EU in der Bilanzrezession


 Richard Koo von Nomura Research (Richard Koo, “The world in balance sheet recession: causes, cure, and politics”, real-world economics review, issue no. 58, 12 December 2011, pp.19-37, http://www.paecon.net/PAEReview/issue58/Koo58.pdf) unterscheidet zwischen “normaler” Rezession und “Bilanzrezession”. In letzterer befinden wir uns derzeit. Sie ist infolge der kredit-aufgeblähten Blasen entstanden und wird jetzt durch die Notwendigkeit von Haushalten und Unternehmen hervorgerufen, ihre zu hohen Schuldenlasten zu reduzieren bzw. ihre geschrumpften Vermögensbilanzen wieder herzustellen. Haushalte sparen daher, Unternehmen sparen (dh investieren nicht) und reduzieren dadurch die Gesamtnachfrage massiv. Diese Bilanzrezessionen sind selten. Wichtige Beispiele sind die Große Wirtschaftskrise der 30er Jahre, als in den USA innerhalb von 4 Jahren die Wirtschaftsleistung um 46% fiel und das „verlorene Jahrzehnt“ Japans. Bei beiden Beispielen war die Geldpolitik massiv expansiv, die Zinsen fast Null und viel Liquidität wurde zugefügt, jedoch half das nichts, da die Nettoersparnis des Privatsektors nicht durch Nettoverschuldung der öffentlichen Hand kompensiert wurde. Daher fiel die Gesamtnachfrage weiter.

Geldpolitik ist in dieser Situation machtlos, auch bei Nullzinsen investieren die Unternehmen nicht, auch wenn noch so viel Liquidität in die Wirtschaft gepumpt wird. Haushalte sparen auf Teufel komm raus (solange sie noch können), doch niemand will die Ersparnisse in Investitionen verwandeln – was typischerweise in „normalen“ Zeiten passiert. Das führt dann zu Wirtschaftswachstum. Die Geldmenge steigt nicht mehr, da der Geldmultiplikator fällt: die Banken horten Geld, weil sie keine Abnehmer finden, sie legen es wieder bei der Zentralbank ein oder kaufen ausländische, hoch rentierende Wertpapiere.

Wie das japanische Beispiel letztlich zeigt, gibt es hier nur eine Politikalternative, nämlich daß der Staat Defizite eingeht, die zumindest so hoch sind wie die Nettosparrate des Privatsektors: nur dann schrumpft die Gesamtnachfrage nicht. Japan hat dies zum Preis einer sich um fast 100% des BIP erhöhenden Schuldenquote gemacht und von 1996 bis 2006 durch massive Budgetdefizite einen tieferen Wirtschaftseinbruch verhindert. Seither steigt das BIP wieder deutlich an.

Angesichts der hohen Schuldenquoten der USA, Japans und von UK (alle über 100% des BIP) fragt man sich, warum für diese Länder die von den Banken verlangten Zinsen für Staatsanleihen dennoch so niedrig, nämlich um die 2% sind. Dies ist v.a. im Vergleich mit jenen der südlichen Euroländer auffallend, die 7-8 mal so hohe Zinsen zahlen. Im Falle der USA ist dies auf die hohe Nachfrage chinesischer Investoren nach US-Anleihen zurückzuführen, im Falle von Japan auf die traditionell starke Nachfrage japanischer Investoren. Koo meint, daß in der Eurozone die südlichen Länder dadurch Probleme hätte, daß ihre eigenen Banken angesichts der bestehenden Risiken lieber in Anleihen der Nettozahlerländer wie Deutschland investierten, da dort das Risiko geringer und jedenfalls kein Wechselkursrisiko bestünde. Als Ausweg schlägt Koo vor, den Verkauf von Staatsanleihen an ausländische Staatsbürger in der Eurozone zu verbieten: dies würde die Regierungen einerseits disziplinieren, da sie nur ihre eigenen Märkte zur Verfügung hätten, aber ihnen auch mehr Geldmittel zuführen, die ihre Investoren nicht mehr im Ausland ohne Wechselkursrisiko investieren könnten.

Damit steht er im Gegensatz zu Bruegel-Chef Pisani-Ferry, der eben die noch immer bestehende hohe Konzentration von eigenen Staatspapieren in den Bilanzen der Banken für einen wichtigen Teil der Krisenansteckung zwischen Staat und Banken verantwortlich macht.

Was hat dies alles mit den Beschlüssen des letzten Eurogipfels am 30.1.2012 zu tun?

         Die einseitig auf allgemeine Budgetkonsolierung ausgerichteten Beschlüsse übersehen, daß damit die Gesamtnachfrage beeinträchtigt und eine Deflationsspirale in Gang gesetzt wird. Die Staatschefs erkennen die Folgen der bestehenden Finanzkrise nicht.

