Auch in Wien gibt’s Kultur – so was!


Ich benutzte die Feiertage zwischen Weihnachten und Neujahr, um zu sehen, was es in Wien an Musikveranstaltungen derzeit gibt. Als erstes sah ich Brecht-Weills Dreigroschenoper im Wiener Volkstheater, eine etwas gewöhnungsbedürftige Aufführung. Mackie Messer ist als englischer Punk gezeichnet, Sid Vicious im Aussehen und Outfit nachempfunden. Durch diese Charakterisierung, die eher an MalcolmMcDowell in Clockwork Orange erinnert, wird Mackie auf seine Rolle als Brutalo reduziert, das eher Zwiespältige, Sentimentale, geht unter. Die gesamte Produktion ist reduziert auf Gewalt und das Böse, gemischt mit ein bisschen Komik in der Person des Polizeichefs Tiger Brown. Leider singt Mackie nicht besonders gut, er wird jedoch in der zweiten Hälfte besser. Sehr überzeugend war Polly, die als von daheim (von ihrer verhurten Alkoholikermutter und ihrem brutalen Vater) entlaufender störrischer Teenager beginnt, eine fulminante Seeräuber-Jenny singt und dann – angesichts der ihr von Mackie übergebenen Geschäftsführung seiner Bande – diese äusserst gekonnt und unterwelt-professionell ausübt. Gut auch Ms. Peachum als permanent alkoholisierte Schlampe, grandios Jenny (Maria Bill) als kühl kalkulierende, allein auf ihren Vorteil bedachte und keiner Sentimentalität nachhängende Hure. Auch Peachum ist nur als Gewalttäter gezeichnet. Daher gelingen im ganzen Stück die Liebesszenen zwischen Polly und Mackie nicht – die Sehnsüchte der Polly werden nicht einmal im Anschein erfüllt. Und natürlich macht Mackie’s Bemerkung “was ist der Einbruch in eine Bank schon gegen die Gründung einer Bank” Furore im Publikum, sicherlich verstärkt und in Erinnerung gerufen durch die aktülle Finanzkrise. Nicht uneben, das Ganze.

Dann der eindeutige Höhepunkt dieser Woche: 9. Beethoven im Konzerthaus mit den Wiener Symphonikern unter der Leitung ihres künftigen Chefdirigenten Philippe Jordan. Jourdans Deutung erinnert an jene von Riccardo Chailly: stärkste Kontraste in den Tempi und den Lautstärken, ganz markante Zeichensetzungen, wobei der hochgewachsene, schlanke und sehr junge Jourdain in seiner Gestik an exerzierende Soldaten oder manchmal auch an einen stilisierten Torero erinnert. Das Orchester und der exzellente Akademiechor, sowie die Solisten waren in Hochform und genossen sichtlich die Aufführung. Das Publikum stand ihnen nicht nach und applaudierte begeistert das Neü Jahr ein.

In der Staatsoper dann eine sehr schöne Aufführung von Figaros Hochzeit, bei der nur das Bühnenbild störte. Dieses besteht aus einer Vielzahl von riesigen die Bühne bevölkernden, kreuz und quer hängenden Gemälden, fast ausschliesslich Stilleben mit Obst und Wild. Dies ist zwar besser als in einer kürzlich in London gesehenen Produktion in der English National Opera (siehe ein kürzliches Polsting), in welcher völlig unmotiviert Jäger ein eben erlegtes riesiges Wildschwein im Schlafzimmer der Gräfin deponieren, dennoch gefällt es nicht,und wird sein Sinn nicht einsichtig. Exzellentes Singen und Aussehen von Susanne, auch gut Figaro und Almaviva (ein bisschen klein), weniger überzeugend die Gräfin, der ihre Traür über die Weiberei ihres Mannes und seine verlorene Liebe nicht wirklich gelingt. Cherubino singt ok, vor allem sein Liebesgedicht (nun vergiss, leises Flehen…) an die Gräfin gelingt ihm gut. Insgesamt jedenfalls eine deutlich überdurchschnittliche Produktion mit starken Sänger- und Orchesterleistungen.

An Ausstellungen gibt es den (meines Erachtens) unsäglichen Botero, dessen “Fat Lady” vor dem Eingang zur EBRD in London nur gross und fett ist, dessen Bilder eher an die geschmäcklerischen Kumpff-Bilder erinnern. Viel überzeugender eine Magritte-Ausstellung in der Albertina.

Wien ist zwar klein – relativ zu London – hat aber doch einiges kulturell zu bieten: wer musste davon überzeugt werden?

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2 Comments

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2 responses to “Auch in Wien gibt’s Kultur – so was!

  1. Eva Nowotny

    Lieber Kurt, dass “Wien kulturell einiges zu bieten hat” kann wohl nur ein bewusst gewähltes understatement sein! Gerade im Bereich der Kultur bietet Wien unglaublich viel, sowohl was das klassische Angebot betrifft, als auch die Avantgarde in Musik und im Theater. Botero ist sicher nicht jedermanns Sache, aber die Winterausstellung im KHM oder die Magritte Ausstellung in der Albertina waren großartig. Nach London, Paris, New York und Washington bin ich vom Wiener Kulturleben immer wieder beeindruckt, und das nicht nur aus Lokalpatriotismus!

    • kurtbayer

      Liebe Eva: da spricht aus Dir die Botschafterin. Ich stimme aber mit Dir vollkommen überein, ich glaube auch, daß Wien da weit über seine Größe hinaus unglaublich viel zu bieten hat. Meine Herangehensweise war ja davon geprägt, daß ich bisher immer über London geschrieben hatte und daher Wien auch zu Papier kommen lassen wollte. Und Du kennst mich ja: ein bißchen self-deprecating understatement ist meine Art der Ironie, aber auch Bewunderung. Ich hoffe, 2012 bringt für uns alle neben der Kultur auch sonst Besserung.

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