Der Prophet zählt nichts im eigenen Land………


Egon Matzners (1938-2003) Wirken.

 

Egon war und ist nicht der einzige Österreicher, auf den das obige Sprichwort zutrifft. Aber er war sicher eine jener wichtigen Persönlichkeiten, auf deren Dienste das offizielle Österreich weitgehend verzichtete und damit (auch) in der von Egon so sehr beklagten Provinzialität steckenblieb. 8 Jahre nach seinem unzeitigen Tod hat seine Witwe Gaby im Czernin Verlag ein äusserst lesenswertes Buch über Egons Wirken als Ökonom und Politikberater publiziert: Gabriele Matzner-Holzer, Egon Matzner – Querdenker für eine andere Welt. Ein politisches Vermächtnis, Wien 2011, ISBN: 978-3-7076-0332-3.

In diesem Buch spannt Gaby Egons ganze Breite des Denkens und Nachdenkens auf, sowie auch seine Frustration über mehrmals gescheiterte Ambitionen, sein konzeptuell-theoretisches Wissen auch praktisch anzuwenden. Sie schildert seine (berechtigten) Aussichten auf diverse Minister- und Stadtratsposten, auf die Leitung des Instituts für Höhere Studien in Wien, auf UNO Posten. Er fand jedoch dafür nicht die notwendige Unterstützung seiner Parteifreunde, obwohl oder vielleicht weil er Koordinator des sozialistischen Parteiprogramms von 1978 war. Diese Ablehnung hat ihn letztlich zu einem verbitterten Menschen gemacht, andererseits ihm aber auch eine Reihe von internationalen Tätigkeiten eingebracht, bei denen er viel von seinem Wissen und Denken weitergeben konnte.

Egons Arbeit war immer an realen Problemen orientiert, relevant und interdisziplinär. Das Buch zeigt seine undogmatische sozialistische Ausrichtung, stets am Wohlergehen der Menschen, der nicht Privilegierten, der Arbeitenden interessiert. Das Gemeinsame, die “res publica” , die am Gemeinwohl ausgerichtete Erfüllung öffentlicher Aufgaben war sein Lebensthema. Die Verteufelung des Staates, das dümmliche “mehr privat, weniger Staat” des Neoliberalismus und seiner intellektuellen, vor allem aber politischen Vertreter – und dessen Nachbeten durch sozialdemokratische Politiker, von Tony Blair zu Viktor Klima – war ihm ein Dorn im Auge, den er mit gewichtigen Argumenten bekämpfte und durch überzeugende Funktionsanalyse von öffentlichen Aufgaben unschädlich zu machen versuchte.

Wenn man einen Gedanken aus Egons reichem Spektrum als seine Arbeiten “wie ein roter Faden” durchziehend herausgreifen kann, ist es die Bedeutung kooperativen Handelns, an Stelle der Deifizierung des Wettbewerbs als treibendes Wachstumselement. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Egon bei einem von ihm als Leiter des Kommunalwissenschaftlichen Dokumentationszentrum 1972 organisierten Seminar in der Linzerstrasse, als er “Gefangenendilemma”, “Nullsummenspiele” und “Kooperatives Verhalten” dozierte und diskutierte. Den Gedanken, Personen, Unternehmer, Länder und Regionen durch Anreizsysteme zu kooperativem Handeln zu bringen und damit in Summe mehr zu erreichen als durch Wettbwerbsverhalten, welches vielfach als “beggar-thy-neighbor” Politik daherkommt und Werte bestenfalls anders verteilt, aber keine neuen schafft, hat er immer wieder als Leitlinie politischen Handelns betont. Egon ist immer gegen den (vielfach behaupteten) Gegensatz von Markt und Staat aufgetreten und hat wirtschaftspolitische Lösungen gesucht, wo je nach Funktion und Art Mischformen der Organisation von Aufgaben optimal sind, wo daher Zusammenarbeit von verschiedenen Akteuren, staatlichen, unternehmerischen und auch privaten (a la Zivilgesellschaft) notwendig ist.