         Eine weitere Liquiditätsschwemme durch die EZB, wie sie nach der 500 Mrd. € Spritze auf 3 Jahre vor 2 Monaten in ähnlicher Höhe nochmals angedacht ist, mag zwar die Bilanzen der Banken verbessern, wird aber eine tiefe Rezession nicht verhindern, da diese Liquidität nicht der Wirtschaft zugefügt wird.

         Die mageren Versuche, in den Südländern durch Mobilierung einiger Strukturfonds- und Kohäsionsfondsmittel Wachstum in Gang zu setzen, sowie „Strutkurreformen“ im Arbeitsmarkt und Gütermarkt durchzusetzen, werden kaum Wachstum generieren und damit zumindest kurzfristig unwirksam bleiben.

         Die Erfahrungen mit Bilanzrezessionen zeigen, daß es üblicherweise 10 und mehr Jahre dauert, bis der Privatsektor wieder mehr ausgibt als er einnimmt. Wenn der Staat nicht über Budgetdefizite diese Nachfrageausfälle kompensiert, ist ein „verlorenes europäisches Jahrzehnt“ wahrscheinlich.

         Das heißt natürlich nicht, daß nicht eine Durchforstung von Staatsausgaben und das Brechen langfristig dynamischer Ausgabentrends weiterhin notwendig ist, daß aber durch zusätzliche Steuereinnahmen, die dynamisch wachsen, sowie durch Ausgabenverwendung, die wachstumsintensiv ist, Gesamtnachfrage unterstützt und Wachstumspotenziale aktiviert werden müssen.

         Die einseitige Ausrichtung der EU-Politik auf Budgetkonsolidierung aller 27 Mitgliedsstaaten hat zwar eine wichtige Debatte über mögliche Sparpotenziale eröffnet, greift jedoch bei weitem zu kurz. Ziel der EU-Wirtschaftspolitik müßte es angesichts der nunmehrigen Unwirksamkeit von Geldpolitik allein sein, eine kombinierte Geld- und Fiskalpolitik mit expansiver letzterer zu entwerfen, die die bilanzmotivierten Sparbemühungen des Privatsektors überkompensieren und so der Wirtschaft zu Wachstum verhelfen.

         Angesichts der großen Herausforderungen der Alterung der Gesellschaften und der Auswirkungen des Klimawandels sind trotz hohen Wohlstandsniveaus in großen Teilen Europas massive Investitionen nötig, um die Wohlstandsniveaus aufrechtzuerhalten. Bisher sind diese Wachstumspotenziale kaum genützt worden, sondern solche eher in weiterem Privatkonsum traditionell gesehen worden.

         Sehr überzeugende Untersuchungen von Wilkinson und Pickett (The Spirit Level. Why Equality is Better for Everyone. Penguin Books 2010) zeigen, daß ab einem pro-Kopf-Einkommen von etwa 25.000 $ pro Jahr weiteres traditionelles Wirtschaftswachstum Lebensqualität vermindert, durch mehr Krankheiten (Fettsucht und andere „Zivilsationskrankheiten“, längere Anfahrtswege zur Arbeit, Geisteskrankheiten, soziale Ungleichheit und politische Probleme, etc.). Daher müßten Wirtschaftspolitiker in solchen Ländern ihre politik stärker auf weniger „Ungleichheit“ und – ich selbst füge hinzu – mehr Vermeidung und Anpassung an Klimawandelprobleme ausrichten.

         In weniger entwickelten Ländern gibt es gesellschaftlich sinnvolle Wachstumspotenziale vor allem im Bereich der materiellen und immateriellen Infrastruktur. Ausbildung, Forschung und Entwicklung und Innovationskraft sind in diesen Ländern mindestens ebenso wichtig wie Kommunikations-, Energie- und Transportnetze.

         Von all dem war am letzten EU-Gipfel kaum etwas zu sehen.

 

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3 Comments

Filed under Crisis Response, European Union, Fiscal Policy

3 responses to “EU in der Bilanzrezession

  1. Sehr interessant. Kleiner Präzissionsversuch:
    “Wenn der Staat nicht über Budgetdefizite diese Nachfrageausfälle kompensiert, ist ein „verlorenes europäisches Jahrzehnt“ wahrscheinlich.”… das hört sich nach japanisches Deflationsszenario an, also die “mildere” Variante, aber die Japaner haben ja (in den 1990ern) den privaten Schuldenabbau fiskal sehr wohl kompensiert. Wäre nicht das Depressionsszenario (wie USA 1930er) die logische Konsequenz? Wir kompensieren ja die Privatbilanzsanierung nicht nur nicht, sondern konsolidieren auch noch die öffentlichen Bilanzen. Die Depression der 30er führte eigentlich zu einem “verlorenen Vierteljahrhundert”.

    • kurtbayer

      Ja, gebe Dir recht: Japan hat nur aufgrund seiner jetzt fast 200% betragenden Schuldenquote, also ganz massiven Gegensteuerns der öffentlichen Hand, keine tiefgehende Depression erlebt. Ich wollte die Leser nur nicht noch mehr schocken!

  2. immer ausnehmend interessant zu lesen.
    danke!

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