Etwas Kultur zur Aufmunterung!


Die Eurokrise, das Griechenlandchaos, die Führungsschwäche der G-20: alles zum Verzweifeln! Zum Glück gibt es in London neben dem überbordenden Finanzsektor auch noch eine bestens funktionierende Kulturindustrie zur Erbauung genervter Banker.

Also wieder einmal ein kurzer Bericht über herausragende Ereignisse.

Im Barbican zelebriert Riccardo Chailly mit dem Leiziger Gewandhausorchester einen überwältigenden Beethoven Symphonie Zyklus. Brillantes Orchester, hervorragendes Dirigat, unwahrscheinliche Tempi (angeblich hält sich Chailly genau an die Metronomangaben des Meisters), kristallklares Musizieren ohne Geigenvibrato, extremes Herausarbeiten der Tempo- und Lautstärkenwechsel. Da wird klar, wie weit Beethoven von Haydn und Mozart entfernt ist, wie radikal er die Musiksprache weiter entwickelt hat. Ca. 10-minütige standing ovations und laute Bravi-Rufe sind für Londoner Publikaum vollkommen außergewöhnlich: die Musiker haben sich das verdient.

Im „politisch korrekten“, hochinteressanten, kleinen Tricycle Theater in einem schäbigen Vorort zum wiederholten Male hochklassiges Theater mit einfachsten Mitteln. Diesmal Lee Blessing’s „A Walk in the Woods“, ein Zweipersonenstück um die beiden Hauptverhandler aus der Sowjetunion und den USA um Waffensystemreduzierungen in Genf. In mehreren Szenen kämpfen der joviale Russe und die „hochprofessionelle“ vollkommen humorlose Amerikanerin um die Vorherrschaft; er indem er sich als von seinem Job desillusionierter Charmeur gibt, sie indem sie ihm Daten, Fakten, Positionen um die Ohren wirft und sich jegliche menschliche Regung versagt. Letztlich wird ihnen beiden am Ende (schmerzhaft) bewußt, daß sie von ihren jeweiligen Regierungen nur als Marionetten benutzt werden, denen ein Erfolg ihrer Verhandlungen nicht vergönnt sein soll. Herausragend gespielt – ein schauriges Vergnügen!

Dann „Der fliegende Holländer“ im Royal Opera House in einer kargen, aber beeindruckenden Inszenierung mit einer hervorragend singenden, schauspielerisch allerdings die ärgsten Anti-Wagner-Klischees hervorrufenden Leistung Anja Kampe als Senta. Falk Struckmann, der den Holländer hätte singen sollen, wurde durch den in Duetten stimmlich zu schwachen, sonst aber beeindruckenden Egils Silins ersetzt. Endrik Wottrich als Erik und John Tessier als Steuermann boten hervorragende Tenorleistungen, etwas abfallend Stephen milling als Daland. Während Senta auf der Bühne herumwankt und sich extrem unauthentisch bewegt, füllen die anderen die Inszenierung sehr gut aus. Die Männerchöre beeindrucken ebenso wie das Orchester. Lauter Beifall.

Und schließlich noch ein Brahms Doppelkonzert mit Nicola Benedetti und Leonard Elschenbroich, einem hochdynamischen Christoph Eschenbach und einem ausgezeichnet musizierenden London Philharmonic Orchestra. Benedetti ein bißchen unpräzise, aber sehr mulikalisch, Elschenbroich einwandfrei, Eschenbach mitreißend. Danach Bruckner 7. Symphonie mit an die Posaunen von Jericho erinnernden Blechbläsern, die die Royal Festival Hall fast zum Einsturz brachten. Der lyrische 2. und der dynamische 3. Satz waren ein Erlebnis, die Rahmensätze sehr sehr lang, immer wieder retardierende Elemente mit aufbrausender Dynamik abwechselnd – aber 1 Stunde 20 Minuten sind fast zu viel Bruckner. Dennoch: ein Erlebnis. 

Wenn die diversen Eurokrisen noch länger andauern und an Stärke zunehmen, und die Einsichten der Politiker in die Notwendigkeit grundlegender Änderungen in der Governance Struktur und den Inhalten der Eurozonen-Politik weiter im Tunnelblick versanden, dann werden in Folge viel mehr Kultur-als Wirtschaftspolitik-Einträge zu lesen sein. Wenigstens hat der neue EZB Chef Mario Draghi doch seine Amtszeit mit einer lobenswerten Zinssatzsenkung eingeleitet – ein winzig kleiner Lichtblick.

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