Von Rameau bis Joseph: noch 10 Tage Kultur in London


 Castor und Pollux von Jean-Philippe Rameau ist eine typische Frühbarockoper, die eine fast unendliche Bruderliebe zelebriert, die für einander in den Tod gehen wollen – obwohl sie die Liebe zur selben Frau und ihre unterschiedliche Göttlichkeit trennt. Zwischen ihnen steht noch die verschmähte Schwester der geliebten Frau, die die ganze Tragik in Gang setzt. Die Oper ist eine Nummernoper, die einzelnen Arien schwach verbunden durch Rezitative. Für mich als Musikamateur sieht man an dieser erstmals gehörten Oper die riesigen Fortschritte, die Mozart gebracht hat, sowohl in der Konstruktion zusammenhängender Opern- und Storydramatik, als auch musikalisch.

Die Aufführung in der English National Oper, in der prinzipiell Englisch gesungen wird, war äusserst interessant, die Kulisse bestand hauptsächlich aus einem grossen, vorne offenen Hellholzkasten, der die hermetische Abgeschlossenheit, in der sich das Geschehen abspielt, effektiv darstellt und den Protagonisten als emotionales Ausdrucksmittel nur hin- und Herlaufen und in die Gegenwand Hineinrennen, bzw. Sich dort “ausrasten” erlaubt – was auch mit Hingabe und (zu viel) Geschwindigkeit und Häufigkeit zelebriert,  wird. Eigenartig der Erdhaufen, in den, durch den und aus dem der Abstieg der Zwillingsbrüder (hintereinander) in die Unterwelt (das Reich der Toten) passiert. Besonders effektiv ist dies allerdings in der Unterwelt selbst, als sich aus der Unterseite des Erdhaufens plötzlich Körperteile herauswinden, die sich dnan als Castor herauskristallisieren. Die beiden Brüder wurden ganz überragend von Allan Clayton und Roderick Williams gesungen, die beiden Schwestern Telaire und Phöbe etwas weniger überzeugend von Sophie Bevan und (stimmlich stärker) von Sophie Bevan und Laura Tatulescu. Alles in allem ein sehr positives Erlebnis.

Ein Hamlet im Young Vic Theater mit Michael Sheen als Hauptdarsteller, den ich im überzeugenden The Queen Film als Tony Blair (2006) und als David Frost im FilmFrost/Nixon (2008) gesehen hatte. Man verlangte vom Publikum, bereits eine halbe Stunde früher da zu sein, worauf man in Kleingruppen von hinten durch eine Reihe von Gängen einer psychatrischen Klinik mit entsprechenden Aufschriften und Ansagen geführt wurde: offenbar sollte Hamlet als klinisch krank und die Shakespeare-Handlung als Hamlets Fiebertraum dargestellt werden. Das Konzept funktioniert erstaunlich gut, alle Handlung findet in einem geschlossenen Raum der Anstalt statt, mit einer (abdeckbaren) Glastür und –wand nach hinten, hinter der sich einige Szenen und Auftrittsevents abspielen (Das Geturtel zwischen Gertud und ihrem neuen Ehemann Claudius und ihr Verschwinden zum Sex in einem anderen Raum der Anstalt, das Eintreffen von Rosenkranz und Güldenstern, die ihre Strassenschuhe mit Schuhbändern gegen schnürsenkellose Anstaltsschlapfen tauschen müssen – und letztendlich die Auftrittsbühne für Fortinbras, der entsetzt “der Rest ist Schweigen” als Eroberer in galaktischer Uniform (also auch unwirklich) stammelt. Sheen spielt überzeugend den schwer traumatisierten und trauernden Sohn; der Geist des Vaters spielt sich hier nur in Hamlets Kopf ab (Schizophrenie?), er liebt verzweifelt Ophelia, hassliebt seine Mutter, die tussyhafte Gertrud, die sich gegen Ende in ein hilfloses Nervenbündel verwandelt, tiefverachtet seinen Vorstadtgigolo Stiefvater Claudius und plant seinen teuflischen Racheplan, wobei seine unbeabsichtige Ermordung von Ophelias Vater Polonius ihn nur kurz erschüttert und von ihm eher als Kollateralschaden akzeptiert wird. Hier wird ein mögliches früheres Verhältnis zu Güldenstern angedeutet, den er mit seinem Kompagnon gnadenlos opfert, um seinen Racheplan nicht zu gefährden.

Die Endszene mit dem Tod der Protagonisten Laerters, Stiefvater, Mutter und letztlich Hamlet findet ingeniöserweise in einem Sandring (ähnlich einem Strandvolleyballfeld) statt, in dem knapp zuvor die Yorick-Schädelszene mit dem Totengräber sich begibt (im Garten der Anstalt??). Alles in allem ein sehr gelungenes Konzept mit herausragendenSchauspielleistungen von Hamlet, Gertrud und Claudius., sowie gelungenen Nebenfiguren, mit Ausnahme einer eher schwachen Ophelia und einem zu onkelhaften Polonius.

