Noch einmal Tony Judt: seine sehr persönlichen Erinnerungen


Nach seinem politisch-literarischen Testament “ll Fares the Land” (Wehe dem Land; siehe meinen blog vom 8.5.2010), welches der im August 2010 nach langer ihn zur Bewegungslosigkeit und Verlust aller Körperfunktionen verurteilenden Krankheit Verstorbene im letzten März veröffentlicht hat, liegt nun einer weiteres, sehr persönliches Erinnerungsbuch vor, welches er noch im Mai fertigstellen konnte. “The Memory Chalet” (ISBN 978434020966), etwa “Das Haus meiner Erinnerungen” besteht aus einer Reihevon Kurzessays, die Judt als Privatperson zeigen mit seinen Eindrücken, Erinnerungen, Lieben und Abneigungen.

Der Titel des Buches ist für Judt doppelt bedeutsam: einerseits als erinnerungstechnische Krücke, in welcher er einzelene Lebensstationen, die Erinnerungen, die Gerüche, die Personen in seiner Vorstellung innerhalb einer von ihm als Kind besuchten Schweizer Berg-Pension erinnert, wo er einzelne Erinnerungen in Zimmern, in Kästen, in Abstellräumen ablegt und daraus nach Bedarf hervorholen kann; und andererseits durch seine Liebeserklärung an die Schweiz, besonders an Mürren, wo  für ihn Stabilität, Unveränderlichkeit, Kontinuität, Schweizer Sauberkeit und Langweiligkeit, Sinn für Tradition zu Hause ist – und das alles vor dem Hintergrund seiner eigenen globalisierten Lebensgeschichte, seiner jüdisch-englisch-amerikanischen Lebenswege, seiner unstillbaren Neugier für jene Regionen, in denen Kulturen an den Rändern zusammenstossen, sowohl regional wie zeitlich: Stabilität und Konstanz innerhalb der verrückt kommerzialisierten  und globalisierten Welt.

Judt geht in diesem Buch nicht nach zeitlichen Abläufen, sondern nach einzelnen Themen vor. In diesen Erinnerungen wird nicht nur die Lebengeschichte eines aus kargen Verhältnissen in East London aufwachsenden Menschen sichtbar, sondern seine ganz individuellen Erinnerungen an die Nachkriegsarmut in England (Lebensmittel waren bis 1954 rationiert!), an Putney im Süden, wo er mit seinen ein Friseurgeschäft betreibenden Eltern aufgewachsen ist, an ihm wichtige und vertraute Autobuslinien, die London und seine sozialen Klassen durchschnitten, an die zu Tode gekochte englische Nahrung (wir selbst sprachen immer von “Dampfnahrung”), aber auch an die Auto-Fasziantion seines Vaters, der – zur Kritik seiner Nachbarn – immer Citroen fuhr und reparierte. In Judt’s sehr klar formulierten, mit Zitaten aus der Weltliteratur und Weltgeschichte gespickten Sätzen wird seine frühe Hinwendung zum “Wort”, zur Formulierung, zur Argumentation, zur Debatte klar. Geschärft wurde dies offenbar in den freitäglichen Abendessen der weiteren jüdischen Familie, in der sich Familienmitlgieder aus unterschiedlichsten Migrationshintergründen und unterschiedlichsten politischen Richtungen lautstärkst auseinandersetzten.  Sozialisten und Konservative, Zionisten und Antizionisten, Monarchisten und Republikaner schleuderten einander Meinungen an den Kopf – und der kleine Tony hörte zu und lernte bald, sich an diesen Debatten zu beteiligen. Diese freitäglichen Abendessen bei den Grosseltern waren die einzigen jüdischen Rituale, mit denen Tony innerhalb einer nicht-jüdischen Gegend aufwuchs.

In allen Kurzessays wird Judt’s Trauer über den zunehmenden Verlust des Bewusstseins der Bedeutung der  “res publica”, des öffentlichen Gemeininteresses, klar, welches während seiner Lebenszeit, vor allem, aber nicht nur in England (und Amerika) gegenüber einem zunehmenden Individualismus, der Durchsetzung der “Ich-AG” zurücktrat. Judt macht dafür, meiner Meinung nach nicht ganz zu Recht, vor allem auch die “68”er Generation verantwortlich, mit ihrem Drang zur Selbstverwirklichung, zum Ausleben des “here and now”, zur sofortigen Befriedigung. Ich denke doch, dass dafür stärker die sich nach dem Trauma des 2. Weltkriegs immer stärker durchsetzenden Interessen der “Märkte”, des Kapitals, verantwortlich waren, denen Politiker wie Thatcher, Reagan und Bush behnbrechend Durchbruch auch in anderen Ländern verliehen – und die weitgehend vom Mainstream der EU übernommen wurden. Ich stimme Judt zu, dass “die Linke”, die 1968 zwar Revolution predigte und zu spielen versuchte, kein wirkliches Gegenmodell entwickeln konnte und sich in sektiererischen Ausgrenzungen (Masoisten, Trotzkisten, Sozialdemokraten, u.a.) erschöpfte (mit Ausnahme der unrühmlichen deutschen und italienischen mörderischen Szene). Und dass die Sozialdemokratie sich letztlich weitgehend auf die Übernahme der Marktideologie mit wohlfahrtsstaatlichen Abfederungen beschränkte. Dabei ist Judt sicher besonders von Englands “New Labour” unter Blair beeinflusst, welcher weiter in diese Richtung gin gals einige seiner kontinentaleuropäischen Parteifreunde. Judt war ein vehementer Gegner dieser „sozialdemokratischen Synthese“.

