Alterung Schlägt Wachstum: Für ein Neues Europäisches Paradigma


Sehr bald erleben wir den 20. Jahrestag der bahnbrechenden Konferenz von Rio, die dem Ziel des nachhaltigen Wachstums gewidmet war. Die bisherigen Umsetzungsergebnisse sind trotz vieler Forschungsergebnisse und Lippenbekenntnissen von Politikern enttäuschend: Es gibt keinen grundlegenden Wandel des Wirtschaftens, der Rohstoffverbrauch der Welt steigt weiter an, die daraus resultierenden Umwelt- und gesellschaftlichen Bedrohungen nehmen weiter zu. Die Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 hat zusätzlich dazu beigetragen, dass sich die Wirtschaftspolitik primär auf die Wiedererlangung “normaler” Wachstumsverhältnisse und –raten konzentriert, womit die Wiederherstellung von BIP-Wachstumsraten im Ausmass vor der Krise (etwa 3-4% pro Jahr) gemeint ist. Viele Prognostiker warnen heute davor, dass Europa auf der Verliererstrasse sei, dass es gegenüber den aufstrebenen Wirtschaften Asiens, Lateinamerikas und auch Afrikas ins Hintertreffen gelange. Mit solchen Szenarien wird gemeinhin suggeriert, daß Europa in Zukunft nicht bestehen könne, daß sein erreichtes hohes Wohlfahrtsniveau zum Untergang verurteilt sei. Ich teile diese pessimistische, nur auf ökonomische Wettbewerbsfähigkeit aufgebaute Argumentation nicht.

Natürlich ist Krisenbekämpfung wichtig, natürlich bringt die Krise verhererende wirtschaftliche und gesellschaftliche Nachteile für viele Betroffene, natürich gibt es auch innerhalb der reichen Staaten grossen Nachholbedarf auch an materiellem Wohlstand für viele Menschen. Dennoch ist das Ziel einer weiteren Vermehrung des BIP, das offiziell von EU, der OECD, IMF und allen Regierungen mit Nachdruck verfolgt wird, besonders für Europa anachronistisch, schädlich und sinnlos. Zur Erklärung:

Europa produziert ein Gesamt-BIP von etwa 16 Billionen $, das ist ungefähr ein Viertel des Welt-BIP von 63 Billionen. Gleich danach kommen die USA mit 15 Billionen $, Japan und China mit grossem Abstand mit jeweils 6 Billionen, Brasilien im 2 und Indien und Russland mit  jeweils 1.6 Billionen. Bei einer Bevölkerung von 500 Mio Personen (Weltbevölkerung von 7 Mrd Menschen) kommt Europa (konkret die EU) auf ein pro-Kopf Einkommen von 33.000 $ pro Jahr (Österreich 42.000 $), deutlich niedriger als jenes der USA mit 46.000 $, aber ganz an der Spitze (nach den Erdölscheichtümern und Luxemburg) der Weltpyramide. Im Gegensatz zu allen anderen Regionen der Welt beginnt die Bevölkerung Europas aufgrund der niedrigen Reproduktionsraten zu schrumpfen. In einigen EU-Ländern, etwa Ungarn und baltischen Ländern, geht sie bereits zurück (ebenso in Russland), in den meisten anderen EU-Ländern, mit der bemerkenswerten Ausnahme von Frankreich und Schweden,  altert die Bevülkerung stark und wird – je nach Land früher oder später – zu schrumpfen beginnen. Trotz weiter steigender Lebenserwartung wird die EU-Bevölkerung immer älter, und ihre Umfang geringer. (Auch in China wird aufgrund der lange verfolgten Ein-Kind-Politik bald die Bevölkerungszahl drastisch schrumpfen). Alternde und schrumpfende Bevölkerung wird – auch bei geltendem Wachstumsparadigma – massive Probleme aufwerfen: wer wird die Pensionen zahlen, wer wird die Pflege der Alten übernehmen, woher werden die nowendigen Arbeitskräfte kommen, deren Beiträge notwendig sind zur Aufrechterhaltung des Systems, und wie können wir – bei aufgrund der Alterung tendenziell abnehmender Produktivität der Gesellschaft – die notwendige Innovationsfähigkeit einer “versteinernden” Gesellschaft sicherstellen?

Die – technokratisch einleuchtendste – Lösung des Imports von Arbeitskräften aus stark an Zahl wachsenden Ländern erweist sich als politisch zunehmend inakzeptabel, da sich immer stärker zeigt, dass die Folgen mangelnder Integration dieser Migranten schwere gesellschaftliche und politische Probleme hervorrrufen. Natürlich wird und soll es weiterhin Arbeitskräftemigration geben. Eine vollkommene Abschottung ist weder gesellschaftlich erwünscht noch politisch durchsetzbar: der Weg zurück in die Autarkie, in die Kleinstaaterei, in die Kleinhäuslerei, in das “Mir san mir” wird nur von rückwärtsgewandten Ideologen und von einigen Stammmtischen gefordert, aber (noch?) nicht von ernstzunehmender Politik. Ausreiseverbote a la Venedig (im 15. Jahrhundert für Glasmacher) oder aus Sowjetunion undDDRwill (fast) niemand.

