Eine vergebene Chance: Golden Growth: Aber fuer wen?


Die beiden Weltbankoekonomen Indermit Gill und Martin Raiser (GR) haben ein bemerkenswertes neues Buch vor einigen Tagen in der EBRD vorgestellt: Golden Growth – Restoring the Lustre of the European Growth Model (Weltbank, 2012;http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/COUNTRIES/ECAEXT/0,,contentMDK:23074045~pagePK:146736~piPK:146830~theSitePK:258599,00.html). Sie gehen ungewoehnlich vor: Erstens loben sie Europa – was bei internationalen Beobachtern in Zeiten wie diesen kaum mehr vorkommt; Zweitens benutzen sie sehr interessante Analyse- und Dastellungsmethoden. Darunter moechte ich vor allem das geniale Design erwaehnen, in welchem sie Europa (kutlurell definiert vom Atlantik bis Georgien) als Baumkrone darstellen, die von den 6  Wurzeln Handel, Finanzierung, Unternehmen, Innovation, Arbeitskraefte und Regierung gespeist wird. Und drittens analysieren sie Europa als Ganzes, obwohl in Teilanalysen sehr wohl einzelne Laendergruppen (nach Geographie oder Naehe zur EU) untersucht werden.

GR gruppieren die “Wurzeln”, die Triebkraefte in drei Gruppen, die mit sehr eingaengigen Slogans beschrieben werden: die “Konvergenzmaschine” (dazu gehoeren Handel und Finanzierung) wird mit exzellent bewertet; die “Weltmarke Europa” (Unternehmen und Innovation) mit gut; und “Europa als Supermacht beim Lebensstandard” (Arbeitskraefte undRegierung) mit zufriedenstellend. Vor allem die europaeische Integration habe exzellente Angleichungen hervorgebracht, auch wenn die Integration im Finanzbereich deutlich weiter fortgeschritten sei als im Realsektor. Europa ist fuer mehr als die Haelfte des Welthandels verantwortlich, obwohl es nur ein Viertel des Welt-BIP erzeugt und habe eine ganze Reihe von exzellenten Produkten hervorgebracht, mit hoher Produktivitaet undArbeitsplatzschaffung. Allerdings mangle es an jungen innovativen Firmen, und der Sueden bleibe in der Produktivitaet und Innovationsleistung weit hinten. Die hervorragende Lebensqualitaet – wahrscheinlich die hoechste in der Welt- sei allerdings bedroht, da die Arbeitskraefte zu wenig mobil seien, zu frueh in Pension gingen und (auch deswegen) der Staatsapparat zu teuer sei. Europa gaebe um ca. 10 Prozentpunkte des BIP mehr fuer Sozialschutz (Pensionen, Arbeitslosigkeit, Invaliditaet, Familien) aus als andere Regionen.

Als Resultat sehr intensive Analysen  kommen die Autoren jedoch zu relative enttaeuschenden Politikvorschlaegen, enttaeuschend deshalb, weil die ganze Studie sehr breit und unorthodox angelegt ist, aber dennoch nu rein sehr konventioneller Ergebnis hervorbringt: mehr Mobilitaet, laenger arbeiten und weniger Sozialausgaben! Das kennen wir von den Bretton Woods Institutionen, IMF und Weltbank, zur Genuege – schade!

Der groesste Mangel aber besteht fuer mich in der Fragestellung: wozu braucht Europa als Ganzes gesehen noch mehr Wachstum? Wem soll dies zugute kommen? Und: fuehrt weiteres Wirtschaftswachstum, wie wir es kennen, bei so hohem Wohlstand zu weiteren Verbesserungen der Lebensqualitaet? Natuerlich brauchen wir selektives Wachstum, um die armen Laender Europas und die armen Menschen  in den reichen Laendern an hoehere Lebensstandards heranzufuehren. Aber insgesamt? Es gibt eine ganze Reihe von sehr ueberzeugenden Studien (siehe zB The Spirit Level: Why Equality is Better for Everyone, von R. Wilkinson und K. Pickett, Penguin 2010), die schluessig nachweisen, dass bei pro-Kopf Einkommen von etwa 25.000 $ die sozialen und oekologischen Kosten weiteren Wachstums die moeglichen Vorteile ueberwiegen, dh weiteres Wirtschaftswachstum die Wohlfahrt senkt. Das oekologische Problem ist bekannt: Klimawandel, Verlust von Artenvielfalt, Zestoerung der Umwelt, Luftverschmutzung, u.a.m. Aber eben auch die sozialen Kosten ungleichen Wachstums: physische und Geiseskrankheiten nehmen zu, aus Stress, aus Umeltfaktoren, aus Kompensation die zu ungesunder lebensweise fuehrt; Drogenkonsum nimmt zu, ebenso wie Fettleibigkeit; Stress und geforderte Berufsmobilitaet zerstoeren Familien und Sozialstrukturen und fuehren zu Gewalt; Jugenbanden nehmen in Staedten ueberhand, Gewalttaten und Eigentumsdelikte nehmen zu, die Gefaengnisse fuellen sich. Letztlich zerfallen frueher funktionierende Gesellschaften, was nicht nur soziale, sondern auch politische Folgen hat.

