Vom Geiz zur Solidarität: Tony Judt’s Vermächtnis ?


Im  März dieses Jahres hat der todkranke Welthistoriker Tony Judt unter dem Titel “Ill Fares the Land” einen brillanten Beitrag zur “Wertedebatte” verfasst. Der Titel des Buches ist einem Gedicht von Oliver Goldsmith “The Deserted Village” (1770) entnommen und lautet im Ganzen so: “Ill fares the land, to hastening ills a prey, where wealth accumulates, and men decay” – auf Deutsch “Wehe dem Land, auf welches Plagen prasseln wie Scherben, wo Reichtümer wuchern und Menschen verderben” (meine Übersetzung, KB).  Damit ist das Thema des Buches umrissen: 30 Jahre “Neoliberalismus”, 30 Jahre Individualismus, 30 Jahre Finanzmarktexpansion, 30 Jahre zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung und Verteilung der Lebenschancen, 30 Jahre Abbau des für den Zusammenhalt der Gesellschaft so essenziellen Solidaritätsgedankens. Judt, dessen Jahrhundertbuch „Postwar: A History of Europe since 1945“ eine der besten und best lesbaren Darstellungen der diversen Geschichten Europas der letzten 70 Jahre darstellt, beklagt in seinem neuen Werk wehmütig den Niedergang all dessen, was die Stärke Europas seit der Niederringung des Faschismus und der Implosion des zweiten totalitären menschenzerstörenden Systems, des Kommunismus, ausgemacht hat: die identitätsstiftende Idee und Praxis des Wohlfahrtsstaates, der den Menschen grundlegende existenzielle Ängste vor Armut, Krankheit, Alter und Ausgrenzung genommen und dadurch zu einer unvorstellbaren Wohlstandsmehrung beigetragen hat.

Laut Judt treten wir in eine Phase der Unsicherheiten ein: ökonomische, physische und politische Unsicherheit. Dies erfordert mehr als Systemkritik, sondern aktives Tun und Verändern. Judt zeigt mithilfe eines etwas willkürlcih zusammengesetzten Zahlenfriedhof auf, dass seit den siebziger Jahren in den westlichen Ländern (natürlich sehr unterschiedlich) die Verteilung der Einkommen, der sozialen Mobilität, der Gesundheit, der Lebenserwartung ungleicher geworden ist, dass damit Kriminalität und Geisteskrankheiten zu- und der Zusammenhalt der Gesellschaft abgenommen haben. Judt geisselt die Selbstsucht, das Streben nach Geld und Einkommen, das er in den letzten 30 Jahren als zunehmend alle anderen Werte der Gesellschaft dominieren sieht. Ökonomische Effizienz sei zum Wertemasstab allen privaten und politischen Handelns geworden und hätte Keynes’ Streben nach dem “guten Leben” für alle („live wisely, agreeably and well“) ersetzt. Die Übertragung der Verantwortung für das Wohl und Wehe des Einzelnen von der Gesellschaft auf ebendiesen Einzelnen führt in die unselige Sozialschmarotzerdebatte, in die Idolisierung der reichen Sportler, Filmschauspieler und Finanzakteure – und in die öffentliche Verarmung. Diese zeige sich materiell in der schlechten physischen Infrastruktur der angelsächsischen Länder, der zunehmende Debatte über  (mangelnde) Zielgenauigkeit von Sozialausgaben, die nicht mehr allen, sondern nur “Bedürftigen” zukommen sollen, sowie in der durch die Ideologisierung des Individuums zunehmende Vernachlässigung der Bereitstellung von Öffentlichen Gütern durch den Staat. Die Verteufelung des Staates selbst (“mehr privat, weniger Staat”), die Verächtlichmachung der Beamten (auch durch die sie führend sollenden Minister) habe die Gesellschaften ärmer gemacht und bedrohe ihre Weiterexistenz.

