Neu muß nicht immer gut sein. Neues aus dem Kulturleben


 Zuerst die gute Nachricht: John Adams’ Oper „The Death of Klinghoffer“ in der Inszenierung von Tom Morris an der English National Opera ist mehr als hörenswert. Die Oper handelt von der 1985 durch Palästinenser durchgeführten Kaperung des aus Genua ausgelaufenene Kreuzfahrtschiffes Achille Lauro, in dessen Folge die US-Amerikaner und Engländer und besonders Juden ausgesondert wurden und der im Rollstuhl sitzende Leon Klinghoffer als Antwort auf die Nicht-Freilassung von 50 palästinensischen Gefangenen durch Israel erschossen und seine Leiche über Board geworfen wurde. Die Oper gibt sich aber nicht mit dieser grauenhaften Tat selbst zufrieden, die als Rückblick bei einem Treffen von Überlebenden 20 Jahre später geschildert wird, sondern zeigt sehr beeindruckend den Hintergrund des palästinensisch-israelischen Konfliktes durch die Einwanderung und Landnahme der Juden und die Verteibung der Palästinenser. Sehr beeindruckend die Klage der palästinensischen Mutter des jungen Mörders Omar, die ihren Sohn auf diese Reise – und damit in den wahrscheinlichen Tod – schickt. Clare Pressland war die herausragende Sängerin dieses Abends. Fast ebenso beeindruckend in Darstellung wie sängerischer Intensität Michaela Martens als Marilyn Klinghoffer, gut auch, wenn auch etwas farblos Alan Opie als ihr Mann und Opfer, sowie Christopher Magiera als Kapitän des gekaperten Schiffs. Beeindruckend auch Jesse Kovarsky als junger „Terrorist“ und letztlich Mörder.

Adams gelingt es, die einzelnen Abschnitte sehr prägnant – der jeweiligen Stimmung angemessen – musikalisch zu erzählen und die Musik das Geschehen tragen zu lassen. Eine stimmige Inszenierung, sehr eindrucksvolle Chöre (der Palästinenser und Israelis) und ein hervorragend von Baldur Brönnimann dirigiertes Orchester verschafften ein wirklich eindrucksvolles Erlebnis.

 

Ganz anders hingegen – und wirklich sehr enttäuschend im Royal Opera House “Miss Fortune” von Judith Weir, die auch für das schwache Libretto verantwortlich ist. Dies ist eine Koproduktion mit Bregenz, wo es 2011 aufgeführt wurde. Eine flache Story, die allerdings so beginnt, daß man meinen könnte, sie sei eine Paraphrase auf die Exzesse der Finanzindustrie und die Finanzkrise. Leider nicht. Es geht um sehr reiche Eltern mit einer esoterisch veranlagten Tochter, die durch einen Kurssturz einen Teil ihres Vermögens verlieren, sich aber ins Ausland absetzen, da sie dort den größten Teil ihrer Vermögenswerte gebunkert haben. Die Tochter geht nicht mit, möchte ins „wirkliche“ Leben und versucht sich in einer Reihe niedrigqualifizierter Jobs, wie Aufräumerin in einem Bekleidungs-Sweatshop, in einer Kebabbude und in einer Münzwäscherei. Jedoch das Schicksal in Form eines Mannes macht ihr immer einen Strich durch die Rechnung, bis sie letztlich ein 100 Millionen-Los gewinnt, dieses aber weggibt und stattdessen sich in die Arme eines sie verehrenden reichen jungen Mannes begibt. Unklar bleibt die Moral von der Geschicht. Diese ist aber vor allem vollkommen unglaubwürdig und flach erzählt, die Personen werden nicht plastisch, daß Miss Fortune den jungen Mann liebt, wird nie ersichtlich (nur seine Verehrung ihrer Schönheit). Auch musikalisch bleibt alles seltsam blass. Irgendwie wirkte das Ganze auf mich wie durch Watte gesehen/gehört. Dann noch die seltsame Idee, die Person des Schicksals durch Breakdancer begleiten zu lassen, was vollkommen unbegründet wirkt, und vor allem überhaupt nicht zur Musik paßt. Stimmlich ragte nur Andrew Watts’ Countertenor als Schicksal heraus, die anderen (undankbaren Rollen) bleiben flach. Eine abstrakte Inszenierung mit unmotiviert gaghaften Formen, die sich drehen und bewegen half auch nicht weiter. Einzig die Lichtinszenierung war wirklich beeindruckend. Jedenfalls ein Abend, den man bald vergessen sollte.

 

In der wunderbaren Ely Cathedral, romanisch im Kern mit einem achteckigen niedrigen, wuchtigen Zentralturm über dem Zentrum der Kreuzform und gotischem Kirchenschiff (alles aus dem 11.-13.Jahrhundert) hörte ich ein beeindruckendes Chorkonzert von 2 Collegechören aus Cambridge (Jesus College und Gonville and Caius College) sowie den beiden Chören der Kathedrale. Lauter zeitgenössische Komponisten (Ausnahme A. Dvorak) mit vertonten Psalmen. Fantastische Akustik, wunderschöne Atmosphäre, allerdings eine weitgehend schwermütige Musikauswahl, die den Zuhörer fast in Depression versinken ließ ob des hier lautwerdenden Bösen in der Welt. Dies wurde noch verstärkt durch die fast den Gefrierpunkt erreichende Temperatur im Kirchenschiff. Dennoch war die absolut sehens- und hörenswert.

