Armenische Kontraste


Der Berg Ararat ist für armenische Marketingleute dasselbe wie Mozart für diejenigen aus Salzburg: Produkte von Cognac über Banken bis zu Unterhosen werden mithilfe der spektakulären schneebedeckten 5100 m Kulisse des Ararat verkauft. Schade nur, dass der Ararat in der Türkei und nicht in Armenien liegt. Ein weiterer Aggressionsgrund, den die Armenier (unter vielen anderen, oft auch berechtigten) gegen die Türkei anführen.

Aber das ist nicht die einzige Skurrilität. Ein kürzlicher Besuch führte uns zu einem bäuerlichen Kunden einer wichtigen Mikrofinanzierungsinstitution – und wurde ein schockierender Beweis für die deprimierende Armut in weiten Teilen des Landes ausserhalb Erivans: knöcheltiefer Morast, gemischt mit Viehdung, keine Strassen, Familien, die in Blechcontainern (ausrangierte Eisenbahnwaggons?), die auf Ytongsteinen aufgebockt sind, vegetieren; dreckige, verrotzte Kleinkinder, die unseren Minivan als Weltwunder anstarren; im ganzen Dorf kein einziger Traktor oder andere Maschine sichtbar. Aber dennoch: der ausgemergelte Bauer zeigt uns stolz die neuen Kühe, die er mit dem 6-Monate 2000 $- (Äquivalent)Kredit, für den er 2.3% pro Monat (!!) bezahlt, erworben hat. Genussvoll verschlingen sie mit den angesatammten Kühen ihr Heu, in einem altertümlichen Stall, der jedoch sauber ist. Über den Kühen – wahrscheinlich die Kuhwärme nutzend – eine offenbar benutzte Schlafgelegenheit. Es ist zu hoffen, dass der Bauer den Kredit zeitgerecht zurückzahlen und damit seine abstossende Armut etwas lindern kann. Jedenfalls ein Beispiel für das Gute, das Mikrofinanzierung, die letztlich sehr stark ins Gerede gekommen ist, tun kann. Keine “normale” Bank hätte ihm jemals einen Kredit gegeben. Die Mikrofinanzer besuchen ihn, beraten ihn – und legen als Sicherheit ihre Hand auf die angeschafften Kühe.

Drei Stunden später als Kontrastprogramm eine bemerkenswerte La Traviata-Vorführung in der Oper in Erivan: das Opernhaus etwa so gross wie die English National Opera (oder das Opernhaus in Graz), mit sehr vielen Kindern und Jugendlichen als Zuhörern – mit einer für Mitteleuropär erstaunlichen Nicht-Disziplin, was sich in Blitzlichtfotografieren, Handyschauen, einander Witze oder die Handlung (?) erzählen, etc. äussert. Keine Rede davon, daß nach Beginn (der hier um 20 Minuten verzögert ist), niemand mehr eingelassen wird. Dennoch: eine relativ traditionelle Inszenierung mit exzellenten Sängerleistungen, vor allem der Männer: ein strahlender Tenor als Alfredo, der die hohen Töne mit unglaublicher Leichtigkeit und Souveränität, ohne zu pressen, singt; ein wunderbarer Bass als Vater, der das Publikum zu Beifallsstürmen hinreisst; etwas weniger überzeugend Violeta, optisch viel zu voluminös, stimmlich anfangs zu laut, forciert und schrill, in den späteren Akten jedoch wunderschön lyrisch. Ein toll disponiertes Orchester, ein riesiger, sehr lauter Chor, eine lachhafte Balletteinlage – alles in allem eine hervorragende Leistung in einem Land mit (ca.) 2.5 Millionen Einwohnern, einen pro-Kopf-Einkommen von weniger als 3.000 $ im Jahr.

Der Kontrast zum Nachmittag hätte nicht grosser sein können. Dazu am nächsten Abend als Draufgabe noch ein fabelhaftes Jazzkonzert mit einer Bluesband, die Bette Smith und viele andere interpretiert, mit ganz virtuosen Musikern. Dann, um Mitternacht, das Highlight: der Chef des Clubs persönlich, ein fantastischer Pianist, der 40 Minuten lang die Jazz-Klassik dynamisch zelebriert und dabei das Kunststück zusammenbringt, seine Zigarette zwischen Mund, rechter und linker Hand während des Spiels kreisen zu lassen – very cool.

Ein gebeuteltes Land mit mehr Gegensätzen als man sich als Europäer vorstellen kann.

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