Weg mit den Börsenreports!


 Ein Jahr nach der Demise von Lehman Brothers, welche der sichtbare Auslöser der Finanz- und Wirtschaftskrise war, machen sich viele Kommentatoren Gedanken über die Ursachen der Krise. Ein wichtiger Teil bezieht sich auf die Curricula der Ökonomiestudien: die ZEIT, Paul Krugman und Geoff Hodgson haben kürzlich eine Abwendung der Lehre von den mathematisch hoch komplizierten und abstrahierenden Allgemeinen Gleichgewichtsmodellen und eine Hinwendung zu mehr an den realen wirtschaftspolitischen Problemen orientierten Lehrinhalten verlangt. Ein Blick in die Mehrzahl der Mainstream Ökonomie-Journale zeigt einen extreme hohen Grad an Abstraktion der Modelle, Anreize für Publikationen, deren Mehrwert für die Bewältigung der wichtigsten wirtschaftspolitischen Fragen nicht nur zweifelhaft, sondern oft auch negativ ist und – im Gegenzug -einen Mangel an problemorientierten Analysen.

Mir geht es hier aber um die seit einigen Jahren um sich greifende zweifelhafte Praxis der Wirtschaftsberichterstattung in den Medien. So bringt der ORF in seinem Morgenjournal am Ende einen “Börsenreport”, in welchem der Sprecher oder die Sprecherin versucht, die jeweiligen Bewegungen von Aktienindizes in den USA, Japan, Europa und Österreich zu interpretieren: man vergleiche einmal die tagtägliche Konsistenz dieser Interpetationen – eine Lachnummer. Die Verengung der Wirtschaftsberichterstattung auf das Börsengeschehen – und dessen Idolisierung – ist Teil der Hegemonie des Finanzsektors über die Realwirtschaft in den letzten 2 Jahrzehnten. Und: die Relevanz des Börsengeschehens für die Wirtschaftsentwicklung wird ja derzeit glänzend bewiesen: während die Börsenkurse wahre Feuerwerke entfachen, liegt die Wirtschaft darnieder, steigt die Arbeitslosigkeit, nehmen die nicht einbringlichen Kredite rasant zu.

In den Printmedien ist das Bild ausgeglichener, aber auch hier nehmen auf den Wirtschaftsseiten die Aktienkurse doppelt bis fünfmal so viel Platz ein wie “andere” Wirtschaftsberichterstattung. Und: letztere erschöpft sich meist Unternehmensstories. Diese sind zwar wichtig für das Wirtschaftsgeschehen, aber eben nur ein Teil.  Gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge im In- und Ausland werden in Österreich nur ganz selten kommentiert, noch seltener analysiert. Entsprechend ist das oft beklagte Verständnis in Österreich für wirtschaftliche Zusammenhänge. Dazu past, dass in den höheren Schulen davon nichts am Lehrplan steht und noch weniger als nichts davon unterrichtet wird.

Daher die Forderung an den öffentlich-rechtlichen ORF und die seriösen Printmedien: schafft die Börsenberichte zugunsten einer differenzierenden gesamtwirtschaftlichen Berichterstattung ab. Es geht ja letztlich um das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger – und um unser aller Zukunft. Wir können diese nur mitgestalten, wenn wir Wirtschaft nicht (nach dem ehemaligen Kanzler Sinowatz) für “zu kompliziert” halten.

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3 Comments

Filed under Crisis Response

3 responses to “Weg mit den Börsenreports!

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