Dann noch eine grandiose Mahler 8. in der riesigen Royal Albert Hall mit einem 600-stimmigen Chor (inklusive etwa 100 Kindern), der das Orchester fast untergehen ließ. Es brauste und schwang, es semi-flüsterte und drohte, es beschwor und jubelte – ein unwahrscheinliches Klangerlebnis.

Tosca, wiederum in der English National Opera brachte eine eher phantasielose Inszenierung (mit Ausnahme der letzten Szene) von Catherine Malfitano, aber wiederum grandiose Sängerleistungen. Allen voran Gwyn Hughes Jones als zwar physisch und optisch zu schwerer, aber strahlend singender Mario Cavaradossi, der sowohl die dramatischen als auch die lyrischen Szenen mit glasklaremTenor, vor allem in den Höhen, meisterte. Ihm zur Seite eine ebenfalls übergewichtige Claire Rutter als Floria Tosca mit ebenfalls wunderschönenGesangsleistungen, vor allem im 2. Akt, die allerdings im 3. Akt hörbar ermüdete. Das gemeinsame Übergewicht der beiden von etwa (geschätzten) 60 Kilo war jedoch durch die etwa Gleichverteilung nicht weiter ausschlaggebend. Der Scarpia von Anthony Michaels-Moore war leider stimmlich zu schwach, darstellerisch jedoch überzeugend in seiner Darstellung von Sexualisierung durch Macht. Die Szenerie war in den ersten beiden Akten äusserst traditionell, im dritten jedoch wurde die Rampe der Engelsburg interessant als sich nach vorne unten neigende riesige Röhre (Kanonenrohr? Rundung der Engelsburg?) dargestellt, an deren hinterem oberen Ende Cavaradossi erschossen wird und von dem sich daraufhin Tosca nach rückwärts in die Tiefe fallen lässt – keine schlechte Idee. Ein wunderbar nuancierendes Orchester rundete einen grossen Opernabend ab.

Als Kontrastprogramm am Tag darauf der extrem charismatische “Altrocker” walisischer Herkunft Martyn Joseph im Green Note Cafe in Camden, der grosse Bühnenpräsenz mit rauher Stimme und einem sehr vielfältigen Liederrepertoire verbindet. Von sehr politischen Liedern über die Schliessung von walisischen Kohlegrubern und dem folgenden traurigen Schicksal der entwurzelten Kumpel und ihrer Familien, zu sehr eindrucksvollen und traurigen Liebesliedern, über an Pete Seeger erinnerende Amerikana, zu Elvis-Anklängen und an frühe Bob-Dylan Arrangemennts erinnernde Songs kann er alles. Er singt vom 81-jährigen Taxifahrer in Las Vegas, von Wie es wäre „wenn Gott einer von uns“ wäre, von den Landschaften und den Pionieren in den USA, von den Finanzhaien und letztlich auch von der Hoffnung auf Revolution (Occupy-Bewegung?) , aber immer wieder vom Einzelnen, der durch Freundschaft und Liebe sich immer wieder nach allen Schicksalsschlägen aufrichtet. Ein offenbar dem ihm folgenden Publikum, das seine Lieder mitsingen kann, sehr bekannter Musiker mit phänomenalem Gitarrespiel.

Dazwischen noch eine wirklich erfrischende end erfreuliche Entdeckung einer Group of Seven kanadischer Maler aus dem frühen 20 Jahrhundert in der wunderschönen Dulwich Picture Gallery in Südlondon. Diese Malergruppe widmete sich fast ausschliesslich den kanadischen Landschaften, zuerst vor allem im Osten, in der Gegend um die Grossen Seen, später auch in den Rocky Mountains und an der Pazifikküste. Sie entwickelten eine ganz eigene Art, diese grandiosen und wilden Landschaften zu malen, sicher beeinflusst von den französischen Impressionisten und später den Expressionisten, sicher auch unter Einfluss der skandinavischen, besser nordischen, Maltraditionen. Dennoch sind sie sehr orignell in der Darstellung dieser Landschaften: einzelne, windgebeugte Beaume, grandiose Wolkenlandschaften, Wellebenbewegungen auf den Seen, Wasserfälle, Schneelandschaften und später dann sehr stilisierte, ins Abstraken neigende Eisberge und Berggipfel. In Einzelheiten erinnern einzelne Bilder an die Bäume von Klimt und Schiele, auch in den expressionistischeren Phasen an Hodler und Munch.

Zurück an die Arbeit!

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