Zwei Opern, zwei Welten/ Two Operas, two Worlds


Zuerst eine Figaro-Aufführung in der English National Opera, deren Spezifizität es ist, die Opern in Englisch aufzuführen. Regie wurde von Fiona Shaw, einer exzellenten Theaterschauspielerin und Theaterregisseuse gemacht, die sich erstmals (?) an einer Oper versuchte. Mit sehr eindrucksvollem, aus gegeneinander verschobenen weißen Wänden, die sich leider allzu sehr auf der Drehbühne drehten und dadurch immer neue Einblicke in unterschiedliche Räume mit unterschiedlichem Personal boten. Im letzten Akt sind diese Wände bis auf ca 30 cm versenkt und geben ein sehr passendes Labyrinth ab, in dem sich die unterschiedlichen vermeintlichen Sexualpartner tummeln.

Die Produktion leidet an einer hyperaktive Schar  an Nebendarstellern (Bedienten), die ununterbrochen Stiefel putzen, Wildschweine zubereiten, Tische decken, etc.  – und auch eine Reihe von für mich vollkommen unverständlichen Aktivitäten (Belauschen?, fotografieren?, Wache stehen? Staubsaugen?) ausführen, die von der wunderschön gespielten und noch besser gesungenen Musik ablenken. Irritierend auch, daß die Ouvertüre nicht vor geschlossenem Vorhang, sondern bei offenem und mit hin-und herlaufenden Gestalten gestört wurde, sodaß die sonst so willkommene kontemplative Einstimmung auf das Kommende nicht möglich war. Warum ganz zu anfangs Don Basilio eine lange herumbrummende Hummel in den Saitenteil des Klaviers einsperrt – wo sie leiser und tiefer weiterbrummt, entzieht sich jeglicher Deutung meinerseits.

Statt das Ehezimmer zu vermessen, wie üblich, zählt Figaro Geld oder Rechnungen, aber das stört nicht weiter. Der insgesamte Eindruck der Inszenierung ist, daß die Regie zu wenig auf die Kraft der Musik vertraut und jede einzelne Szene darstellerisch zu vervielfachen sucht – nicht durch die Progonisten selbst, die eher statisch, dennoch glaubwürdig, agieren, sondern durch unnotwendig herumirrendes Personal.

In der Personenführung ist Figaro eher als durchtriebener Zyniker gezeichnet, dem man die Liebe zu Susanne weniger glaubt als seinen Haß auf den Grafen; Susanna sehr glaubwürdig, die Gräfin weniger elegisch als depressiv, dadurch aber letztlich nicht so sehr plausibel als jemand, die die öffentliche Erniedrigung des verlorenen Ehegatten plant – dennoch insgesamt sehr eindrucksvoll. Der Graf als aufbrausender Macho mit Strauss-Kahn-Allüren, dem sein Ansehen nach außen (Ehre!!) wichtiger als jenes innerhalb seines Schlosses ist. Er tritt in der letzten Szene im Garten  ohne Hosen auf, versucht, die vermeintliche Susanne von hinten zu nehmen (ziemlich brutal) und ist letztlich zufrieden, seine Gräfin durch ihr Verzeihen weiter betrügen zu können. Besonders skurril, wenn auch nicht unpassend, war die Darstellung von Barbarina als heutiges englisches Komatrink-Punk-Mädchen, die betrunken mit der Flasche in der Hand auf der Szene herumtorkelnd, dabei zuerst Cherubino, dann am Beginn des letzten Aktes die Nadel sucht. Sängerisch ist an diesem „Figaro“ kaum etwas auszusetzen, besonders beeindruckend Susanna, Gräfin und Almaviva.

Ganz hervorragend ist die englische Übersetzung, teils gereimt, sehr gut der Musik angepaßt und vielfach sehr witzig, wenn auch manchmal zu sehr mit heutigem Slang liebäugelnd.

Alles in allem eine sehr gelungene Produktion, die von mehr Zurückhaltung der Regie profitiert hätte.

 

 

 

Fiona Shaw is a great actress. She may also be a great theatre director. As a opera director she still has to learn to take the music more seriously and not to attempt to work out every single action by staging hyperactivity. This is my review of a recent Figaro at English National Opera. A highly articulate English translation of Daponte libretto, frequently funny, sometimes too slangy, together with Mozart’s heavelny music do not need an over-abundance of frequently distracting staging ideas.

This is not to say that it was not an utterly enjoyable evening, but less would have been more. Why do we need a bumblebee buzzing about before the ouverture, and again before act III, why can we not have the overture with the curtain closed, instead of open and millions of persons running back and forth performing all kinds of Palace personnel, again very distracting.

The scenery, however, is fantastic: a set of parallel while walls which when turned with stage machinery, open very different vistas in very short timespans. In the final scene, these walls are reduced to around 20 inches, to symbolize a labyrinth in which the various sexual partners move trying to find each other (finding different ones).

Conducting by Paul Daniel and the orchestra were excellent, singing, especially by the statuesque Countess (Kate Valentine), less elegiac than offended and Devon Guthrie as feisty Susanna was outstanding. Roland Wood as Count Almaviva was more brutal Strauss-Kahnesque macho and egocentric boor than enlightened monarch, but a credible singer, while Iain Paterson as Figaro was more convincing as a hater of his master than as lover of his Susanna.

All in all, less (in staging) would have been more (enjoyment). Still, a memorable evening.

