Liebe und Tod, zynisches Spiel mit der Liebe, reife Liebe, Liebe zur Macht


 Der 95. Aufführung an der Wiener Staatsoper von Umberto Giordanos Andrea Chénier sah man ihr 30-jähriges Alter mehr als an. Inszeniert von Otto Schenk zeigen die Bühnenbilder und Gewänder die übliche Schenksche Behübschung der Szenerie. Anläßlich der Thematik der Oper – Liebe udn sozialer Konflikt während der französischen Revolution und „die Revolution frißt ihre Kinder“ – könnte man die Dramatik und das soziale Element dieser Umbruchszeit doch etwas dramatischer und klarer inszenieren: die Aristos sind in Samt und Seide – ok, aber das Volk sieht aus wie lustige Zar und Zimmermann Komparsen, nett und adrett gekleidet, von Elend keine Spur.

Dennoch: exzellente Sängerleistungen, ganz besonders von Norma Fantini als Maddalena, Marco di Felice als Gérard und natürlich Johan Botha als Andrea erlauben es dem Zuhörer, sich zurückzulehnen und nur zuzuhören, ohne sich optisch beleidigen zu lassen. Die ersten beiden Genannten spielen auch überzeugend, während Bothas statueske körperliche Überfülle doch eher an 60-er Jahre Wagner-Sänger erinnert, denn als dynamisch leidenden Dichter. Das Orchester unter Pinchas Steinberg spielte fulminant und war trotz aller dramatischer Lautstärkenwechsel immer ein Partner der groß aufsingenden Akteure auf der Bühne.

Diesen Sängern und uns Zuhörern ist zu wünschen, daß diese Inszenierung ihren Hunderter nicht mehr erreicht und durch eine andere, zeitgemäßere ersetzt wird. 

Ein besonders erfreulicher – und ganz anderer – Abend war Cosi fan Tutte in Covent Garden in Jonathan Millers aufgefrischter Inszenierung: ganz wunderbare Sängerinnen und Sänger und eine wirklich gelungene Inszenierung, das Ganze verlegt ins Heute. Die Protagonisten treten in heutiger Kleidung auf, benutzen Handy und Handykamera, und erstaunlicherweise funktioniert das wirklich gut. Vielleicht etwas übertrieben ist der Verwandlungsauftritt der beiden jungen Herren, die nachdem sie in britischer Uno-Soldatenuniform abgerauscht sind, als tätowierte langhaarige Punker um die Gunst der jeweils anderen Geliebten buhlen. Sehr sehr witzig, vor allem wenn man den Text der doch eher der Barockzeit angehört, mit dem szenischen Auftreten der beiden vergleicht. Aber die „Exotik“ des Auftritts paßt insofern als sie den großbürgerlichen Schwestern nicht weniger skurril gegenübertreten als in üblicheren Inszenierung als „Türken oder Wallachen“ (in Wirklichkeit Albaner, offenbar bei Mozart/DaPonte der Gipfel der Exotik).

Sängerisch ist vor allem die wunderbare Malin Byström als Fiordiligi hervorzuheben, die die höchsten und tiefsten Töne, die Koloraturen und Rezitative, ihre doch etwas Zickigkeit und erste und spätere Verliebtheit grandios darstellerisch und sängerisch meistert; fast ebenso gut Nikolay Borchev als Guglielmo und Thomas Allen als Don Alfonso, sowie Rosemary Joshua als quirlige, clevere Despina, die letztlich als einzige zum Schluß unversehrt aus dem Drama der gegenseitigen Verführungen hervorgeht, aber doch bestürzt ist über das, was sie mit angerichtet hat. Die Dorabella von Michele Losier und der Ferrando von Charles Castronovo glänzen auch, wenn auch etwas weniger als die anderen. Die Damenduette sind ein Traum. Im Gegensatz zu einer vorigjährigen ENO-Produktion als flache Komödie schafft es diese Inszenierung, den Zynismus des Don Alfonso, der mit seinem „Lehrspiel“ und folgender Wette das Leben von 4 Menschen zerstört, ganz überzeugend darzustellen. Sir Colin Davis hat überzeugend dirigiert: er beginnt die Ouverture ganz langsam verzögert und steigert sich dann wunderbar ins „richtige“ Tempo. Ein wirkliches Gustostückerl wie ich es selten erlebt habe. 

