Felix Austria! No Target


 In Deutschland läuft seit einiger Zeit – und immer intensiver – eine Debatte unter dem kryptisch klingenden Namen „Target 2“. (Target 2 ist das Abrechnungssystem der Eurozone, in welchem die EZB Finanzierungssalden ausgleicht). Hans-Werner Sinn und Gesinnungsgenossen beklagen, daß über die Europäische Zentralbank Deutschlands Exportüberschüsse über Target 2 die Leistungsbilanzdefizite der Südländer finanzierten, insoweit diese nicht durch Kapitalflüsse ausgeglichen würden. Und jetzt setzt Bundesbankpräsident Jens Weidmann noch eins drauf und fordert, daß die deutschen Target2-Überschüsse durch Sicherstellungen der Defizitländer abzusichern wären – für den Fall, daß der Euro kollabiert und die deutschen Forderungen nicht mehr einzutreiben wären. Und deutsche Uniprofessoren und Medien unterstützen diese (absurde) Forderung immer hysterischer.

Wolfgang Münchau von der Financial Times und die Ökonomen der deutschen ZEIT-ONLINE „Herdentrieb“, sowie Gustav Horn versuchen, dagegenzuhalten und die Absurdität der Weidmannschen Forderung aufzuzeigen. Worum geht es also?

  1. Wenn es ein Problem von Außenhandels-Ungleichgewichten in der Eurozone gibt, dann wäre das Problem an der Wurzel zu lösen – und nicht beim Symptom deren Finanzierung. Deutschland hat aufgrund seiner Exportüberschüsse einen positiven Target2 Saldo mit den Südländern im Ausmaß von mehr als 50 Mrd €. Die Südländer mit Importüberschüssen haben diese jedoch – hauptsächlich als Folge der Krise, die die Importe drückt – im letzten Jahr deutlich verringert.
  2. Die alte Leier muß immer wieder wiederholt werden: Deutschland kann nur exportieren, wenn jemand anderer importiert. Ohne Importe keine Exporte. Das heißt: Deutschlands „Stärke“ der Vergangenheit benötigt die „Schwäche“ der anderen: das sind zwei Seiten desselben Euro. Wenn die Südländer Nettoexporteure werden sollten (was viele in Deutschland mit Hinweis auf ihre eigene Stärke und Tugend verlangen), hat Deutschland seine Überschüsse (zumindest in diese Region) verloren.
  3. Und bitte, wie absurd ist denn die Forderung nach Sicherstellungen: wenn der Euro zusammenbricht, dann sind auch die spanischen, italienischen, griechischen, französischen und portugiesischen Vermögenswerte und Anleihen, die der Besicherung der deutschen Forderungen dienen, nichts mehr wert. Wozu also dann die ganze mißverstandene Aufregung?
  4. Letztlich: ein gemeinsamer Währungsraum bedeutet eben auch, daß man innerhalb dieser Währung Ungleichgewichte finanziert. Und daß dieses System durch die Europäische Zentralbank abgewickelt wird (wie in anderen Währungsräumen auch), ist deren ureigentliche Aufgabe.
  5. Münchau spricht die grauenhafte Signalwirkung der Weidmannschen Forderung an: mit den Überlegungen, sich gegen den Kollaps des Euro zu versichern, geht er von der bisherigen Null-Wahrscheinlichkeit des Eurokollaps ab. Er verstärkt damit – und mit seinem Wunsch nach Zugriff auf die südlichen Vermögenswerte – den ohnehin schon starken Verdacht der Südländer, daß am deutschen Wesen…….., daß man in Herrenhausmanier die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen einrichten soll, daß letztlich man eigentlich die Währungsunion nicht mehr will.
  6. Nicht angesprochen habe ich hier die von den Proponenten der Weidmannschen Thesen immer wieder wiederholten Mantras von der „Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit“ der Südländer, die durch einen Austritt aus der Eurozone oder durch „interne Abwertung“, dh Lohnkürzungen zu bewerkstelligen wären. Diese beiden Mechanismen stimmen theoretisch, sind aber praktisch wertlos, wenn die betroffenen Wirtschaften – wie die griechische – keine Waren oder Dienstleistungen herstellen, die sie im Lande benötigen und/oder exportieren können. Griechenland wird mit einer – im Extrem – nur auf Fremdenverkehr ausgerichteten Wirtschaft nie und nimmer mit Deutschland, Österreich oder Finnland konkurrieren können. Dazu braucht es eine viel breiter aufgestellte Wirtschaft, die den Importdruck lindert und exportierfähige Güter herstellt: erst dann stellt sich die Frage nach der preislichen Wettbewerbsfähigkeit. Zuerst muß jene der qualitativen Wettbewerbsfähigkeit kommen.
  7. In Österreich hat diese Debatte noch keine Nachahmer gefunden. Das geht aber nicht darauf zurück, daß es hier keine orthodoxen Ökonomen gäbe, oder daß dies für Österreich kein Problem wäre (auch Österreich hat einen Leistungsbilanzüberschuß!), sondern eher, daß ökonomisches Wissen in Österreich weniger verbreitet ist, besonders jenes über die Eurozone. Felix Austria!
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5 Comments

