeheuer von Loch Ness – aus den Tiefen journalistischer und Rating-Agenturen-immanenter Vor-Urteile und Sensationsgier – und läßt die Währungen dieser Länder weiter abstürzen. Und mit ihnen werden die Zinsspreads dieser Länder und auch jener Länder, in deren Besitz ein Großteil (80%) der südosteuropäischen Banken sind, hinaufgetrieben, wodurch sich die Krisenspirale weiterdreht. Natürlich ist es wahr, daß bis in den Spätherbst 2008 alle Experten gehofft hatten, daß die Krise an dieser für ganz Europa so wichtigen Boomregion vorübergeht: deren Banken hatten ja nicht in „innovative“ Finanzprodukte, sondern in Konsumenten- und Unternehmenskredite in diesen Ländern investiert, die Fundamentaldaten waren – mit Ausnahme hoher Leistungsbilanzdefizite – in Ordnung, der Nachholbearf weiterhin hoch, die Wirtschaftspolitik weitgehend solide. Doppelt so hohe Wachstumsraten wie in Westeuropa waren die Folge. Der Einbruch der Krise in diese Region im Spätherbst zeigte auf, daß Globalisierung vor keiner Region der Erde haltmacht – im Guten wie im Schlechten. Die plötzliche Risikoaversion westlicher Banken, die um ihre sich massiv verschlechternden Bilanzen bangten, brachte die Kreditflüsse nach Südosteuropa zum Erliegen. Die dortigen Regierungen, wie auch die Banken (“unsere“ Banken), hatten ihre Bürger und Unternehmerinnen ermutigt, Kredite in (zeitweise) billigeren Fremdwährungen, vor allem in Schweizer Franken und Euro, zu nehmen – ohne diese ausreichend auf die Wechselkursrisiken aufmerksam zu machen. Die westliche „Schuldenkultur“, nach der jeder Wunsch, jede Investition auch ohne Ansparen sofort erfüllbar ist, wurde in die Region getragen. Sehr hohe Fremdwährungsverschuldungen, vor allem des Privatsektors, waren die Folge. Die Wechselkursverluste, die folgende Devisenknappheit, sowie die einsetzende Krise des vielfach auf Exporte in den Westen ausgerichteten Realsektors führen verstärkt zu Kreditausfällen – was wiederum die dort agierenden Bankentöchter der westlichen Banken in Schwierigkeiten bringt. Seit einigen Tagen hat die internationale Finanzpresse die „Exposure“ westlicher Banken in Südosteuropa „entdeckt“ – und schreibt ihre Sensationsstories: Gefahr des serienweisen Zusammenbruchs Südosteuropas, drohender Staatsbankrott von Österreich, Griechenland, Italiens und anderer aufgrund der „Ost-Exposure“ ihrer Banken, Zerfall der Europäischen Union in EU-17 und EU-10, etc., etc. Als Beispiel für die Sprunghaftigkeit, aber auch die realen Auswirkungen solcher Meldungen, dürfen zwei kurz aufeinander folgende Berichte einer weltweit tätigen Rating-Agentur mit Bezug Österreich dienen: zuerst wurde die 80%-Exposure österreichischer Banken in Südosteuropa als gigantisches Risiko beschrieben, worauf die Börsenkurse österreichischer Banken massiv fielen; einige Tage später berichtete dieselbe Agentur, daß u.a. Österreich besonders gut in der Lage sei, diese Risken zu beherrschen – also was gilt jetzt? Am 27.2. schreibt der einflußreiche Kolumnist Wolfgang Münchau in der Financial Times vom drohenden Zerfall der EU und schlägt vor, daß die neuen EU-Länder quasi sofort sich auf den Beitritt zur Eurozone vorbereiten sollten. Mehr Besonnenheit, Gelassenheit und Analyse wäre angebracht. Die durch Agenturmeldungen, Journalisten, und „Erwartungen“ der Börsehändler in das System hineingetragenen Volatilitäten tun jedenfalls einer gezielten Krisenbekämpfung einen Bärendienst: sie verstärken die Krisenerwartungen, beeinflussen Börsenkurse und verunsichern die Bevölkerung, führen zu Panikreaktionen, wie das weitgehende Ausräumen der Sparkonten in den Banken Südosteuropas. Was ist der Sachstand, was sollte getan werden? Faktum ist, daß jene südosteuropäischen Länder, die hohe Leistungsbilanzdefizite und damit Verschuldungen in Fremdwährungen haben, stärker gefährdet sind als jene mit ausgeglicheneren Außenbeziehungen. Faktum ist, daß Mitglieder der Eurogruppe (Slovenien, Slovakei) vor Attacken auf ihre Währungen geschützt sind. Faktum ist, daß angesichts der hohen Rückzahlungsverpflichtungen an ausländische Banken gezielte und organisierte Umschuldungsverhandlungen je Land in Gang gesetzt werden müssen – und dies teilweise bereits im Laufen ist. Faktum ist auch, daß die „westlichen“ Banken in den letzten Jahren in Südosteuropa