Sind Namen wirklich nur Schall und Rauch?


 Beobachtungen anlässlich eines kürzlichen Besuches in Albanien und Mazedonien:

– Der neue Flugplatz von Tirana (betrieben von einer deutschen Firma) heisst “Mutter Teresa Airport”; am prominentesten Platz von Skopje steht einer überlebensgrosse Mutter-Teresa Statue vor einer Mutter-Teresa Kirche. Sowohl Albanien als auch Mazedonien beanspruchen die Heiliggesprochene für sich.

– In Skopje, der Hauptstadt der “früheren jugoslawischen Republik Mazedonien (FYROM)” heisst das grösste Hotel “Alexander Palace”, der Flugplatz „Alexander der Große Airport“, ein “Philipp II.” Konferenzzentrum wird gebaut, Alexander und sein Vater sind allgegenwärtig: der Staat Mazedonien beansprucht Alexander für sich – auch wenn er wahrscheinlich auf heute griechischem Territorium geboren wurde. Mazedoniens Beanspruchung des Namens “Mazedonien” für seine (Rest)-Republik ist derzeit der grösste Stolperstein für die Aufnahme von konkreten Beitrittsverhandlungen in die EU (am 7. Dezember findet hiezu wieder al ein EU-Ministerrat statt, nachdem am 14. Oktober der Grundsatzbeschluß gefaßt wurde), da Griechenland diesen Namen (relativ neuerdings) für seine Nordprovinz beansprucht und deswegen Mazedoniens Beitritt mit Veto belegt. Ethnische Mazedonier leben (neben der Diaspora) in Bulgarien, Griechenland, Mazedonien, Albanien und Kosovo.

 Dem Aussenstehenden mögen diese Streitereien lächerlich erscheinen, den direkt Betoffenen (zumindest ihren Politikern) sind sie nicht nur symbolische Politik, sondern haben materiellen Hintergrund. In einem Gespräch mit dem mazedonischen Staatspräsidenten Gjorge Ivanov in seiner wunderschönen neuen Residenz in Skopje legt er dar, dass 70% der Mazedonier (genauer: seiner Staatsbürger) einen Namenskompromiss – den die EU fordert – ablehnten; dass es hiebei um die “nationale Identität” ginge, die man niemandem wegnehmen dürfe; dass Mazedonien ohnehin schon Kompromisse gemacht hätte; dass Griechenland erst sehr spät draufgekommen sei, seine Nordprovinz “Makedonien” nennen zu müssen und daher den Namen beanspruche; dass Mazedonien unter diesem Namen von mehr als 150 Staaten der Welt anerkannt sei. Er legt mit grosser Intensität dar, dass es hiebei für die Mazedonier um ein grundlegendes Menschenrecht (auf nationale Identität) ginge und eine Namensänderung internationales Recht verletzen würde.

Irgendwie erinnert die “mazedonische Frage” den Österreicher ein bisschen an Österreich. Bei der Teilung Jugoslawiens ist – nachdem alle anderen sich verabschiedet hatten – Mazedonien “übriggeblieben”, etwa so wie Österreich 1918 (L’Autriche, c’est qui reste) nach der Verabschiedung der anderen Völker aus der Monarchie. Aus dieser österreichischen Lektion könnte man den Mazedoniern ins Stammbuch schreiben: auch die Österreicher mußten ihre “nationale Identiatät” im Laufe der letzten 90 Jahre mehrmals ändern: als Untertanen des Habsburgerreiches hin zu Deutsch-Österreich, Österreich, Teil des Tausendjährigen Reiches, bis endlich hin zur 2. Republik. Könnte das nicht auch den Mazedoniern zumutbar sein? Diese träumen zwar kaum mehr von Gross-Mazedonien, welches von Bulgarien über Teile Griechenlands bis Albanien reichte, beanspruchen aber dennoch den Namen des Volkes dieses Grossreiches.

Für Mazedonien mit einem pro-Kopf-Einkommen von 4.600 $ (Österreich: mehr als 37.000 $) und einer gemessenen Arbeitslosenrate von 32% bildet der EU-Beitritt die einzige Chance, seine Entwicklung zu beschleunigen und längerfristig abzusichern. Das Land mit 2 Millionen Einwohnern, dazu noch ca. 1 Million im Ausland, fallende Gastarbeiterüberweisungen und Exporte, stark fallende (und ohnedies niedrige) Direktinvestitionen, grosse Investitionslücken vor allem in der Energie- und Transport-Infrastruktur, ohne Zugang zu einem Hafen, braucht dringend Entwicklung und die EU-Perspektive. Seine relativ geringe Einbindung in die Weltwirtschaft, strukturell ein ernstes Problem, hat jedoch während der Krise Vorteile insofern gebracht, als sein BIP heuer nur gering schrumpft und nächstes Jahr wieder wachsen soll. Seine extrem konservative Geldpolitik, welche die Beibehaltung des Euro-Peg zum Ziel hat, war auch in der Inflationsbekämpfung erfolgreich, hat jedoch –einzig weltweit – durch die Erhöhung der Zentralbankzinsen in der Rezession die Zinskosten für die Wirtschaft stark verteuert. Eine Diversifizierung der Wirtschaft weg von den fast einzigen Exportprodukten Metalle und Bekleidung benötigt – neben der Infrastruktur – den Einsatz aller Kräfte. Direktinvestitionen ins Land zu holen, auch Teile der (gebildeten) Diaspora als Unternehmer, Manager und Facharbeiter zurückzuholen, gemeinsam mit den Nachbarn und Finanzinstitutionen Energie- und Transportinfrastruktur (Europäische Korridore 8 und 10) zu vervollkommnen, wird alle nationalen Kräfte beanspruchen. Die erfolgreiche Einbindung der grossen albanischen Minderheit in den mazedonischen Politikprozess sollte der Landesführung ein positives Beispiel für die Fähigkeit des Landes zu schwierigen Kompromissen auch in der “Namensfrage” geben.

