London im März – Ein Stimmungs- und Sittenbild aus der Hauptstadt der Finanzkrise


  1. Umfragen zeigen den schwindenden Vorsprung der Tories vor Labour; die Möglichkeit eines “hung parliament”, in welchem keine der beiden Kontrahenten eine Mehrheit hat – und dahereine Koalition mit den Liberalen eingehen müsste – rückt näher.
    Unklares Programm, Widersprüchliche Aussagen der Tory-Führung, sowie die nunmehr veröffentlichte Tatsache, dass der Hauptfinanzier der Tories, Lord Ashcroft, der von Belize aus ein globales Imperium aus den unterschiedlichsten Firmen aufgebaut nhat, nun endlich zugegeben hat, dass er die Vor-Bedingung zur Verleihung seines Adelstitel, nämlich sein Einkommen in England zu versteuern, gebrochen hat (und sich dadurch angeblich mehrere hundert Millionen Pfund erspart hat, mit denen er die Tories finanziert hat), lassen den Vorsprung vor den diskreditierten Labour-Leuten mit dem ungeliebten Gordon Brown an der Spitze, auf wenige Punkte schrumpfen. Der bisher sicher scheinende Sieg bei den im Frühjahr (genaues Datum noch unbekannt) stattfindenden Wahlen ist zur Zitterpartie geworden. Widersprüchliche Aussagen über Höhe und Zeitpunkt der künftigen Budgetkonsolidierung (das Defizitbeträgt mehrals 10%des BIP), Steuererhöhungen ja oder nein, Tiefe derStreichungen von Sozialausgaben – all dies gibt ein verschwommenes Bild über die Absichten der von denMedien als typische Vertreter der reichen Oberklasse apostrophierten Tory-Führung  (gelernte Ösis erinnern sich an die Jeuness d’orée, die Helmut Qualtinger in „Der Papa wird’s scho richten“ besungen hat).
  2. Michael Foot, langjähriger Minister und Parteivorsitzender von Old Labour, der das Misstrauensvotum gegen Margaret Thatcher 1979 verlor, ist in der Vorwoche verstorben. Foot war der letzte Vertreter eines inhaltlich und mit intellektuell überprüfbaren Argumenten überzeugendes Politikers – vor dem Einbruch der TV-gerechten 5-Sekunden soundbites. Von Bildung,  Zitatenschatz und Argumentationstiefe erinnert er etwas an BrunoKreisky – auch wenn ihm dessen Hang zum Populismus ( und auch dessen Charisma) – abging. Seine letzte Parlamentsrede vor Ausbruch der Thatcher-Ära ist ein Gustostück an Redekunst, von dem heutige Politikkonsumenten nur träumen können.
  3. Zweifellos am meisten Schlagzeilen macht in den Medien jedoch der Versuch einer Fan- und Investorengruppe, die Fussball-Ikone Manchester United (die seit Anfang März wieder die Premier League anführt) von deren amerikanischen Eigentümern, der Glazer Familie, zu übernehmen. Kolportiert wird ein Kaufangebot von 1.2 Mrd Pfund. Vor 5 Jahren wurde der fast schuldenfreie Grossclub von den Amerikanern übernommen: diese luden jedoch – wie nunmehr anlässlich eines Anleiheprospekts  bekannt wurde – dem Klub einen Grossteil des Kaufpreises auf.  Der derzeitige Schuldenstand von MU begträgt mehr als 750 Mio Pfund, die Kosten seiner Bedienung fressen einen Grossteil der Klubbudgets auf – wodurch kaum Geld für den Kauf neuer Weltklassespieler besteht. Aus diesem Grund demonstrieren MU Fans seit Wochen gegen die Eigentümer. Angeführt vom Goldman-Sachs Chefökonomen Jim O’Neill (dessen Firma die Amerikaner gegen fette Gebühren beim Kauf von MU vor 5 Jahren beraten hat) will nun eine Investorengruppe, genannt die “Roten Ritter” (Anspielung auf die Klubfarbe rot, und Abwandlung von “white knights”, welche im Merger&Acquisitionsjargon einem angegriffenen Aufkaufsobjekt zu Hilfe kommen (wie der strahlende Ritter der vom Drachen verfolgten Jungfrau)) die ungeliebten Amerikaner mithilfe der Fans, welche auch zu einem Viertel am Klub beteiligt werden sollen, auszukaufen. Die derzeitigen Eigentümer denken jedoch (noch) nicht daran. Hier spielt sich also im sogenannten Sport spiegelbildlich zur Weltwirtschaft eine Übernahmeschlacht ab, eine Folge der Durchkommerzialisierung des Zuschauersports Fussball. Die Spieler, deren Einkommen sich – ohne öffentlichen Protest – in Hohe der Boni der Investmentbanker bewegen (Durchschnittssalär etwa 200.000 Pfund pro Woche), sowie der Klubmanager Sir Alex Ferguson (Salär unbekannt) verhalten sich nach aussen ruhig, sollen aber – nach Gerüchten – die Roten Ritter weitgehend unterstützen. Einige sollen sogar selbst Kaufzusagen gemacht haben. Eine langwierige Schlacht zeichnet sich ab.
  4. Ebenfalls in der Vorwoche hat der Traditionsklub Portsmouth Konkurs anmelden müssen, da auch dort – nach einer Reihe undurchsichtiger Verkaufstransaktionen – die Schulden des Klubs so hoch waren, dass Zahlungsunfähigkeit eingetreten ist. Nun gibt es – in der Krise – sicher wichgtigeres als das Geschehen um Fussballklubs, doch scheint dies hier mehr Leute brennend zu interessieren als die Wahlaussichten von Labour, die Terrorismusaktivitäten, die Probleme der britischenArmee in Afghanistan – und sogar die ausserehelichen Aktivitäten ihrer Fussballstars, die dem Kapitän der Nationalmannschaft seine Schleife gekostet haben.  Einen Eindruck von der Rolle, den Fussball hier im Leben sehr sehr vieler Menschen – vor allem, aber beileibe nicht nur jener mit niedrigem Einkommen – spielt, gibt der Ken Loach-Film “Looking for Eric” (2009), in welchem der legendäre französische MU Star Eric Cantona einem fussballbegeisterten depressivem Postbeamten und seinen Freunde Lebenshilfe gibt, zu einem Zeitpunkt, als diese sich von ihrer geliebten Hauptbeschäftigung und Lebensinhalt, Manchester United Fan zu sein, aufgrund der Kommerzialisierung und Preiserhöhung der Tickets abwenden und ihre Fantätigkeit einem kleineren Provinzklub zuwenden (müssen; ähnliches Beispiel in Deutschland: HSV vs. St. Pauli). Einer der besten Milieu-Filme des letzten Jahres!