Egon erkannte frühzeitig die von den Meadows und anderen aufgezeigten “Grenzen des Wachstums”, ohne jedoch als Konsequenz dem modischen “Nullwachstum” das Wort zu reden, da er auch in reichen Gesellschaften noch immer viele unerfüllte Bedürfnisse konstatierte . Seine Skepsis gegenüber Grünen, 68ern und manchen Intellektuellen aus Österreich mag zwar übertrieben gewesen sein, sie zeugt jedoch von seiner Eigenständigkeit, die sich keinen Moden anpassen wollte. Der Arbeitswelt und ihren Folgen für die Arbeitenden und Arbeitslosen, bzw. schlecht entlohnten Praktikanten widmete er einen grossen Teil seiner Arbeitskraft, vor allem als zuständiger Direktor des Berliner Wissenschaftszentrums.

Seine, meiner Meinung nach, wichtigste Aufgabe erbrachte er jedoch in seiner Arbeit mit der “Agenda” Gruppe, einer international zusammengesetzten Ökonomengruppe, welche sich argumentativ vehement gegen die Jeffrey Sachs’sche “Schocktherapie” für den Übergang der ex-kommunistischen Länder zur Marktwirtschaft wandte. In vielen Arbeitsgruppen und zwei Publikationen (’Der Markt-Schock” (1992) und “After the Market Shock” (1994)) legten er und seine Mitarbeiter (darunter der Schreiber dieser Zeilen) dar, dass die mit der Schocktherapie verknüpfte Zerstörung der bestehenden Institutionen unweigerlich zum nunmehr (vor allem in Russland, aber auch einer ganzen Reihe anderer Nachfolgestaaten) eingetretenen Raubkapitalismus führen muss, zur immensen Verschleuderung von Volksvermögen, zur Bereicherung weniger und Verarmung der vielen – und letztlich zu einem instabilen Wirtschafts- und Sozialgefüge, welches nicht nur die Erwartungen seiner Bürger in das Ende der Staats-Misswirtschaft enttäuscht, sondern auch für Europa und die Welt eine Zone der Instabilität darstellt. Statt dessen forderten die Agenda-Leute (ohne Erfolg) primär den Aufbau neuer, die Marktwirtschaft unterstützenden Institutionen, ohne welche das Recht des Stärkeren Einzug hielt, die Stabilisierung des Monetärsektors, eine gezielte Industriepolitik, die auf “infant industry” Argumenten aufbaut, sowie den Aufbau eines Finanzsektors, der auf Grund und Boden basierend, eine eigene stabile Währung schaffen könnte. Die heutige Krise in der Region zeigt, dass viele dieser Analysen richtig waren – auch wenn sie sich politisch nicht durchsetzen konnten.

Egon Matzner war immer ein Unterstützer der Europäischen Union und Österreichs Beitritt, auch wenn er schon sehr früh die Deflationstendenz der EU-Wirtschaftspolitik kritisierte. Deren vorrangige Ausrichtung auf Reduzierung des Fiskaldefizits (ungeachtet der öffentlichen Aufgaben), der Standortkonkurrenz und des Lohndumping sah er schon früh als den Keim der nunmehr zutage getretenen Ungleichgewichte an. Meines Erachtens machte Egon seine Kritik, vor allem in seinen letzten Jahren, zu stark an Deutschland fest (manchmal sprach er von einem zweiten “Anschluss”). Von der Tendenz her lag er jedoch, frühzeitig, richtig.

Als bekennender Österreich-Patriot wandte er sich scharf gegen die in Österreich vor allem in den achtziger und neunziger Jahren verbreitete Kritik österreichischer Schriftsteller und Intellektueller am eigenen Land als Nazipfuhl. Er sah sehr wohl die Unzulänglichkeiten der österreichischen Aufarbeitung seiner Vergangenheit, sah jedoch auch die damit aufkeimende “Betroffenheitsindustrie”, die er ablehnte. Er wollte eher in die Zukunft schauen und sah vor allem in seinen (früheren) sozialdemokratischen Parteifreunden eine Verdrängung der so wichtigen Zukunftsthemen durch das “Wühlen in der Vergangenheit”.