Judt glorifiziert die dreissig Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges. Zurecht weist er auf den massiven Ausbau der Sozialversicherungssysteme in diesen Jahren hin, die Europa vom kriegszerstörten Kontinent zum reichsten der Welt machten, indem Unsicherheiten beseitigt und Ungleichheiten eingeebnet wurden. In dieser Zeit, die viele von uns, die damals aufgewachsen sind, als “normal” zu betrachten lernten, die sich aber als einmaliger Ausreisser zu entpuppen scheint, war die zunehmende Abgabenbelastung, mit der der Sozialstaat finanziert wurde, kaum ein öffentliches Problem. Die Nachkriegsverstaatlichungen nicht nur der “Öffentlichen (sic!!) Versorgungseinrichtungen”, sondern weiter Teile der systemischen Industrie waren weitgehend universell akzeptiert und deren (teilweise) Nutzbarmachung für gesellschaftliche Zwecke (man denke hier zB an die durch die OMV finanzierten Milchpreisstützungen in Österreich) als Teil der Nachkriegsplanung selbstverständlich. Diese “Goldenen Zeiten” (meine Worte, KB) waren in dieser Ausformung nur möglich durch ein weitgehendes Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in den Staat und seine Repräsentanten, die Politik und Vertrauen der Bürgerinnen zueinander. Das mag durch die weitgehende Absenz von Globalisierungstendenzen und die Identität durch Bundesländer-Affinitäten ermöglicht worden sein, und die dadurch bedingte religiöse und kulturelle Quasi- Homogenität der Gesellschaften (dh vor massiver Migration). Diese Homogenität und Kleinteiligkeit hat laut Judt sicher die Herstellung von nationalem Konsens über viele gesellschaftliche Fragen ermöglicht. Er zitiert Dahrendorf und dessen Bewunderung für die gesellschaftlichen Erfolge dieser “sozialdemokratischen Jahrzehnte”, welche den gesellschaftlichen Konsens auch in konservativ regierten Ländern prägten.

Laut Judt wurden diese paradiesischen Zustände durch die Jugendrebellionen der späten 60er und 70er Jahre zerstört. Deren Anliegen war keine gesellschaftliche Revolution, sondern das Einzelanliegen, die Selbstverwirklichung hier und jetzt. Die Neue Linke war individualistisch veranlagt, zwar am Wohl der unterdrückten Völkerschaften in Asien (Vietnam), Afrika  und Lateinamerika (Nikaragua, Chile) interessiert, aber nur wenig an dem Schicksal der eigenen Bevölkerungen. Gegen letzteres erhebe ich – aus persönlicher Erfahrung – Einspruch. Ich finde auch Judt’s These, dass die Jugendrevolten der 60er Jahre quasi Wegbereiter für den durch Thatcher und Reagan durchgesetzten Neoliberalismus gewesen wären, ziemlich gewagt, wenn ich auch dem Durchbruch des Individualismus, bzw der Gruppenegoismen vieler ökologischer und sozialer Bewegungen zustimme. Meine Interpretation ist jedoch eher, dass diese Bewegungen als Gegenbewegung zum Alles über einen Kamm scherenden Staat, der die mit dem zunehmenden privaten und gesellschaftlichen Reichtum einhergehende Differenzierung der Gesellschaft durch seine bürokratisch agierende Vorgehensweise nicht spiegeln konnte (oder wollte), entstanden sind.  Sowie als Gegenbewegung eines – im Gegensatz zu Judt – konstatierten primären Materialismus der Wiederaufbauzeit nach dem 2. Weltkrieg. Im korporatistischen Sozialpartnerstaat war für die neuen/alten Anliegen von Frauen, Minderheiten, Natur, künftige Generationen, Lesben, Schwule, kein Platz. Der fordistischen Massenproduktionsweise (Automobilindustrie als Beispiel)  im Industriebereich entsprach der Staatliche Einheitsbrei im Schulwesen, Kindergartenwesen, in der Gesundheitsversorgung.

Judt hebt die wichtige Rolle der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, verkörpert bei ihm primär durch Friedrich von Hajek, der ja einen Grossteil seines Lebens in England verbrachte, bei der ideologischen Durchsetzung des nunmehr herrschenden Neoliberalismus hervor. Dessen Verteufelung alles Kollektiven und des Staates hätten schliesslich – in der politischen Praxis von Reagan, Thatcher und Blair (!!) – den Aufschwung der “Geiz ist geil”-Mentalität ideologisch vorbereitet. Breiten Raum widmet Judt den Ereignissen von 1989, die im Zusammenbruch der Sowjetunion und der Wiedervereinigung von  Deutschland mündeten. Damit wäre die “Linke” endgültig desavouiert gewesen, und mit ihr auch alle Illusionen von einem Dritten Weg. Das “Ende der Geschichte” (Francis Fukuyama) hätte den Praktikern und Apologeten des Individualismus unangefochtenen Raum zu ihrer Selbstbereicherung gegeben, die letztlich zur weitgehenden Auflösung der Zusammenhaltskräfte der Gesellschaft (durch zunehmende Ungleichheit, durch Schwächung der solidarischen Effekte der Staatsfunktionen) geführt haben, die Judt nunmehr beklagt. Die neuen Staaten Mittel- und Osteuropas und Russland wären freudig auf diesen Zug aufgesprungen, da er dem dort vollkommen desavouierten Staat und seiner allumfassenden Macht den Garaus machte. Die zaghaften Versuche in einzelnen Staaten dieser Region, andere Wege zu gehen (man denke an polnische, tschechische und deutsche Versuche) wurden ratzeputz auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgt.