Ohne starke Migrationströme werden wir also selbst mit den Problemen der Alterung und der schrumpfenden Gesellschaften fertig werden müssen. Ich meine, dass darin auch eine grosse Chance liegt, die wenn sie genützt wird, auch eine ganze Reihe von mit der bisherigen Wirtschaftsweise verbundenen Umwelt- und Klimaproblemen gleichzeitig lösen kann, wenn denn Wirtschafts- und Sozialpolitik in diese Richtung ausgerichtet werden. Der demographische Druck einer alternden und dann schrumpfenden Gesellschaft könnte den notwenidigen Paradigmenwechsel (Thomas Kuhn) zu einer anderen Wirtschaftsweise hervorrufen.

Ziel einer solchen neuen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, eines Leitbildes, eines Paradigma, müsste die Ersetzung der Wirtschaftswachstums durch das Ziel der Erhaltung der gesamten Volkswohlfahrt (also der Summe des materiellen und immateriellen Wohlstandes der Gesellschafgt) unter den Bedingungen einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung werden. Wird dies zum gesellchaftlich akzeptierten Ziel, dann ergib t sich, bei schrumpfender Bevölkerung, schon rein arithmetisch, dass die Erhaltung (nicht Steigerung) des derzeitigen hohen pro-Kopf Einkommens (welches nur die materielle Wohlfahrt beschreibt) ohne weiteres die Steigerung der nicht-materiellen Wohlfahrt und damit sogar Steigerung der gesamten Volkswohlfahrt in Europa bedeuten kann, ohne dass das gesamte EU-BIP weiter steigen muss.

Es gibt eine gnaze Reihe von Untersuchungen und empirischen Belegen (siehe etwa Wilkinson-Pickett. The Spirit Level, Penguin 2010), dass etwa ab einem pro-Kopf-Einkommen von 25.000 $ pro Jahr die gesamtgesellschaftlichen und ökologischen Kosten weiteren BIP Wachstums die Gesamtwohlfahrt sinken lassen. Das betrifft die ökologischen Kosten des Klimawandels, der Luftverschmutzung, die abnehmende Bio-Diversität, die Versiegelung der Landschaft, die zunehmende Nutzung knapper Wasserressourcen bei immer stärkerer Anzapfung von Grundwasserströmen, aber auch die zunehmenden Kosten und Belastungen der Menschen durch Arbeitsstress, durch längere Anfahrtswege zur Arbeit, durch höhere Arbeitsintensität, grössere Bedrohung durch höhere Mobilität verursachte Epidemien, zunehmende psychische Probleme, und so weiter. Die von den Menschen geforderte höhere Bereitschaft zur Mobilität, also dem Nachreisen zu Arbeitsplätzen, kann gewachsene Sozialstrukturen zerstören, Strukturen und Familien auseinanderreissen und bedroht gesellschaftliche Interaktion. Im Extremfall kann dies zu mehr Kriminalität, Eigentumsdelikten, aber auch Gewaltbereitschaft und auch Gewaltausübung führen, zu höherer Gefängnisfrequenz und –inhaftierungsdauer mit allen Folgen für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

 

Alternde und schrumpfende Gesellschaften müssen sich besonders um Innovationsfähigkeit bemühen, um die notwendige Umsetellung auf diese neuen Herausforderungen zu bewältigen. Es geht dabei zuerst um die Kompensation des Fehlens des Nachwachsens neuer Arbeitskräfte, aber dann besonders um das Erlernen neuer Fähigkeiten, um das rasche Erkennen neuer gesellschaftlicher Notwendigkeiten (Medizin, Pflege, Mobilität, etc.) also auch um das Entwickeln neür Produkte und Dienstleistungen und um die Anpassung an geänderte gesellschaftliche und ökonomische Gegebenheiten. Damit muss die befürchtete Erstarrung alternder Gesellschaften, das Festhalten an “wohlerworbenen Rechten um jeden Preis” – und damit letztlich eine allgemeine Verarmung und Verelendung solcher schrumpfender Gesellschaften bekämpft werden. Die Innovationsfähigkeit ist aber auch notwendig, um die Klima- und ökologischen Folgewirkungen des Wirtschaftswachstum zu mildern, bzw. die Anpassung der Gesellschaften an geänderte Umweltbedingungen zu ermöglichen. Das hier aus Alterungsgründen argumentierte niedrigere Wirtschaftswachstum allein wird diesen notwendigen Wandel nicht schaffen.