 

 

A deeply moving, musically highly original work is the contemporary Polish composer’s Mieczyslaw Weinberg’s „The Passenger“, also at English National Opera. This is a very „German“ story of a couple on a steam in 1960, the husband being deployed to a new diplomatic assignment in brazil. While they are revelling in their love, the wife, Annalise, sees a mysterious female co-passenger, who brings back her hidden memory of being an SS guard in Auschwitz 15 years earlier. This woman reminds her strongly of Marta, a Polish prisoner, whom Annalise purported to protect, only to have her advances rejected – which resulted in Marta’s fiancee being exgterminated and Marta being sent to the „black block from where nobody returns“. On revealing her story (half-heartedly) to her husband, she maintains of only having followed orders and fufilled the wish of „our fuehrer“, of not having committed a crime and of wanting to forget everything. Her husband, worried about his career, confirms her wish for oblivion. In very moving restrospective scenes, the horrors of Auschwitz are vividly brought to life. In the end, Marta in today’s life shows that her own memories of Auschwitz, of her exterminated friends and fellow prisoners, can never be erased from her mind and through her and other survivors will live on forever.

An extraordinary staging concept by David Pountney (co-production with Bregenz festival) has split-level arrangements: on the top level the gleaming white ship with its white=dressed passengers and crew, below the miserable barracks of Auschwitz, insinuating both the individual prisoner’s filthiness and desperation, and the industrial-sized machinery of destruction. All this illustrates the story – which has an excellent, unusual libretto – very credibly.

The music is both very, very dramatic, but in the love and friendship scenes of the concentration camp also very lyrical. Richard Armstrong’s conducting produced an excellent orchestra sound, but most unusual is the quality of the singing, especially by Annaliese (Michelle Breedt) and Marta (Giselle Allen), but also by the other large female cast and by Annaliese’s husband Walter (Kim Begley).

The characters are reminiscent of the cold sadism and „Pflichterfuellungs-Geist“ described so horribly by Jonathan Littell („The Well.Meaning“; Die Wohlgesinnten), and the attempts to obliterate the horrible past by starting a completely new life in „The Reader“ byBernhard Schlink.  Weinberg’s impressive opera is an abolute must for today’s generations: grandiose music illuminating one of mankind’s worst eras.

 

Eine sehr „deutsche“ Oper ist Mieczyslaw Weinberg’s „The Passenger“ als (vergebliches) Vergangenheitsbewaeltigungsdrama der juengsten deutschen Geschichte. 1961 wird ein deutscher Diplomat per Schiff auf einen neuen Posten in Brasilien geschickt. Auf der Ueberfahrt trifft seine Frau Annaliese auf eine vermeintliche Erinnerung ihrer – bisher verschwiegenen – Vergangenheit als SS-Aufseherin in Auschwitz, Marta, ein polnischer Haeftling, den sie als Rache fuer derenUndankbarkeit in den „schwarzen Block, aus dem niemand wiederkehrt“ geschickt hat, nachdem sie deren Braeutigam hat toeten lassen. Die immer wiederkehrende Erinnerung an ihre Geschichte, die die Karriere ihres Mannes zu beenden droht („ein deutscher Diplomat mit einer Ex-SS Aufseherin als Gattin?“) laesst sie ihrem Mann Teile ihrer Geschichte erzaehlen, die in der Oper wiedergegeben werden. Sie habe nur ihre Pflicht getan, dem Fuehrer und Vaterland gedient und sei verletzt gewesen von dem Hass der Haeftlinge, die auch die kleinste Wohltat nicht haetten zu schaetzen gewusst. Die Versuche, endlich alles zu vergessen und neu anzufangen, gelingen nicht.

Eine spektakulaere Inszenierung mit geteilter Buehne: oben, in strahlendem Weiss das Schiff und seine Gaeste, unten in sehr Dunkel, die Innen- und Aussenseite der Haeftlingsbaracken in Auschwitz, mit verdreckten, ausgemergelten Gestalten, die sich trotz des Irrsinns immer wieder ein wenig Menschlichkeit zu bewahren und einander zu geben suchen. Das Industrielle der Todesmaschinerie wird durch riesige Metallkessel und Bahngeleise eindrucksvoll dargestellt.

Weinberg geht mit dem heiklen Thema sehr eindrucksvoll um: hochdramatische Tonfolgen, gefolgt von Sprechstellen der SS-Schergen und sehr eindrucksvollen lyrischen Passagen bei den „menschlichen“ Szenen machen den Abend unvergesslich. Saengerisch besonder hervorzuheben sind (wieder einmal) die Frauen, Marta (Giselle Allen) als nicht zu brechende Liebende und Annaliese (Michelle Breedt) als tussyhafte Aufseherin im vollen Bewusstsein ihrer Macht und als vergessen wollende, aber nicht koennende Diplomatengattin 15 Jahre spaeter. Kim Begley als opportunistischer Ehemann Walter von Annaliese auch sehr stimmstark und glaubwuerdig, sowie auch die uebrigen Haeftlinge.

In der letzten Szene besingt die in der Haft so starke Marta das Furchtbare des Geschehenen, die Notwendigkeit das Angedenken an die Ermordeten wachzuhalten, und letztlich ihr Lebenstrauma, dem sie niemals entkommen kann.

Ergriffene Stille, lauter Jubel fuer Dirigent (Richard Armstrong), das Orchester, die Saengerinnen und Saenger und auch die sehr gelungene Inszenierung.

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