 Ganz anders Albanien: das bis vor 15 Jahren am stärksten isolierte Land Europas strotzt vor Optimismus und bietet – zumindest in Tirana – ein Bild des Aufbrauchs (und einer ganz ausgezeichneten Gastronomie). Hier besteht ein politisches Problem der anderen Art, als sich die (sozialdemokratische) Opposition seit der kürzlichen Wahl weigert, ihre Plätze im Parlament einzunehmen. Sie findet – im Gegensatz zu internationalen Beobachtern – dass ihr der Wahlerfolg gestohlen wurde. Kehrt sie allerdings bis März nicht ins Parlament zurück, verliert sie laut Gesetz ihre Mandate: wie es dann weitergehen soll, ist unklar. Tirana selbst prangt in vielfältiger Pracht – auch dank einer Initiative seines Bürgermeisters Edi Rama, der gleichzeitig Chef der nationalen Opposition ist. Rama ist international anerkannter Kunstmaler und hat verfügt, grosse Teile des Hausbestandes mit von ihm designten Malereien zu färbeln. Als Gastgeschenk hat er seinen Besuchern nicht nur einen Bildband mit seinen Malereien, sondern auch eine CD mit ihm als Rapper übergeben. Ein äusserst gebildeter charismatischer Politiker, der anderntags in einer im Fernsehen übertragenen Parteiveranstaltung mit lautstarkem wütenden Parolen zu Demonstrationen gegen die Regierung aufrief. Der Aufholbedarf Albaniens ist für den Besucher überall sichtbar: nicht nur am Mist, der in der Stadt, neben den Überlandstrassen und in wilden Ablagerungen an Neapel zu seinen schwärzesten Zeiten oder viele afrikanische Städte erinnert, nicht nur an den riesigen Schlaglöchern, welche Geländeautos und 10 Stundenkilometer notwendig machen, sondern auch an dem vollkommen durch Ölspills verseuchten Gebiet im Süden, in welchem seit 60 Jahren schwer schwefelhaltiges Erdöl auif archaische Weise gefördert wird – sowie an der fast landesweit durchgängigen Verhüttelung durch halb fertiggestellte Häuser (legal und illegal errichtet), wodurch weder Anbindung an nötige Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Strassen, Strom) erleichtert, noch landwirtschaftliche Produktion und öffentlicher Infrastrukturbau ermöglicht wird, da es (fast) keine durchgängigen Felder mehr gibt und Enteignungen von Häusern politisch nur schwer durchsetzbar sind.  Trotz relativ ähnlichem Einkommensniveau mit Mazedonien (Albanien: 4.000 $ pro Kopf) wirkt Albanien außerhalb Tiranas weit zurückgeblieben.

Dennoch treffen die Worte des österreichischen Botschafters in Tirana den Nagel auf den Kopf: Die Stimmung in der Bevölkerung ist ungebrochen optimistisch, während in den früheren jugoslawischen Staaten viele Menschen den “alten” Zeiten nachtrauern, in denen sie es besser gehabt hätten. Der Grund: Albanien kommt von ganz unten und hat seit seiner Abschüttelung des Steinzeitkommunismus einen fast ungebrochenen Aufschwung erlebt, an dem auch die Bevölkerung teilhat. Anders etwa Mazedonien, wo der Lebensstandard im Sozialismus relativ hoch war, Reisemöglichkeit herrschte und die Wende neben der Zerstörung vieler sozialstaatlicher Einrichtungen stockend, Unsicherheit erzeugend und die Wärme des grossen jugoslawischen Staates vermissend, erfahren wird. Die Visabeschränkungen der EU tun ein übriges.

Zurück zum Namensproblem: im internationalen Jargon figurieren Albanien und Mazedonien gemeinsam mit anderen unter “Westbalkan”. Der naive Beobachter fragt natürlich sofort – aus Konsistenzgründen – wo denn dann der “Ostbalkan” sei: den gibt es aber nicht. Die Region “Westbalkan” wurde aus 2 Gründen erfunden: einerseits, um nicht “Ex-Jugoslawien” sagen zu müssen, andererseits aber auch aus funktionellen Gründen, um die im Transitionsprozess etwas nachhinkenden Staaten der Region in einem einheitlichen Terminus zusammenfassenzu können. Denn: “Westbalkan” umfasst alle Staaten des früheren Jugoslawien, mit Ausnahme Sloveniens, zuzüglich Albanien. Über diese Zuordnung ist zwar Kroatien nicht glücklich, das sich näher bei Slovenien als bei Albanien sieht, doch muss es sich damit abfinden.

Die realen Probleme beider Länder sind groß. Um sie zu lösen, bedürfen sie aller Kräfte des Landes und der Mithilfe internationaler Institutionen. Vielleicht kann diese kleine Geschichte  den Politikern Mazedoniens, Griechenlands (und auch Bulgariens, welches jedoch bisher den Beitritt Mazedoniens nicht blockiert hat) helfen, in der “Namensfrage” möglichst bald einen akzeptierten Kompromiss zu finden – zum Wohle ihrer Bevölkerungen und zum Wohle Europas.  Dennoch: sich über diese Probleme lustig zu machen, ist verfehlt. Als Österreicher denke man etwa daran, wie „Red-Deitsch“-Kärntner mit jemandem umgehen, der „Celovec“ statt Klagenfurt sagt.

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Filed under European Union, Socio-Economic Development

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