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One response to “London im März – Ein Stimmungs- und Sittenbild aus der Hauptstadt der Finanzkrise

  1. Waltenberger

    Lieber Kurt,

    danke für die amüsanten Einsichten in britische Realitäten. Nicht uninteressant auch wie unterschiedlich doch das politische Biotop Frankreich wächst, wo die Regionales (vergleichbar in Ö etwa mit den Landtags- plus Gemeinderatswahlen) weitgehend den aktuellen öffentlichen Diskurs bestimmen, ungestört von sportlich/geschäftlichen Ereignissen. Dennoch bemerkenswert: die üblicherweise in visionärem “Chanel” gekleidete frz. Rhetorik (in Frankreich braucht man keinen Arzt, wenn man Visionen hat!) ist auf einmal ganz pragmatisch auf die Verteiling von Budgettöpfen reduziert (Stichwort Abschaffung der taxe professionnelle) sowie die Ankündigung, dass Sarkozy trotz zu erwartender Verluste bei diesen Wahlen dennoch seinen Premier Fillon halten wird.
    Unverändert und ungebrochen in Paris auch die kulinarische Vorliebe für (Steak) Frites, die, wie mir heute eine Französin erzählt hat, nur noch getoppt wird von der Liebe zu Pizza mit einem Berg Frites (eine Jubelfest in allen Parsier Kantinen) drauf. Das wars zum Thema, was sich ein Österreicher/Brite ganz sicher nicht unter frz. Nationalgericht vorstellt und wo die Realität erbarmungslos über (touristische) Romantik siegt.

    liebe Grüße INGO

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