Bosnien: Kann Politik von Fußball lernen?


 Kürzlich hat der Weltfußballverband FIFA Bosnien suspendiert, da der Bosnische Verband keine adäquaten Führungsstrukturen hat: statt des von der FIFA geforderten einzigen Präsidenten hat der bosnische Verband derer drei – wie üblich in diesem vom Dayton Abkommen bestimmten Land – einen bosniakischen, einen kroatischen und einen serbischen Teil-Präsidenten. Durch die Suspendierung kann weder die bosnische Nationalmannschaft, noch können bosnische Klubs an internationalen Spielen teilnehmen. Dies betrifft konkret die Ausscheidungsspiele für die nächste Europameisterschaft, wo Bosnien anfangs Juni gegen Albanien und Rumänien antreten sollte.

Zur Lösung der Krise hat die FIFA einen „Normalisierungsausschuß“ eingesetzt, dem auch Ivica Osim, der ehemalige Sturm-Graz Trainer, angehört. Dieses Komitee soll eine neue Generalversammlung des bosnischen Verbandes vorbereiten, welche hoffentlich FIFA-adäquate Führungsstrukturen beschließen wird.

Wie erinnerlich, hat das Dayton Abkommen 1995 den fürchertlichen Bosnienkrieg beendet. Zur Befriedung der Kriegsparteien wurden zwei „Entitäten“, die Republika Srpska und die bosniakisch-kroatische Föderation geschaffen. Letztere besteht aus 10 Kantonen, ebenfalls nach ethnischen Kriterien zusammengesetzt. Die Entitäten und die Kantone besitzen je ein Parlament und eine Regierung – zusammen mit dem Staatsparlament und der Staatsregierung gibt es fast 200 Minister und mehr als 1000 Parlamentarier in diesem kleinen Staat – ein teurer „Spaß“. Nach der letzten Wahl zum Nationalparlament im Oktober 2010 ist es bisher nicht zu einer Konstituierung des Parlaments und der Einsetzung einer neuen Regierung gekommen, da das Staatspräsidium, das ebenfalls aus 3 Personen (siehe Fußballverband!!) besteht, aufgrund von Streitigkeiten von 3 Parteien, wer die „Kroaten“ vertritt und damit das kroatische Mitglied des Staatspräsidiums nominieren darf, nicht konstituiert werden kann. Die beiden nationalistischen kroatischen Parteien – unterstützt in diesem Fall von Milorad Dodik, dem Präsidenten der Republika Srpska – versuchten, „ihren“ Kandidaten zu nominieren, gegen den Willen der stärkeren halbwegs multiethnischen sozialdemokratischen Partei – und wurden vom Hohen Repräsentanten Valentin Inzko zurückgepfiffen, der diese Nominierung annullierte.

In der Zwischenzeit hat Bosnien seit vielen Monaten keine Staatsregierung und kein Staatsparlament, wodurch viele der der Staatsspitze vorbehaltenen Materien, wie zB die weitere Annäherung an die EU, stagnieren. Die taktischen Machterhaltungsmanöver der der Politiker verhindern, daß diese ihren Job zum Wohle der StaatsbürgerInnen tun!

Die bosnische Bevölkerung scheint diese langdauernde Stagnation, die seit dem gescheiterten Versuch, 2006 eine neue, Dayton überwindende Verfassung zu schaffen, andauert, mit Resignation und Emigration zu „akzeptieren“. Sie ist nichts anderes mehr gewohnt.

Die Fußballkrise aber scheint die Bevölkerung zu mobilisieren, da es hier an eine alle betreffende Bedrohung der Volkskultur geht. Man mag zu Fußball stehen, wie man will: aber wenn diese Mobilisierung zur Lösung der Fußballkrise führen sollte, was auch unter der weisen Führung Ivica Osims zu hoffen und erwarten ist, könnte dies vielleicht auch weitergehende Folgen für die politische Eiszeit haben und zumindest Teile davon zum Schmelzen bringen.

Daher: Hoffen wir auf die baldige Lösung der Fußballkrise, damit Bosnien wieder in diesem Bereich international akzeptiert und integriert ist und seine Europaspiele, die Spiele von Teams in internationalen Bewerben – und auch die Spiele von Schülermannschaften außerhalb des Landes – wieder stattfinden können. Und dann stellen wir diese Lösung als beispielgebend dafür hin, daß Bosnien auch über seine Fixierung auf 3 Ethnien (andere sind übrigens von politischen Ämtern ausgeschlossen, was schon den Internationalen Gerichtshof aufs Tapet gerufen hat!) aktionsfähig ist, wenn es um nationale Anliegen geht.

Fußball darf nicht das einzige lösungswerte nationale Anliegen bleiben: Merkt es, Politiker!!

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2 Comments

Filed under Socio-Economic Development

2 responses to “Bosnien: Kann Politik von Fußball lernen?

  1. Amelie Eulenburg

    Zum Thema Fussball in Bosnien passt ein Gespraech welches ich letzte Woche bei der Evaluierung eines Projektes mit einem Mitarbeiter des Transportministeriums in der BIH Foederation fuehrte: er war grosser Fan des FK Zeljeznicar Sarajevo und ich fragte ihn wie die Liga in BiH zusammengesetz t sei und welches die groessten Konkurrenten seien. Er seufzte und sagte dass die Fussballandschaft frueher (i.e. vor dem Krieg) richtig spannend und interessant gewesen sei, heute gaebe es ja in einem so kleinen Stueck Land wie BiH gar keine richtigen Vereine und erst recht keine Gegner fuer einen Traditionsverein wie den FK Sarajevo. Ich schlug vor, sie sollten doch versuchen eine Art Regionalliga zu bilden, mit interessierten Vereinen aus den Nachbarlaendern. Da schaute er erst Recht traurig und sagte: dann geht alles sofort wieder los , man braucht sich nur bosnische Fussballhooligans nach einer Niederlage in Zagreb oder Belgrad vorzustellen, bzw. umgekehrt. D.h. es gibt leider nicht nur ein internationales sondern auch ein ‘nationales’ Fussballproblem. Ob das aber die FIFA interessiert?

    • kurtbayer

      Ja eh: leider schließt das eine das andere nicht aus; dennoch gebe ich die Hoffnung, daß eine mögliche Lösung der “FIFA-Krise” auch den Politikern zumindest ein bißchen die Augen über ihre Abmauerungspolitik öffnet, nicht auf

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