Old Bailey von Innen


Eines schönen Tages flatterte mir eine Einladung zum Lunch „with Her Majesty’s Judges“ von „Sheriff Wendy Mead“ ins Büro. Immer ums Kennenlernen englischer Traditionen bemüht, sagte ich gerne zu. Ort der Einladung Central Criminal Court Old Bailey. Die Antwort war an The Secondary of London and Under Sheriff zu richten, um eventuelle Diätrestriktionen wurde angefragt.

Auf der Einladungskarte war vermerkt, daß man den Eingang des „Lord Mayor“ benützen sollte, dieser selbst jedoch nicht anwesend sein werde.

Es stellte sich heraus, daß neben mir noch 2 andere Outsider, ein früherer Chef der englischen Architektenkammer und ein Superintendent der Corporation of London. Diese ist die mächtige, außerhalb jeglicher parlamentarischer Kontrolle stehende Institution zur Vertretung der Interessen der „City of London“, i.e. der Finanzindustrie. Die Corporation hat das Recht, im Parlament hinter dem Speaker einen „Remembrancer“ zu platzieren, einen offiziellen Lobbyisten der Finanzindustrie, der darauf achtet, daß kein Gesetz die Interessen der Finanzindustrie verletzt.

Die beiden „Sheriffs“ werden von den Aldermen gewählt, die von den Liveries, den mittelalterlichen Gilden, bestellt werden. Jeweils am 12. November jeden Jahres gibt es eine „Parade“ des Lord Mayors und seiner Entourage, zu der auch die Richter von Old Bailey gehören, die dann in Kutschen, angetan in ihren mittelalterlichen Roben und Perücken, ihre Macht zur Schau stellen.

Das Lunch war äußerst zivilisiert, ich wurde von Sheriff Wendy Mead in shcwarzer pelzbesetzter Robe empfangen, nach kurzem Small Talk während dessen die 15 Richter (nur 2 weiblich) des Central Criminal Court in Roben und Perücken auftauchten, wurden wir in den Speisesaal gebeten, mit Tischkarten platziert und bei einem sehr einfachen leichten Essen in Gespräche mit Sheriff, Richtern, „Recordern“ und anderen mittelalterlichen Titularen verwickelt. Es stellte sich heraus, daß diese Essen für die Richter – auf Einladung eines der beiden Sheriffs oder des Lord Mayors – täglich (verpflichtend) stattfinden und zur Aufhellung jeweils drei Externe eingeladen werden. Die Richter/Innen stellten sich als ganz normale Menschen heraus, trotz ihrer Aufmachung, die sich für die Finanzkrise, Schifahren, Österreich und vieles andere interessierten.

Punkt 14.00 Uhr wurde das Essen beendet, worauf die Richter sich wieder in ihre Büros und Verhandlungsräume begaben. Die Externen wurden gefragt, ob sie die Gelegenheit nutzen und einer Verhandlung beiwohnen wollten, was ich gerne annahm. Bei dieser ging es um Zeugeneinvernahme eines Verbrechens, das sich im vorigen März in der U-Bahn-Station Victoria Station ereignet hatte, wobei ein asienstämmiger junger Mann von einer Gruppe von ca. 12 16-17 Jährigen (darunter mädchen) zusammengeschlagen und ermordet wurde.

Zwei Seiten des heutigen England: mittelalterliche Tradition und Anzeichen einer sich auflösenden Gesellschaft.

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