Judt konstatiert die derzeitige Dominanz des ökonomischen Effizienzgedankens über alle anderen gesellschaftlichen Werte. Er konstatiert auch eine zunehmende Intoleranz gegenüber andersdenkenden Menschen und Inhalten. Die schweizerische Minarettdebatte, das französische Burkaverbot, die österreichischen Debatten über Rechte der Slovenen sind alles Beispiele für zunehmende Konformität und Zerfall von gesellschaftlichem Konsens. Er fordert viel mehr öffentliche Debatten über gesellschaftliche probleme, nicht nur 10-Sekunden Äusserungen im Fernsehen. In der neuen Mediengesellschaft sei die Fähigkeit zur Diskussion, zur Auseinandersetzung, zum Argument weitgehend verlorengegangen und müsse wieder hergestellt werden. Dies gilt zweifellos in Österreich noch viel stärker als in England. Die Auslieferung des politischen Prozesses an Einzelinteressen vertretende Lobbygruppen (man denke hier an den Finanzbereich, die Pharmaindustrie) hätte zu einem weitgehenden Vertrauensverlust der Bürger in die Politik geführt und sei hauptverantwortlich für die zunehmende Abwendung von “der Politik”. Ein neues Verständnis von öffentlichem Dialog über die Zukunft unserer Gesellschaft, welcher weit über das Ökonomische hinausgehen solltet, sei vonnöten. Die Auslieferung dieser Entscheidungen an “die Politik”, welche den Lobbyisten hörig sei, führe zum Untergang der Gesellschaft.

Judt plädiert für ein neues “sozialdemokratisches” Zeitalter, mit dem von Keynes vertretenen Ziel des “guten Lebens”. Dies lasse eine allumfassende Gesellschaftstheorie, welche alles erkläre (er denkt hier an Karl Marx) nicht zu, sondern benötige eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze für unterschiedliche Bereiche (Tausend Blumen, KB).  Vor allem sei eine Neubewertung der Rolle des Staates als Identitätsstifter und Anbieter von Öffentlichen Dienstleistungen nötig, da nur der Staat als kollektiv aller die Interessen aller/vieler vertreten  könne. Grundvoraussetzung wäre jedoch eine Wiedererstarkung des Gleichheitsgedankens mit praktischen Erfolgen, ökonomische und gesellschaftliche Ungleichheiten wieder tendenziell einzuebnen. Gelingt dies nicht, zerfällt die Gesellschaft weiter – mit allen Folgen wie Ausgrenzung, Kriminalität, Verwahrlosung und sogar “Terrorismus”. Wenn ich es recht verstehe, plädiert Judt nicht unbedingt für einen teureren Staat im Sinne von einem höheren Staatsanteil am Nationalprodukt, sondern primär füfr einen “stärkeren Staat”, der mit unterschiedlichen Instrumenten (sowohl Mobilisierung von privaten wie auch öffentlichen Mitteln) den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert und ermöglicht. Er plädiert für die Einbeziehung von “lokalem Wissen” (sprich “Zivilgesellschaft”) in die Lösung öffentlicher Aufgaben – um damit dem heute nicht mehr adäquaten “Einheitsbrei”-Stigma zu entkommen. Er zitiert Popper wenn er verlangt, dass Staatsintervention wieder Einzelinteressen-Interventionen (von Lobbyisten, Trusts, Monopolen) verdrängen müsse, um der Marktwirtschaft den geeigneten Rahmen zu geben, die Wohlfahrt der gesamten Bevölkerung zu vergrössern. In einem (für Ökonomen leicht skurrilen) Exkurs expliziert Judt die Notwendigkeit, bei natürlichen Monopolen (wie etwa dem Eisenbahnnetz) staatlich regulierend einzugreifen, sowohl bei seiner Erstellung (ein zweites paralleles Netz, wie es marktwirtscdhaftliche Prinzipienreiter verlangen sollten, macht keinen Sinn), als auch bei der Regulierung der Nutzungsrechte einschliesslich der Preissetzung. Dieses Kapitel wirkt als ob der kleine Tony davon erstmals gehört hätte und sein neuerworbenes Wissen begierig weitergibt.