Die rein ökonomistischen “Lösungen” , wie zB im sonst ausgezeichneten Bericht der Weltbank (Golden Growth, im Blog vom 24.2.2012 besprochen) vorgeschlagen, nämlich mehr Mobilität und “Strukturreformen” weisen in die falsche Richtung. Sie zielen nur auf mehr Wettbewerbsfähigkeit und damit auf mehr Wachstum. Sie wollen nicht sehen, dass reiche schrumpfende Gesellschaften als ganze nicht mehr Wachstum brauchen, sondern eine andere “sektorale” Verteilung des Wachstums, dh Wachstum in gesellschaftlich relevanten, den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördernden Bereichen,vor allem immaterieller Art, und Schrumpfung in vielen traditionellen Konsum- und Investitionsgüterbereichen; materielles Wachstum für Arme und jene mit Nachholbedarf, Stagnation im materiellen Bereich für Wohlhabende. Aber dafür mehr Wachstum bei öffentlichen Gütern für alle, und vor allem Wachstum in immateriellen Bereichen, die wichtig sind für die Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Mehr Arbeitskräftemobilität als eines der Hauptinstrumente mag mehr Effizienz im Arbeitskräfteeinsatz und damit bessere ökonomische Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen, wenn sie aber gewachsene Gesellschaftsstukturen zerreisst, mehr entwurzelte Menschen ohne gesellschaftliche Bindungen schafft und damit mehr soziale Problem verursacht, dann sollte dies kein Ziel mehr sein (aber natürlich dem Einzelnen auch nicht verboten sein).

Abgehen vom Wachstumsparadigma hat natürlich auch positive Folgen für die bedrohte Umwelt. Damit würde, zumindest für die reichen Gesellschaften, deren immer weiter steigender Ressourcenverbrauch gebremst, ebenso wie die Verschmutzung von Luft, Wasser, Boden; die Gesundheitsfolgen (psychisch wie physisch) immer weiter steigender Arbeitsintensität würden reduziert, die Menschen wieder stärker auch auf immaterielle Werte, auf ihre Verfasstheit als “zoon politicon”, als gesellschaftliches Wesen, orientiert – und damit der Zusammenhalt der ingesamt reichen Gesellschaften gesichert.

Vom Staat, von den Politikern, ist dieser notwendige Umschwung nicht zu erwarten. Deren eigene Interessen, vor allem aber deren ihre Politik heute bestimmenden wirtschaftlichen Interessen, die am Wachstumsthema verdienen, davon profitieren, werden alles dagegen setzen. Ihre Abwiegelungsstrategie, mit der sie sich ein grünes Mäntelchen umhängen, lautet bereits jetzt “grünes Wachstum” – aber eben wieder “Wachstum”. Dh sie wollen nicht wirklich etwas Grundlegendes am Wirtschaftssystem ändern, sondern es teilweise auf neue gesellschaftliche Bedürfnisse, die ein positives Image haben, umlenken. Wie bei allen gesellschaftlichen Veränderungen muss diese von den Bevölkerungen, von der viel beschworenen “Zivilgesellschaft” kommen, die ihre eigenen (in sich sehr unterschiedlichen) Interessen vertritt. Bei dieser Artikulierung und politischen Einfluss gewinnenden Strömung wird sie von der Macht des Faktischen (Alterung und Schrumpfung) unterstützt werden. Anders als beim ökologischen Ziel allein (das keine direkten Interessenvertreter hat), wird die Alterung und Schrumpfung der Gesellschaft über kurz oder lang zwingend die Notwendigkeit zu einer Umorientierung aufzeigen: wenn es keine inländischen Arbeitskräfte mehr gibt und man sich gegen deren Import wehrt, werden Produktionen abwandern; wenn es weniger Menschen gibt, die Güter und Dienstleistungen kaufen können, kann man entweder weniger produzieren oder versuchen, mehr zu exportieren (wohin, wenn die anderen Gesellschaften auch schrumpfen?). Wenn die Exzesse und Krisen des Wachstumsprozesses sich verstärken, verlangen viele Menschen nach grundlegenden Alternativen (siehe die Occupy Bewegung). Dennoch: es wird ein langer und harter Kampf für eine bessere und kleinere Gesellschaft sein. Die bestehenden Interessen geben nicht so leicht nach und werden vehement Rückzugsgefechte führen.

Aber wie bei allen gesellschaftlichen Trends; letztlich gewinnt die Macht des Faktischen. Die Frage ist, ob die europäische Gesellschaft in der Lage sein wird, sich an ihre selbstgewählte Schrumpfung und Alterung anzupassen, oder ob es ihr aufgezwungen werden wird – mit allen Kosten, die eine Zwangsvollstreckung mit sich bringt. Wie das vor sich geht, damit bringt Jared Diamond’s Buch „Collapse“ einige sehr eindrucksvolle Beispiele aus der Menschheitsgeschichte.

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Filed under Crisis Response, European Union, Global Governance, Socio-Economic Development

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