Dann noch ein Rosenkavalier in der English National Opera, in der nur Englisch gesungen wird. Eine tolle Orchesterleistung unter Edward Gardner, die die Grenzen zum Kitschigen nie überschritten hat und trotz hoher Präsenz den Sängerinnen und Sängern genug Raum läßt. Eine recht traditionelle Inszenierung ohne viel Kulissenaufwand (alle 3 Akte spielen im selben großen Barockraum, der als Schlafzimmer der Marschallin, als Palais des Faninal und als Gasthaus dient), mit barockähnlichen Gewändern, aus dem nur die Marschallin im 3. Akt hervorsticht, die eher als Elisabeth I. (von England) gekleidet ist denn als Maria Theresia. Amando Roocroft singt sie ausgezeichnet und schafft den Übergang von der Liebenden zur (vermeintlich) Alternden (sie ist tatsächlich ganze 34 Jahre) blendend. Ebenso überzeugend, vor allem als Sängerin stärker als als Darstellerin, Sarah Connolly als Oktavian, bei dem nur das Silberne bei der Überreichung der Rose mit glänzendem Brustharnisch doch ein bißchen steif und übertrieben erscheint. John Tomlinson singt einen hervorragenden, wenn auch allzu groben und sexsüchtigen Ochs. Der herausragende Star des Abends aber ist Sophie Bevan als Sophie – zwar unvorteilhaft gekleidet, aber mit einer himmlischen Stimme, die die Pianissimi ihrer erwachenden Liebe zu Oktavian wie auf Schäfchenwolken schweben läßt. Die englische Übersetzung des Hoffmansthalschen Texts wirkt zwar häufig passend, das Publikum kann jedoch mit „Marschallin“, „Rosenkavalier“ und anderen Deutsch-Originalworten nur wenig anfangen. Insgesamt ein sehr positiver Abend. 

Eine Produktion von Friedrich Schillers Maria Stuart im winzigen (60 Sitze) New Diorama Theatre erwies sich – trotz exzellenter Kritiken – als enttäuschend. Weniger weil die minimalistische Szenerie nicht gepaßt hätte, sondern weil das Stück seines staatspolitisch-moralischen Tones entkleidet wurde, und weil es in – meiner Ansicht nach – typisch englisch Shakespear’scher Manier durch viel Schreien und dauernedes Herumrennen entstellt und schwer verständlich wurde. Letztlich wird der Konflikt als – neudeutsch – “Zickenkrieg” zweier machtbesessener Frauen dargestellt, deren Eitelkeiten sie beide ins Verderben führen. Das historisch nie stattgefundene Treffen der beiden im Gefägnisschloss Mary’s Fotheringhay wird zum Mittelpunkt dieses Kampfes: Elizabeth provoziert durch ihre Arroganz und Unfähigkeit ein Wort des Bedauerns an ihre Gefangene zu richten und durxch maßlose Forderungen deren beleidigenden Ausbruch, der letztlich dazu führt, dass E. das Todesurteil unterschreibt. Bewußt überläßt sie allerdings die Entscheidung über die Ausführung der Exekution ihren Unterläufeln – und bestraft diese nach der (heimlich von ihr gewünschten) Exekution aber wegen angeblicher Insubordination massiv. Im finalen Monolog stellt sich E. als selbstgerechtes Monster dar. Das mag nicht ganz Schillers Absichten entsprochen haben. Es ist schwer vorstellbar, dass diese reduzierte Deutung des Schillerdramas diesen wichtigen deutschen Dichter dem englischen Publikum nähergebracht hat. Dennoch: die Schauspielleistungen waren sehr gut, ein wenig mehr Deutlichkeit in der Sprache, bzw. langsameres Sprechtempo hätte auch meinem englischsprachigen Begleiter mehr Verständnis verschafft. 

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