Eine zeitlang, während seiner Cambridger Studienzeit, verschrieb sich Tony Judt einem linkssozialistischen Zionismus, warb für die Idee, nahm an Studeinzirkeln teil und verbrachte folgerichtig viele Monate in einem Kibbutz in Israel. Die Beschränktheit der dortigen Interessen, die stummpfsinnige manuelle Arbeit beim Bananensortieren, das vollkommene Desinteresse der Kibbutzim an ihren palästinensischen Nachbarn und deren Schicksal, ebenso wie ihre  Unkenntnis der arabischen Lebensumstände, “heilte” ihn von seinem Zionismus und bestärkte ihn in seinem Wunsch, sich künftig dem Wort zuwidmen.

Judt’s bemerkenswerter akademischer Aufstieg von East London zum King’s College in Cambrdige,  zur dortigen Ernennung zum Fellow, zu seinen bemerkenswerten Studien- und Lehraufenthalten in einer Reihe internationaler Universitäten, bis zu seinem langjährigen Aufenthalt an der New York University wird von ihm ohne Dünkel und Arroganz beschrieben. Seine “midlife crisis” bestand hautsächlich darin, durch Zufall auf seine Unkenntnis der Verhältnisse im damals noch kommunistischen Mittel-Osteuropa aufmerksam zu werden – und als Resultat Tschechisch zu lernen, um die dortige Literatur lessen zu können. Resultat war eine intensive Befassung sowohl auf persönlicher wie wissenschaftlicher Ebene mit den dissidenten Geistesgrössen dieser Region und Epoche. Erst diese Befassung machte es ihm, der zuvor hauptsächlich Spezialist für deutsche und französische Geschichte gewesen war, möglich, sein monumentales “Postwar”, die Geschichte Europas nach dem 2. Weltkrieg, zu verfassen, und so die europäische Geschichte als Ganzheit zu begreifen.  

In Tony Judt’s Beschreibungen wird ein allen Sinnen aufgeschlossener Mensch sichtbar, der gierig sich neuen Erfahrungen hingab und sie immer in Beziehung zum historischen und sozialen Kontext setzte. Als viel reisender Mensch traf er auf die unterschiedlichsten Menschen und Gegenden – und sah immer, wie deren Lebensumstände und Sichtweisen durch ihre soziale Umgebung gbeprägt wurden.

Ärgerlich finde ich in diesem ergreifenden Erinnerungsband die Art der Beschreibung seiner Ehebeziehungen. Zwar berichtet er – eloquent wie immer – von den Diskussionen und Aktivitäten im King’s College, in welchem während seiner Zeit die alte traditionelle mönchische Lebensweise von einer die Wirklichkeiten der siebziger Jahre spiegelnden abgelöst wurden, mokiert sich auch über die US-amerikanische political correctness bezüglich “sexual harassment”, wodurch es zB Universitätslehrern verboten ist, weibliche Studenten in “ihren Büros bei geschlossener Tür“ zu empfangen – doch kommen seine eigenen (3) Ehefrauen kaum vor und wenn, dann nur als “wife number x” apostrophiert. Als Personen bleiben sie vollkommen unerwähnt und blass, mit Ausnahme seiner Ehefrau Nummer 3, bei der er erwähnt, daß sie eine Ballerina ist (klingt hier ein Anklang an den von ihm bewunderten John Maynard Keynes durch?).  Berührend ist er nur in der sehr indirekten Beschreibung seiner Tante Toni Avgael, welche 1942 in Auschwitz vergast wurde, und nach deren Namen er selbst benannt wurde.

Am stärksten ist Judt, wenn er seine (erworbene) Skepsis gegenüber allen Ideologien beschreibt. Damit setzt er seine Abscheu vor –ismen (Faschismus, Kommunismus, Feminismus, Intellektualismus, Elitismus, Marxismus, Zionismus) gleich mit jener gegenüber den Apologeten der reinen Marktwirtschaft, denen er dieselben Scheuklappen (“there is no alternative” – Thatcher) vorwirft wie jenen, die die kommunistischen Schauprozesse im Moskau der vierziger und fünziger Jahre inszeniert haben. Wenn er die seelenlosen und zusammenhanglosen amerikanischen Städte beschreibt, in denen ihm jeglicher Sinn und jegliche Möglichkeit von Gemeinschaft und Gemeinwohl abgeht, befürwortet er sogar die Arbeit der dortigen Sekten, die er als einzige Gemeinschaftssinn stiftende Institutionen sieht. Hier kommt – wie bei“Ill Fares the Land“ – seine Trauer über den weltweit verloren gegangen Sinn für Gemeinschaft und Kampf um Verbesserung des Gemeinwohles zum Vorschein.

Offen zeigt er seine Bewunderung für amerikanische Universitäten und vor allem deren gigantische Bibliotheken: er zitiert mit Begeisterung: Bloomington 7.8 Millionen Bände, Davis 3.3 Millionen Bände.

Rührend ist seine erklärte Liebe zur Schweiz und zu ihren Eisenbahnen und noch immer lebenden Traditionen. Sowohl sein mnemotechnisches Konstrukt des Gedanken-Chalets wie sein letztes Bild vom Glück, das dort haust, wo nichts passiert, sind beeindruckend. Letztlich beschreibt das auch die Situation eines Sterbenden, der mit seiner fürchterlichen Situation, nach einem sehr reichen Leben nur mehr im eigenen Kopf zu leben, zu Rande gekommen ist. “Wir können nicht wählen, wo und wie wir unser Leben beginnen, aber wir können es zu Ende kommen lassen, wo wir wollen. Ich weiss, wo ich sein werde: ich werde in diesem kleinen Zug (der Bergbahn nach Mürren) nirgendwohin fahren, auf immer und ewig”.

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