Der Jogging-Knigge: eine interkulturelle Ministudie über den Verhaltungskodex beim Laufen


Zuerst ein Outing: ich bin seit vielen Jahrzehnten eine Frühmorgens-Jogger. Da ich in einigen verschiedenen Städten gelebt und gejoggt habe, ist es Zeit, einen kleinen Knigge zu veröffentlichen – quasi als Leserhilfe, damit man weiß, wie man sich in den einzelnen Ländern/Städten zu verhalten hat:

1. Wien
Laufen im Prater: normalerweise läuft man vor sich hin, schaut auf den Boden, hebt ab und zu den Blick und grüßt – oder auch nicht – Entgegenkommende; mit jenen Menschen, die man immer wieder trifft, tauscht man ein Lächelns des Einverständnisses aus – oder auch nicht. Erwartungshaltung: niedrig halten, um nicht enttäuscht zu werden; im Zweifel eher bei sich selbst bleiben!

2. Washington, D.C.
Jeder und jede einzelne, der einem entgegenkommt, bzw. den man überholt, grüßt – außer es ist ein Europäer. Sogar der sonst nicht für seine soziale Kompetenz bekannte jetzige Weltbank-Präsident, Bob Zoellick, hat am C&O Kanal wochenends immer gelächelt. Jene, die man nach einiger Zeit kennt, bleiben manchmal stehen und wechseln einige Worte: über das Wetter, über die Jahreszeit, über Joggen im Allgemeinen, über den Präsidenten. Erwartungshaltung: hoch; jene, die keinen Kontakt wollen, sollten eher ins Fitness-Studio und dort am Laufband mit dem Fernseher kommunizieren.

3. Almaty, Astana
Als einziger Läufer weit und breit wird man verständnislos, aber freundlich angeschaut. Die Leute geben einem mit ihrem Blick zu verstehen, daß sie einen für verrückt halten: wer läuft schon ohne Not – sicherlich kein Kasache! Erwartunghaltung: unbestimmt, da Neuland

4. Sarajewo
Auch hier ist man als Läufer, geschweige denn als Läuferin, eher allein. Die Blicke der Leute sagen allerdings, daß sie so etwas schon einmal gesehen haben – im Gegensatz zu den Kasachen, selbst aber auch lieber mit dem Auto fahren als zufuß gehen. Erwartungshaltung: neutral

5. London
Auch nach 3 Jahren und (fast) täglichem Laufen ist es mir bisher noch nicht gelungen, auch nur einen einzigen Blickkontakt mit Läufern aufzunehmen. Man schaut starr vor sich hin und vermeidet Blickkontakt. Sogar der manchmal am Regents-Kanal frühmorgens auftauchende Bürgermeister Boris Johnson (im meist unmöglichen Outfit) schaut starr vor sich hin, statt grinsend Wählerstimmen auf sich zu ziehen. Erwartungshaltung: null; jede Erwartung, durch Laufen vielleicht den einen oder anderen sozialen Konakt zu bekommen, muß an der Kassa abgegeben werden. Die Angst, bei Blickkontakt irgendwo unanagenehm hineingezogen zu werden, scheint den Londonern genetisch eingepflanzt zu sein – und hat offenbar auch auf die nicht-indigenen Läufer ausgestrahlt – lauter kleine oder große „Ich bin Ichs“.

Fazit: Wer regelmäßig joggt, sollte seine Erwartungshaltung über Blick- und/oder Sozialkontakte den Stadtverhältnissen anpassen, um keine Enttäuschungen zu erleben.

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1 Comment

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One response to “Der Jogging-Knigge: eine interkulturelle Ministudie über den Verhaltungskodex beim Laufen

  1. Renate Traxler

    Deine subjektiven internationalen Vergeiche sind recht interessant.
    Ich begegne bei meinen Läufen, allerdings nicht in der Stadt, immer wieder anderen Läufern, die ich zumindest grüße und mit denen sich auch hin und wieder Gespräche ergeben. Das empfinde ich recht angenehm.
    Ich kann aber auch nachvollziehen, dass jemand, der zum Beispiel für einen Wettlauf trainiert oder was immer, kein Interesse für Sozialkontakte hat.

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