Filed under Crisis Response, European Union, Financial Market Regulation

5 responses to “Felix Austria! No Target

  1. Leider bin ich erst heute auf diese Seite getossen, ich machte mir vor 2 Tagen selber über die Target-2 Salden von Österreich in meinen Blog Gedanken: http://blog.area23.at/2013/04/austarget2.html

    Es folgten einige sinnvolle Kommentare, die auch die Problematik hinter der gängigen Interpretation von Target-2 hinerfragenswert erscheinen lassen:
    “Einfach gefragt;
    1. Ich bin Grieche und gehe zu einer griechischen Bank und überweise 1.000.000€ an eine deutsche Bank.
    2. Jetzt fahre mit dem Auto nach Deutschland und hebe das Geld in bar ab.
    3. Danach fahre ich mit dem Geldkoffer zurück nach Griechenland und zahle das Bargeld wieder auf die griechische Bank ein.
    4. Ich wiederhole diesen Vorgang 1.000 mal.

    Welche Auswirkungen hätte das auf die Target-2 Bilanzen von Griechenland und Deutschland?”

    “Nach Österreich kommen viele Touristen (auch Tanktouristen) und es ist auch ein LKW-Transitland. Viele heben in Cash in ihrem Heimatland ab und zahlen dann in Österreich beim Tanken (da Benzin hier billiger als in D oder I) oder für Tourismusdienstleistungen. Dieses Geld kommt auf dann auf österreichische Banken. Wenn der Österreichischer VW Händler aber Autos bestellt, dann fährt er nicht mit dem Geldkoffer nach Wolfsburg, sondern überweist es per Banküberweisung. Das alleine würde die Target-2 Ungleichgewichte von Österreich noch nicht vollständig, aber großteils erklären.”

    Die beste Erklärung der österreichischen Nationalbank befindet sich in diesen beiden Artikeln:
    http://www.bmf.gv.at/finanzministerium/veranstaltungenforu_4524/targetsaldenimeuroz_13783/targetsalden_im_euro-zahlungsverkehr_-_reales_risiko_oder_virtuelle_verbindlichkeit.pdf

    http://www.oenb.at/de/img/gewi_2012_q4_analyse2_tcm14-253082.pdf

  2. Andreas Breitenfellner

    Danke fuer die Klarstellungen. Bzgl. Felix Austria gibt es vielleicht auch einen profaneren Grund: Oesterreich hat im Gegensatz zu Deutschland “Targetdefizite” akkumuliert. Schon alleine diese Tatsache entzieht der These, wonach Leistungsbilanzen ursaechlich mit den TARGET2-Bilanzen zusammenhaengen ihren SINN.

  3. Vollständige Dokumentation der Target2-Debatte in dieser Linksammlung: http://www.robertmwuner.de/materialien_euro_literatur_target2.html

  4. Edith Kitzmantel

    Lieber Kurt,
    Ist die Aussage, dass ein Beklagen der “Target 2”-Salden missverstandene Aufregung und ein Nicht-Beklagen Zeichen ökonomischer Ignoranz ist?
    Edith Kitzmantel

    • kurtbayer

      Liebe Edith: nein, das kommt vielleicht falsch heraus aus meinem Text. Die Aussage ist, daß das Beklagen der Target2 Salden, die aufgrund der Ungleichgewichte anfallen m ü s s e n, Ignoranz, bzw. Infragestellen der Währungsunion darstellen. So schaut’s aus.

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