Die Freuden der privatisierten Eisenbahn – ein Fallbeispiel


 An einem schönen Sonntagmorgen machte ich mich per U-Bahn (nachdem ich gecheckt hatte, ob sie an diesem Wochenende wohl fährt – ca. 1/3 aller U-Bahnlinien in London sind am Wochenende aus Reparturgründen eingestellt) auf zum Bahnhof King’s Cross/St. Pancras. Von dort wollte ich, angeregt durch meinen Wanderführer, nach dem schönen Harlington in Bedfordshire fahren, eine ca. 50-minütige Fahrt (laut Reiseführer und Fahrplan).

Aus dem U-Bahnschacht herausgekommen, kaufte ich mir bei der ersten Ticket-Maschine das entsprechende Ticket. Im Bahnhof suchte ich dann erfolglos die üblichen Anzeigetafeln, auf denen die einzelnen Haltestellen der Zugstrecken gelistet sind, damit ich auf der elektronischen Abfahrtsanzeige (welche nach dem jeweiligen Endbahnhof geordnet ist), das Gleis des von mir angepeilten Zuges finden könnte. Normalerweise gibt es diese Tafeln auf jedem Londoner Bahnhof – hier diesmal nicht. Daher stellte ich mich bei einem Info-Schalter an, wo ein einzelner lustloser Mensch ununterbrochen Apfel aß und zwischendurch den einen oder anderen Fragenden „bediente“. Bis ich drankam, war der von mir angestrebte Zug längst abgefahren.

Der Auskunftmensch schaute endlos in seinen Bildschirm, dann sagte er mir, daß heute überhaupt kein Zug in mein Kaff führe, da die Strecke gesperrt sei. Am Tag vorher, als ich mir aus dem Internet die Züge herausgesucht hatte, war davon keine Rede. Also ging ich frustriert zum nächstliegenden Ticketschalter, um mir mein Geld zurückgeben zu lassen, aber: nach wiederum langem Warten sagte mir der Ticket-Beamte (in England natürlich kein „Beamter“, sondern allenfalls Vertragsbediensteter, eher noch „neuer Selbstständiger“), daß ich das Ticket nicht bei ihm gekauft hätte und ich zu meiner ursprünglichen Ticketmaschine zurückgehen müßte. Nach langem Suchen fand ich diese wieder und daneben auch einen Ticketschalter. Vor dem stand fast niemand, daher kam ich rasch dran, wurde allerdings durch die Auskunft enttäuscht, daß ich hier in King’s Cross wäre, „mein“ Zug aber von St. Pancras führe, sie hier daher für mich nichts tun könnten. Ich hatte, wie offenbar auch das Internet, King’s Cross/St.Pancras immer für einen Doppelbahnhof gehalten, wo Kassa, Auskunft, U-Bahn Station, etc. für beides gälte.

Also marschierte ich über die Straße zur neuen St. Pancras (von dort fahren auch die Züge durch den Chunnel nach Brüssel und Paris), fand aber auch dort keine Anzeigetafel, nach langem Suchen aber einen Ticketschalter. Der freundliche Mensch suchte lange im Computer – und sagte mir dann, daß dieser Ticketschalter nur für die X-Company wäre, mein Ticket aber von der First Capital Connect (FCC) Company ausgestellt worden sei, ich also dorthin müßte. Inzwischen waren 45 Minuten vergangen. Weitere 5 Minuten für die Suche nach dem Schalter von FCC. Dort ein Wunder: die Beamtin sagte mir, daß „mein“ Zug, dessen Endstationsie mir sogar nennen konnte und wolltei, in 10 Minuten abführe, da die Gleise plötzlich wieder hergestellt worden seien.

Ich rannte also zum entsprechenden Bahnsteig, der vollkommen verlassen war – aber immerhin auf der Anzeigetafel den ursprünglich von mir angepeilten Zug (der also vor einer Stunde hätte abfahren sollen) mit der Bemerkung anzeigte, daß er eingestellt sei. Eine zweite Anzeige sagte, daß dieser Zug durch einen anderen ersetzt würde, der in 15 Minuten (!“!) abführe. Langsam tröpfelten mehr und mehr Leute ein, und endlich – nach weiteren 35 Minuten kam ein Zug, in den ich einstieg. Nach einiger Zeit kam der Schaffner, schaute verständnislos mein Ticket an und sagte, daß dieses Ticket nur für die Züge der anderen Company gelte, die auf diesen Gleisen führe. Ich hätte die Wahl, entweder bei der nächsten Haltestelle auszusteigen, oder – und das betonte er mehrmals – er ließe mich kulanterweise auf ein „Universal Ticket“, mit dem ich Züge beider Gesellschaften benützen dürfe, aufzahlen – immerhin ein Aufpreis von 30% vom Ursprungspreis. Resigniert legte ich 8 GBP hin. (Dasselbe gilt auch für die Fahrt von Gatwick nach London Bridge, wo 2 verschiedene Gesellschaften mit 2 verschiedenen Tickets fahren).

Fazit: Eisenbahnprivatisierungen, bei denen mehrere Gesellschaften Züge auf denselben Gleisen führen, sind zu vermeiden: ÖBB merk’s. Diese kleine Fallstudie vernachlässigt die negativen Effekte der 1993-Privatisierung und die Schaffung von 25 Einzelgesellschaften, wie die größeren Verspätungen, die Zunahme der tödlichen Unfälle, sowie die Tatsache, daß einzelne Gesellschaften wieder vom Staat übernommen werden mußten, da sie weder ihre eigenen Gewinnziele erreichten, noch die in den Lizenzverträgen zugesagten Investitionen und –Serviceverbesserungen durchführten. Neben einheitlichen Fahrplänen wären wohl auch einheitliche Tickets erstrebenswert.

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