Judt’s Analyse der “enrichissez-vous” Mentalität von heute und ihrer gesellschaftszerstörenden Macht ist überzeugend und besticht durch seine präzise Darstellung und Sprache. Leider sind seine Vorschläge – so sympathisch und liebenswert sie sind – nicht sehr überzeugend. Sie wirken leicht nostalgisch und klingen eher wie fromme Wünsche als politisches Programm. Das ist aber möglicherweise von ihm so intendiert. Ich meine, Judt sieht sich hier eher in der Rolle des Moralphilosophen (a la Adam Smith und teilweise Keynes) denn als Politikberater. Seine Forderung nach Wiederbelebung des gesellschaftlichen Diskurses, zum Austausch von Argumenten, zur Entschleunigung der gesellschaftlichen Debatte  und zur Wiederherstellung von mehr gesellschaftlicher Gleichheit sowie zur Neubewertung der Rolle des Staates als Garant gesellschaftlichen Zusammenhalts sind wichtige Beigträge zur Wertedebatte. Das Buch ist von einem Atem der Trauer durchzogen, der Resignation. Dies dürfte mit Tony Judt’s unheilbarer Krankheit zusammenhängen.    

From Greed Back to Solidarity: Tony Judt’s Legacy?

The eminent historian Tony Judt, who is terminally ill, in his latest book “Ill Fares the Land , to hastening ills a prey, where wealth accumulates, and men decay” analyzes very competently the decline of social equality and solidarity which characterized the 30 years after WWII towards a society of greed, of economic efficiency fascination and a decline of society. He associates the “golden” after-war years with the presence and teachings of John Maynard Keynes in whom he sees the social and moral philosopher as much as the economist. He stresses Keyne’s objective to enable everybody to live “wisely, agreeably and well” as the ultimate goal of societal progress. The major condition to achieve this – apart from macroeconomic aspects – would be a high degree of income and social equality which enabled individuals in society to build trust towards each other, the institutions and the state.

Judt argues that it was essentially the youth revolts of the late 60s and early 70s, in their quest for immediate gratification “here and now” which destroyed this stronger sense of community and paved the way for the individualistic neo-liberal practices of Reagan, Thatcher and Blair. I would take argument with this line of thought, describing the 1968ers as rather rebelling to the materialistic priorities of their parent generation which left no room for social and cultural developments. I agree with Judt, however, that the rise of the European welfare state, its financing and it encompassing institutions, were the identity-generating achievements of the after-war years.

The last 30 years – the “villains” in Judt’s analysis, were those in which income differences increased, individual greed began to dominate and societies began to crumble – until the recent financial and economic near-collapse. Vilification of the role of the state led to under-provision of public goods, individualisation of society shifted the responsibility for society’s cohesion to the weaker and poorer members of society – who were seen as just not efficient and successful enough.

In order to stem the further loosening of social cohesion, Judt request a new form of social debate on the future of our societies, a public discourse where arguments are listened to and answered, a discourse away from the 10-second soundbites of modern television. He promotes a re-evaluation and re-strengthening of the role of the state in society as the only institutions able to provide public goods, if with participation of civil society and the private sector. And he requests a return to more equal income distributions and access to life’s opportunities (education, healthcare, old-age care, etc.). In short, he asks for a new “social democratic” age.

This is a brilliantly written book, with sharp analyses of societies’ woes. It is also a sad book, breathing the atmosphere of Judt’s illness. It is a book which is politically naive, but uplifting in spirit. It brings to mind that what we of my generation thought as the “normal state of affairs” was an exceptional period of Western history.

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1 Comment

Filed under Socio-Economic Development, Uncategorized

One response to “Vom Geiz zur Solidarität: Tony Judt’s Vermächtnis ?

  1. Hannes Swoboda

    Danke für Deinen Beitrag. Habe das Buch mit grosser Freude auf meinem jüngsten Flug nach Washington gelesen.

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