sehr gut verdient haben – und dies (teilweise) zum Aufbau von Reserven verwendet haben, die nun gute Dienste zu leisten haben. Faktum ist weiters, daß die sich laufend ändernden Börsenbewertungen die Bilanzen der Banken in West und Ost in massive Unordnung gebracht haben – zusätzlich zum Verlust von Eigenkapital treten massive Buchverluste auf. In dieser Situation ist es notwendig, daß nunmehr – nach einer viel zu langen Anlaufzeit – alle betroffenen Stakeholder (die Herkunftsländer der Banken, ihre Zielländer, die Banken selbst, die Internationalen Finanzinstitutionen, sowie die Europäische Union) die gemeinsame Verantwortung für die Stabilisierung der Finanzmärkte zu akzeptieren beginnen – eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung zur Stabilisierung der Wirtschaften. Alle westlichen Länder haben große Bankenpakete aufgelegt, in unterschiedlicher Höhe, mit unterschiedlichen Instrumenten: viele davon haben starke Beschränkungen, inwieweit diese auch für aufgelaufene Verluste in anderen Ländern, darunter den Zielländern Südosteuropas, eingesetzt werden dürfen. Diese Beschränkungen müssen gelockert werden – und die heimischen Bevölkerungen in Westeuropa von den Politikern davon überzeugt werden, daß dies zur Stabilisierung auch der westlichen Banken- und Finanzierungssysteme notwendig ist. Raschest sollten die Bilanzierungsregeln auf die Sinnhaftigkeit von „mark-to-market“ Bewertungsregeln überprüft werden, da diese in einer Zeit, wo es vielfach keine „Märkte“ gibt, bzw. diese zu manisch-depressiven sich täglich ändernden Bewertungen führen, sachfremde Bewertungen in die Bilanzen einführen. Entweder man ändert die Regeln oder sistiert den Sekundärhandel der Börsen (weltweit koordiniert) auf Zeit. Eine gemeinsame Anstrengung der EU-Institutionen und Nicht-Euro-EU-Länder in Richtung baldiger Beitritt zur Eurozone kann den notwendigen Anker bilden, spekulative Attacken auf deren Währungen hintanzuhalten. Dazu gehören jedoch auch, endlich die Maastricht-Kriterien für den Beitritt zur Eurozone auf die tatsächlichen Verhältnisse von aufholenden Ländern anzupassen, vor allem das Inflations-, Zins- und Wechselkurskriterium. Das bisher geltende Argument „gleiche Bedingungen für alle Beitretenden“ huldigt zwar dem hehren Gleichbehandlungsgrundsatz, trägt aber nicht den Bedingungen der neuen EU-Mitgliedsländer Rechnung, schon gar nicht angesichts der Krisensituation. Für die Nicht-EU-Länder Südosteuropas müssen eigene Hilfspakete mithilfe des Internationalen Währungsfonds und der anderen Finanzinstitutionen (EBRD, EIB, IFC) geschnürt werden. Die globale Finanzkrise wurde ursprünglich durch internationale Ungleichgewichte, sich selbst bedienende „innovative“ Finanzprodukte, deren Umsätze (und Provisionen) um ein Vielfaches deren gesmatwirtschaftlich sinnvolles Funktionieren überstieg und zu einer weltweiten „Verschuldungskultur“ beitrug, sowie überbordende Flucht aus regulierten Produktbereichen und Jurisdiktionen verursacht. Dysfunktionalitäten bei Rating-Agenturen, Interessenkonflikte und der irrationale Glaube, daß die hergebrachten ökonomischen Grundsätze in einer globalisierten Welt keine Gültigkeit mehr hätten, haben die Krise verstärkt. Weder die Finanzmarktaufsicht – und schon gar nicht die globale wirtschaftspolitische Governance – waren diesen „entfesselten Marktkräften“ gewachsen. Die südosteuropäischen Länder werden nunmehr in ihrer Entwicklung massiv zurückgeworfen. Nur teilweise ist ihre eigene Wirtschaftspolitik dafür verantwortlich. Die Krisenerscheinungen sind jedoch beherrschbar, wenn sie gemeinsam bekämpft werden – und nicht, wie in der Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts – jeder (auf Kosten der anderen) sein Heil in Einzelaktionen sucht. Neben global denkenden Politikern, die Gemeinsames über Einsames (Nationales) stellen, braucht es jedoch auch mehr Verantwortungsbewußtsein bei den Medien, Bankenanalysten und Rating-Agenturen, damit nicht das Krisengefühl weiter verstärkt wird und in Panik umschlägt, und um nicht die ohnedies irrealen Kursschwankungen und Zinsspreads weiter zu vergrößern.

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Filed under Crisis Response, Socio-Economic Development

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