 

Das gute alte Tricycle Theater in Kinsbury bringt wieder ein absolut bewegendes Thema in Form von in eine Serie von 2 Aufführungen kombinierten Mini-Dramen. The Bomb handelt von den Anfängen und Anwendungen und Folgen der Atombombe, von den europäischen Flüchtlingen im England der frühen vierziger Jahre, die die Entwicklung der englischen Bombe vorantreiben, von indischen Entwicklungen und dem moralisch-ethischen Dilemma indischer Physiker, die auf Druck der Regierung eine Bombe gegen ihre Brüder in Pakistan entwickeln sollen, von den Versuchen der 5 frühen Atommächte, deren Ausbreitung zu begrenzen (soweit es Ausweitungen des Kalten-Krieg-Gegners betrifft), etc. Die einzelnen Stücke sind etwa 25 Minuten lang, 5 pro Abend und schaffen durch die unterschiedlichen Blickwinkel der einzelnen Autoren eine äußerst brisante und spannende Atmosphäre.

Die beste Arbeit ist das allerletzte Stück im 2. „Blast“ „The Letter of Last Resor“ (etwa: Der Allerletzte Notfall-Brief). Das Stück spielt im Jahr 2015: die soeben ernannte britische Premierministerin sitzt am ersten Arbeitstag spät am Schreibtisch und müht sich, einen persönlichen Brief an die Hinterbliebenen eines gefallenen Soldaten zu schreiben, anstatt dem Rat ihres Beraters zu folgen und einen Musterbrief zu verwenden. Bevor sie nach vielen vergeblichen Versuchen dies aufgibt, sagt ihr der Berater noch, sie müsse unbedingt heute noch den ominösen Brief schreiben: dieser ist für den letzten überlebenden Kommandanten des britischen Trident Nuklear-Uboots bestimmt, der nach der Auslöschung Britains durch einen Atomschlag nunmehr auf ihre Anweisung (die er in einem Doppelsafe liegen hat) wartet. Es gibt 3 Optionen: entweder durche einen Vergeltungsschlag den Rest der Welt auslöschen, nichts zu tun, oder das U-Boot nach Australien zu führen und der dortigen Regierung zu übergeben. Alle 3 Optionen werden in all ihren Folgen und Logiken durchgekaut: die dritte wird als zu weichlich verworfen, die erste ist zwar „mannhaft“, aber doch ziemlich zerstörerisch; die zweite entspricht zwar der leicht pazifistischen Grundhaltung der Lady, könnte aber Britannien als „Weichei“ im überlebenden Teil der Welt (??) in Erinnerung behalten. Umwerfend komisch und tragisch sind dabei die von beiden angestellten Überlegungen. Letztlich enden sie nicht ganz klar, der Zuschauer kann sich selbst entscheiden, wie die Premierministerin entscheiden wird.

Wie immer im Tricycle, sind die Inszenierungen spartanisch, die Schauspielerleistungen hochprofessionell. Das ist Politisches Theater wie es sein kann, mit einer Thematik, deren Dramatik und deren unterschiedliche Sichtweisen durch diese Mini-Stücke dem Zuschauer eindrücklich klar werden.

 

Im Kino gibt es mit „Barbara“ einen wunderbaren Film, der das Überleben (physisch und psychisch) und die Bedrohung des Humanen durch den DDR-Stasi-Staat beschreibt. Es geht um Barbara, eine Ost-Berliner Ärztin, die als Folge der Stellung eines Ausreiseantrags in ein Provinzkrankenhaus versetzt wird und dort tagtäglich von der Stasi überwacht und drangsaliert wird. Immer wieder kommen Stasimänner unangemeldet in ihre Wohnung, drehen alles auf den Kopf auf der Suche nach Westgeld und lassen jeweils auch den ganzen Körper Barbaras untersuchen. Sie hat tatsächlich von ihrem West-Liebhaber Geld für die Bezahlung eines Schleppers bekommen, dies aber gut versteckt. Ihre Fluchtpläne, die sie mit ihrem Liebhaber entwirft – auf einem selbstgebauten Motorfloß mit dem Schlepper nach Dänemark zu kommen – wird durchbrochen durch ein im Spital eingeliefertes junges Mädchen, das aus einem KZ-ähnlichen Arbeitslager immer wieder entflieht und brutalst zurückgebracht wird, aber in Barbara die erste und einzige vertrauensvolle Bezugsperson findet. Auch freundet sich Barbara zunehmend mit dem Oberarzt an, der sich als exzellenter Spezialist, guter Mensch und Arzt, Anbeter von Barbara, aber auch als Informant des Stasi erweist. Als endlich das lang ersehnte Fluchtfahrzeug in der Nacht am Meer auftaucht und Barbara mit dem Mädchen, das wieder ihrem Lager entronnen ist und zu ihr geflohen ist am Ufer wartet, bedeutet ihr der froschmannartige Schlepper, daß das Floß nur eine zusätzliche Person aufnehmen kann. Da entscheidet sich Barbara spontan, das Mädchen aufs Floß zu bringen, ihr das Geld zu geben und sich selbst einem ungewissen Schicksal zu überlassen.

Ähnlich wie „Das andere Leben“ wird in dem Film die Unmenschlichkeit, die permanente Bedrohung durch die Staatsmacht, aber auch die Ausweich- und Überlebensstrategien der Menschen in diesem Regime ganz exzellent deutlich gemacht.

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