Hochkulturboom in London trotz Krise


 

Im Kulturleben Londons merkt man nichts von der Krise. Ebenso wenig, wenn man in der Innenstadt an den stets vollgefüllten Restaurants und Pubs vorbeigeht. Hier geht es weiter in Saus und Braus, auch die Komatrinkerei der Jungen in meinem Viertel Shoreditch hat an den Wochenenden – dem Lautpegel bis 4 Uhr früh nach zu schließen – noch nicht nachgelassen.

Natürlich sind dies selektive Wahrnehmungen, da man bekanntlich nur jene sieht, die im Licht stehen (B. Brecht), „die im Dunkel sieht man nicht“. Die Arbeitslosen und Deklassierten bleiben in ihren dunklen und kalten Wohnungen zu Hause, so sie nicht in den U-Bahn Stationseingängen betteln.

Aber im Westend geht es munter weiter: Ein schwerer Fehler war der Besuch des Theaterschwanks „Ladykillers“ im Gielgud-Theatre. Ich hatte den Film von 1955 (mit Alec Guiness) im Kopf, als ich die Tickets kaufte. Meine Erkenntnis: offenbar habe ich mich seither doch entwickelt, da ich die 55 GBP dafür als reine Verschwendung sah. Ein Klamaukfilm, der nur von Clichees lebt, keinerlei Charakterzeichnung macht, sondern von Slapstick und Stereotypen lebt. Sicherlich gut gespielt, aber seicht, seicht, seicht.

Dafür entschädigt durch eine grandiose „Traviata“ in Covent Garden. Eine sehr traditionelle, aber wundervolle Inszenierung, die vor allem im 3. Akt, als der Vorhang zum Spielsalon aufgeht, das eher kritische Publikum zu Beifallstürmen hinriß. Ailyn Perez als wunderschöne und, abgesehen von einigen rauen Einsätzen, grandios singende Violetta (im Januar wird auch Anna Netrebko diese Rolle singen), ein ihr ebenbürtiger Piotr Beczak als Alfredo und ein besonders eindrucksvoller Simon Kennlyside als Vater Germont. Eine wirklich hervorragende Aufführung, die jene, die ich vor kurzem in Erivan gehört hatte, doch leicht vergessen ließ.

Und dann am 13.12.11. noch ein Höhepunkt: im Barbican Center das London Symphony Orchestra mit dem verehrungswürdigen Colin Davis am Pult. Er tut sich zwar schwer, die Stufen zum Podium hinaufzugehen, dirigiert aber das im „hörige“ Orchester mit leichter Hand und  bringt es zu toller Dynamik und Differenziertheit. Gegeben wurde Haydns 93. Symphonie (die erste, die er als über 60 jähriger nach dreißigjähriger Knechtschaft bei den Esterhazys, als er über Wien, Eisenstadt und Esterhaz nicht hinauskam, in London komponiert hat), eine recht „unhaydnsche“, etwas schwerfällig Symphonie, die aber im Menuettsatz sich doch in erstaunliche Höhen hinaufschwingt. Danach Nielsens 3. Symphonie, ein gewaltiges Werk mit unerhörter Lärm- und Dynamikentwicklung. Hier zeigte Davis, was er noch draufhat und wie der die Bläserbatterien und die fast 100 Saiteninstrumente motivieren kann. Es war äußerst eindurcksvoll.

Nach der Pause schwebte Mitsuko Uchida elfengleich auf die Bühne und bereitete dem begeisterten Publikum (auch mir) mit Beethovens 5. Klavierkonzert ein Vor-Weihnachtsfest. Sie ist so konzentriert, lebt so mit dem Orchester mit (mit beiden Händen den jeweils anderen Oberarm festhaltend, Dirigent und Orchester fixierend), und bringt die Übergänge von zartesten Pianissimi zu kraftvollen Forti, bei denen es sie vom Stockerl hebt, auf eine so überzeugende Weise, daß man (dh ich) glaubt, niemand anderer könnte diese himmlische Musik besser musizieren. Und dann, wie sie den Applaus hinnimmt, sich dabei mit dem Kopf bis zum Boden verbeugt (sie muß Yoga praktizieren!) und den alten Davis ganz leicht am Arm die Stufen hinunter- und hinaufhilft, ohne jede Attitüde!

Es ist ja doch schön in London, trotz nicht funktionierender U-Bahn, Wirtschasftskrise, EU-Abwendung, feixenden Boris Johnsons (Bürgermeister) und scheußlichem Wetter.

Advertisements

Leave a comment

Filed under Life

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s