Europa und der Stier


 Die Geschichte ist bekannt: Europa, die Tochter eines phönizischen Königs wird von Zeus begehrt, der sich, um den scharfen Augen seiner Frau Hera zu entgehen, in einen Stier verwandelt, Europa vor den Augen ihrer Gespielinnen nach Kreta entführt und – nach Zurückverwandlung – seine (ziemlich unersättlichen) sexuellen Gelüste auslebt. So weit, so schlecht.

Angewandt auf das derzeitige Drama mit Griechenland und die Eurozone („Europa“) paßt die Rolle des Stieres auf die Finanzmärkte, dh die „Investoren“. Selbsternannte Herren der Welt („Zeus“), die in der häßlichen, aber potenten Gestalt eines Stieres Europa entführen. Ob es eine Vergewaltigung oder Liebesgeschichte wird, ist derzeit noch offen – und wird vom Stier auch noch bewußt offengehalten.

Klar ist, daß Griechenland verantwortungslos gelebt hat und riesige Schuldenberge aufgehäuft klar. Klar ist auch, daß die selbsternannten Schiedsrichter über „gute“ und „schlechte“ Wirtschaftspolitik durch ihre Ratingagenturen und Handelsaktivitäten mit griechischen Anleihen so unabhängig nicht sind. Durch Hinauftreiben der Zinsspreads – angeblich weil sie von einem Tag auf den anderen „das Vertrauen“ in die griechischen Budgetkonsolidierungen (immerhin 4 Prozentpunkte des BIP in einem Jahr) verloren haben – können sie selbst gewinnen – und treiben Griechenland durch höhere Zinslasten in eine noch größere Schuldenfalle.

Klar ist auch, daß das Hin und Her der Länder der Eurozone – und hier vor allem Deutschlands – diesen Aktivitäten und der Vergrößerung der griechischen Schuldenlast Vorschub geleistet haben. Griechenland und die Eurozone („Europa“) stünden heute viel besser dar, wenn die Euroländer bereits im Jänner ihre grundsätzliche Bereitschaft zur Rettung bekanntgegeben hätten. Zumindest hätte in diesem Fall der Stier nicht mit Vergewaltigung drohen können. Rational gedacht, sollte es den anderen Mitgliedern der Eurozone und der EU zukommen, die Wirtschaftspolitik eines ihrer Mitglieder zu bewerten – und nicht selbst involvierten Finanzinvestoren, die sich selbst erfüllende Bewertungen erstellen!

Aus innenpolitischen Gründen ist es ja verständlich, daß Angela Merkel auf ihre Steuerzahlerinnnen Rücksicht nehmen muß: immerhin stehen einige Wahlkämpfe ins Haus; es ist auch verständlich, daß europäische Integration Anstrengungen aller Mitglieder braucht, nicht nur jene Deutschlands. Es ist aber nicht verständlich, wenn das größte Euroland sich zum Tugendwächter aufspielt und damit die innenpolitische Debatte über „verantwortungslose Griechen“ aufheizt – und durch sein Zieren den Staatsbankrott eines Mitgliedslandes denkbar macht.

Klar ist geworden, daß die derzeitigen wirtschaftspolitischen Mechanismen der Eurozone nicht ausreichend sind: sie waren es schon vor der Krise nicht, das Manko ist aber in der Krise besonders sichtbar geworden. Bei neuen Mechanismen kann es aber nicht nur um mehr „Peitsche“ für Defizitsünder gehen, vielmehr ist eine echte Abstimmung zwischen Fiskal-, Geld- und Strukturpolitik der Euroländer notwendig, mit bindend durchsetzbaren Vereinbarungen, welche alle – Defizit- und Überschußländer – in die Pflicht nehmen. Die Aktivierung des Euro-Hilfspaket zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds ist ein erster notwendiger Schritt. Aber Eile und Weisheit tun not: Ansonsten verschlingt der Stier Europa.

 Europe and the Bull

Ovid’s story about Zeus who transforms himself  into a bull in order to abduct the beautiful Europa, who later gives birth to 3 children, among them Minos, can be applied to the present-day Greek crisis.

Greece and the Eurozone are “Europa”, the financial markets are “the bull”. Whether the abduction becomes a love story or a rape is still open. Why do we give self-interested market participants the power to judge the adequacy of Greek consolidation efforts and profess their lack of trust in them? After all, they are supposed to yield 4 percentage points of GDP at a time of flat growth – no bad feat. Why do “the markets” change their assessment significantly from one day to the next – as seen by rapid changes in bond spreads?

Of course, Greece lived for years beyond its means and needs to right that. But why did Germany hesitate for weeks before consenting to help a member of its club? An earlier response would have saved Greece several percentage points in debt.

This crisis has shown up the inadequacy of the Eurozone’s economic instrumentarium. There is finally recognition that a strong, enforcable coordination between monetary and fiscal and structural policies – both between member countries and policy areas – is essential. The eventual EU and IMF aid package for Greece is just an emergency measure. Responsibility by all participants, both deficit and surplus countries, will be required – if the bull is not to devour our Europa.

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3 Comments

Filed under Crisis Response, European Union, Fiscal Policy, Global Governance

3 responses to “Europa und der Stier

  1. kurtbayer

    Ich verstehe nicht…..
    Kb
    Kurt Bayer
    EBRD Board Director

  2. I never understood why the European countries could not decide much earlier; at the end they did, and now the market speculates about the stability of the Euro; was it was intentional to bring the Euro down so that European exports would have more competitive prices? They scored an own goal.

    • kurtbayer

      I agree that it was an own goal; I think the damaging delay was the result of a) domestic antagonism against helping Greece in Germany (and a few others); b) a miscalculation by the German chancellor that her delay and waver tactic (“Aussitzen” as did her predecessor so expertly) would not reflect back badly on the whole Eurozone; and c) the cumbersome EU rules, especially difficult given the fact that a narrow interpretation of the no-bailout-clause of the Eurozone had prevented a mechanism for helping a Eurozone country. Let us hope that the lesoon has been learned, even if belatedly.

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