Daher waere meinesErachtens nicht die Frage nach weiterem Wirtschaftswachstum Europas zu stellen, sondern die Frage: Wie koennen wir – bei zunehmender Alterung, die laut denAutoren pro Jahr zum Verlust von 1 Mio Arbeitskraeften fuehren wird – unsere Lebensqualitaet fuer alle aufrechterhalten und jene, die Nachholbedarf nach “gutem Leben” haben, unterstuetzen. Wir wissen, dass das Alterungsproblem theoretisch durch Zuwanderung aus armen bevoelkerungsreichen Laendern zu loesen waere: die bisher schon bestehenden politischen und sozielan Probleme grosser Wanderungsstroeme, die die Gesellschaften dort wie da destabilisieren, deuten darauf hin, dass diese “oekonomische” Loesung politisch und sozial nicht akzeptabel ist. Wir muessen also mehr oder weniger mit unseren bisher hier lebenden Bevoelkerungen auskommen und mit diesen den gewuenschten Lebensstandard herstellen. Weniger Arbeitskraefte und Bevoelkerung bedeuten weniger Nationalprodukt, aber trotzdem muss hoehere Lebensqualitaet fuer alle bereitgestellt werden: dies ist d die entscheidende Politikfrage fuer die Zukunft. Da reicht es nicht, einfach mehr Arbeitskraeftemobilitaet zu verlangen, ohne deren soziale und politische Kosten mit zu beruecksichtigen. Wie kann eine alternde Gesellschaft  es schaffen, die aelteren Menschen laenger im Arbeitsprozess zu halten,ohne sie dabei koerperlich oder seelisch kaputtzumachen? (In Oesterreich ist da sicher noch einiges drin). Wie kann man organisieren, dass man dennoch innovativ bleibt und neue Loesungen fuer alte und neue Probleme findet, ohne die Umwelt und den Gesellschaftszusammenhalt  weiter zu zerstoeren? Wie kann man die Altersversorgung bei weniger Arbeitskraeften sicherstellen? All diese Fragen muessen zu einer Ueberpruefung des Wachstumsprozesses, wie wir ihn kennen, fuehren. Wir muessen nicht (nur) das Nationalprodukt steigern, wier muessen vor allem schauen, dass die Lebensqualitaet gesichert bleibt und fuer die, die weniger davon haben, steigen kann. Das wird zu einem ernstzunehmenden Verteilungsproblem fuehren, dem sich Europa stellen muss. Verteilungsgerechtigkeit kann dann nicht mehr ueber Einkommenszuwaechse hergestellt warden.

GR haben ein interessantes Buch geschrieben, ihr Ansatz ist innovativ und hochwillkommen. Es verdient viele Leser. Sie unterscheiden jedoch nicht zwischen Zielen (Lebensqualitaet) und Instrumenten zu ihrer Erreichung (Integration, Produktivitaet) und stellen die falsche Frage: Nicht mehr Wachstum (wie wir es kennen) braucht Europa, sondern mehr Lebensqualitaet und sozialen Zusammenhalt. Die ueberoptimistischen Aussagen zu “gruenerem” Wachstum im Buch reichen nicht. Es geht mir nicht um die romantische Wiederherstellung einer Spitzwegschen Biedermeier-Gemuetlichkeit (wenn die den so gemuetlich war!), sondern darum, die quasi-automatischen Anforderungen an weiteres Wirtschaftswachstum auf ihre ;kologischen und gesellschaftlichen Auswirkungenzu untersuchen und in Frage zu stellen, wenn sie die Lebensqualitaet beeintraechtigen. Es muss um “neue” Solidaritaet zwischen Altersgruppen, zwischen Einkommensklassen, zwischen Stadt und Land gehen. Noch mehr Mobilitaet der Arbeitskraeftemag im Einzelfall sicher erstrebenswert sein, ob allerdings die sozialen Kosten hochmobiler Gesellschaften a la USA, die nur selten diskutiert werden (hoechste Gefaengnisdichte, ungleichste Einkommensverteilung, Fehlen sozialer Netze, u.v.a.) wirklich der “notwendige Preis” fuer hoeheres Wachstum sind, den wir zu bezahlen haben, bezweifle ich.

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