Geld oder Leben?


Was in den Medien (nicht) über Wirtschaft berichtet wird

Tageszeitungen ergehen sich seitenweise in Zahlenkolumnen über Börsenkurse, Goldpreis und Wechselkurse, der ORF bringt sowohl in den Journalsendungen wie auch in den Fernsehnachrichten Berichte über das weltweite Geschehen auf den Börsen. Über diesem Überschwang an Finanznachrichten, deren gesellschaftlicher Wert für die Medienkonsumenten – sagen wir – begrenzt ist, gehen Nachrichten über die „reale Welt“, wie etwa die 24 Selbstmorde von Angestellten von France Telecom seit Feber 2008 unter.

Nicht, daß ich behaupte, daß es sich dabei um alltägliche Ereignisse handelt – aber berichtens- und bemerkenswert wäre es allezeit, tragisch wie dies für die Familien der Hinterbliebenen sein muß, aber auch als Symbol dafür, wie Firmenkulturen in dem Wettbewerb ausgesetzten Firmen „funktionieren“. France Telecom wurde 2004 privatisiert, und entschloß sich, um im Wettbewerb Kosten zu sparen, 22.000 seiner etwa 100.000 Angestellten zu kündigen. Im Zuge der Umstrukturierungen wurden auch individuelle, leistungsorientierte Einzelbewertungen eingeführt, welche in den hinterlassenen Briefen der Opfer vielfach für das untragbar gewordenen Klima und den Konkurrenzdruck im Unternehmen namhaft gemacht wurden. Die frühere Teamarbeit wurde dadurch weitgehend aufgelöst und in Einzelleistungen unterteilt. Irgendwie erinnert dies an die Einführung des Taylorismus durch Henry Ford am Beginn der vorigen Jahrhunderts in den USA. Damit wurden damals neue Standards in der Arbeitsteilung und in Produktivität erzielt. Siebzig Jahre später wurden diese Modelle in der Autoindustrie allerdings durch japanische Teamarbeit und –verantwortlichkeiten abgelöst, welche seither als Standard in der Autoindustrie, aber auch vielen anderen arbeitsteiligen Arbeitsprozessen gelten.

Nicht daß damit die Arbeitszufriedenheit in Japan gesteigert wurde: dort sind die Selbstmordraten mit 20 je 100.000 Einwohnern noch höher als in Frankreich (15!!).

Es ist ja nicht auch so, daß in Frankreich Sozialstandards besonders niedrig sind. Das „Sprachrohr des aufgeklärten Wirtschaftliberalisms“, der britische Economist, führt die France-Telecom Selbstmorde eher auf die Unfähigkeit der Franzosen zurück, ihre Ansprüche an das „gute Leben“ mit der rauen Wirklichkeit der Konkurrenzwirtschaft in Einklang zu bringen. Diese äußerten sich vielfach in Protesten, Arbeitskämpfen und gewaltsamen Auseinandersetzungen, aber auch in höheren Depressionsraten und mehr Anti-Depressiva-Konsum als in anderen Ländern.

Die Belegschaft von France-Telekom hat eben einen zweitägigen Protest gegen die herrschenden Arbeitsbedingungen und ihre tragischen Folgen beendet. Der zuständige Vizechef ist zurückgetreten, der neue Vorstand verspricht Verbesserungen im Arbeitsklima.

Vielleicht sollte Präsident Sarkozy, der vor wenigen Tagen den von ihm veranlaßten Bericht der Stiglitz-Kommission zur Messung des Wohlbefindens (statt des Bruttonationalprodukts) vorgestellt hat, lieber damit beschäftigen, die Arbeit in großen Konzernen an die Fähigkeiten, Möglichkeiten und Bedürfnisse der Menschen anzupassen als die Konkurrenzwirtschaft zum Maß aller Dinge zu machen. Das Modell des alles beherrschenden Marktes hat sich im Finanzbereich als destruktiv erwiesen. Dies wird weitgehend (zumindest in Lippenbekenntnissen) anerkannt. Keynes und Minsky werden allenthalben zitiert.

Von den Bedingungen der „Realwirtschaft“ spricht – außer einigen Gewerkschaften – noch niemand. Vielleicht lohnt es sich wieder einmal, bei Karl Marx und Friedrich Engels nachzulesen.

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6 Comments

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6 responses to “Geld oder Leben?

  1. Petritsch

    Lieber Kurt,
    konnte leider nicht zur Pariser Veranstaltung kommen, hab mir aber die Texte ausgedruckt. Wie immer exzellente und anregende Lektüre, hoffe wir kommen bald wieder zu einem gespräch zusammen.
    WP

  2. Hallo Kurt, hab gerade diesen Beitrag gelesen, finde ihn exzellent! Werde ihn sweiterleiten und in meiner Arbeit verwenden.
    Liebe Grüße, Ruth

  3. amelie_eule

    Sollte Geld urspruenglich nicht wie ein blosser Schleier ueber der Realwirtschaft liegen und den Tauschprozess? Wann hat es genau angefangen ein so extremes Eigenleben – mit solch extremen Nebemwirkungen – zu fuehren?

    • kurtbayer

      Geld hat mehrere Funktionen: die von Dir genannte ist die Austauschfunktion, welche den komplizierten Tauschprozeß (ich gebe Dir ein paar Schuhe, Du reparierst dafür meine Waschmaschine) erleichtert hat, da man nun nicht mehr zwei passende Tauschende finden mußte – und außerdem die Gleichzeitigkeit aufgehoben wurde; dann kam die Aufbewahrungs- (Spar)funktion, also sofortigen Konsum in die Zukunft verlegen; und damit letztlich die Verzinsung, argumentiert damit daß Konsum in der Zukunft einen gewissen Verzicht jetzt bedeute, der entlohnt werden muß. Da dann Geld von den Sparern zu Investoren transferiert wird (üblicherweise sind Konsumenten nettosparer, Unternehmen Netto-Investoren), deren Investitionen Mehrwert schaffen, kann “Geld” beginnen, ein Eigenleben zu führen, da es immer weiter von den urpsrünglichen Transaktionen entfernt wird (Finanzinvestitionen, Derivate, Spekulation). Letztlich aber dürfte die Deregulierung seit Beginn der achtziger Jahre die derzeitigen Exzesse verursacht/begünstigt haben, obwohl Finanzkrisen spätestens seit der Tulpenkrise unregelmäßig wiederkehren. Hyman Minsky ist der Ökonom, der die inhärente volatilität der Finanzmärkte am besten beschrieben hat. Jetzt wird er wieder ausgegraben.

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