Vor allem in seinen letzten Jahren beklagte er die zunehmende Iddeenlosigkeit sozialdemokratischer Politik, die intellektuelle Austrocknung, den gegenüber Finanzinteressen allzu willfährigen Nachvollzug neoliberaler Dogmen durch Sozialdemokraten und die Provinzialisierung der österreichischen Politik. Schon in seinen frühen Forschungsjahren hatte er es sich mit Partei- und Gewerkschaftsspitze verscherzt, als er die versteinerten Proporzstrukturen der Managerauswahl in der Verstaatlichten Industrie kritisierte und (zu Recht) meinte, dass viele der folgenden Ausverkäufe, Schliessungen und Schrumpfungen durch international erfahrene professionelle Manager, bzw. Aufsichtsorgane verhindert worden wären. Solche Gedanken waren nicht sehr beliebt, auch wenn sie heute noch täglich ihre Aktualität beweisen.

Gaby Matzner versteht es ausgezeichnet, Egons Gedankengänge anschaulich und thematisch gegliedert zusammenzufassen und in einer nicht-technischen Sprache, sehr gut lesbar, zu erläutern. Sie schafft es, übersichtlich eine Wirtschafts- und Ideengeschichte (partiell zwar, dennoch sehr wichtig) der letzten 40 Jahre in Österreich anhand der Überlegungen eines äusserst geradlinigen, kreativen und unerschrockenen und (für die Mächtigen) unbequemen Sozialökonomen zu beleuchten. Wenn ich mir einen Kritikpunkt erlaube, so ist es der inflationäre Gebrauch des “Washington Consensus” als Gottseibeiuns. Der Begriff steht in dem Buch, relativ undifferenziert, für neoklassische, bzw. neoliberale Positionen. In seiner ursprünglichen Form war er jedoch als Beschreibung der sozio-ökonomischen Voraussetzungen tragfähigen Wachstums spezifisch für Lateinamerika gedacht, und nicht als Paradigma für hoch entwickelte Länder wie Österreich. Abgesehen von dieser (falschen) Zuschreibung führt die inflationäre Verwendung dieses Begriffs tendenziell zu undifferenzierter Analyse, statt zu, wie von Egon immer wieder gefordert, an der Funktion der einzelnen Institutionen und Probleme selbst ausgerichteten Analyse und Diagnose.

Egon Matzner war ein Politökonom der Sonderklasse. Es ist für Österreich ein bleibender Verlust, dass sein offizieller Teil ihn ausgegrenzt hat. Für das in Österreich herrschende Insider-System bei Personalauswahl war er zu unabhängig, zu unberechenbar. Es ist ein grosses Verdienst von Gaby Matzner-Holzer, uns diesen humanistischen Denker nahegebracht zu haben. Es ist ganz erstaunlich, wie viel von Egons Denken heute noch relevant ist.

 

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3 Comments

Filed under European Union, Fiscal Policy, Global Governance, Socio-Economic Development

3 responses to “Der Prophet zählt nichts im eigenen Land………

  1. Hannes Swoboda

    Danke für Deinen Kommentar. Ich hatte Gelegenheit mit Egon Matzner eine Zeit lang eng zusammen zu arbeiten,nämlich bei der Erarbeitung eines Entwurfs des Parteiprogramms im Auftrag von Bruno Kresiky und organisierte auch einige Veranstaltungen mit ihm, die in der Wiener Partei damals nicht gut aufgenommen wurden. Da kann ich nur bestätigen, dass er links aber eigenständig und unkonventionell gedacht hat. In vielen Gedanken und Thesen war er seiner Zeit voraus. Leider bekam er nie die Chance zu einer konkreten politischen Umsetzung. Und das hat ihn auch tief enttäuscht.

  2. Christina Leb

    Danke fuer diesen Hinweis! Hoechst interessant.
    Ein gutes Neues Jahr!

  3. Werner Kiene

    Eine ausgezeichnete Zusammenfassung ,
    Vielen Dank !

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