It’s the Politics, Stupid!


Die Grundtheorie ist ganz einfach: Institutionen sind das bestimmende Element für Wirtschaftsentwicklung – und das gilt weltweit und durch alle Zeitenläufte. Üblich und weitverbreitet sind „ausbeuterische“ (extractive) Institutionen (im Sinne von Bodenschätze ausbeuten, aber auch Menschen), die Entwicklung verhindern; erfolgreich sind „integrierende“ (inclusive) Institutionen, weil sie den Menschen Entwicklungsmöglichkeiten geben und vor allem Anreize, ihre Produktivität zu steigern und neue Technologien zu entwickeln und anzuwenden.  Das ist die vielfältigst belegte Grundidee von Daron Acemoglu und James Robinson (AR), der eine MIT Ökonomieprofessor, der andere Harvardpolitologe in ihrem neuen, bahnbrechenden Buch „Why Nations Fail. The Origins of Power, Prosperity and Poverty“, Profile Books, London 2012. Diese Grundidee wird erweitert durch Joseph Schumpeter’s Notwendigkeit der „schöpferischen Zerstörung“ zur Hervorbringung neuer Technologien.

Reich werden also Gesellschaften, die integrative politische und soziale Institutionen bilden, die dann zu integrativen ökonomischen Institutionen führen, die es Menschen ermöglichen, dort ihre Talente einzubringen, wo sie am ertragreichsten sind und wo diese Menschen zumindest einen grossen Teil dieser Erträgnisse für sich selbst verwenden können. In  den durch die gesamte Menschheitsgeschichte und über den Erdball weit verbreiteten ausbeuterischen Ländern eignen sich Oberschichten die Erträgnisse bestehender Produktionsverhältnisse an und sind an Neuerungen nicht interessiert, bzw.verhindern sie, weil sie Angst haben, dass die dadurch entstehende Mittelschicht ihre Machtansprüche beeinspruchen wird. Diese Gesellschaften stagnieren, ermöglichen der herrschenden Schicht oder dem Machthaber zwar grossen Reichtum, aber auf Kosten der Bevölkerung und auf Kosten der Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.

AR beschreiben diese Muster anhand von vielerlei Gesellschaften: vom alten Rom über kongolesiche Staaten, von der Eroberung der Azteken- und Mayastaaten durch die Spanier über die nordamerikanische Ausbreitung, vom ottomanischen Reich über England, von den westafrikanischen Sklavenlieferstaaten über die USA-Südstaaten, von Russland über die Sowjetunion, von Österreich-Ungarn bis zum „arabischen Frühling“. In all diesen, und noch vielen mehr dokumentierten Fällen zeichnen sie erfolgreiche und stagnierende Entwicklung anhand ihrer Thesen nach. Dabei stellen sie auch fest, dass es vielfach „einschneidende Ereignisse“ gibt, die grundlegende Veränderungen entweder erzwingen oder ermöglichen. Treffen diese auf integrative Entwicklungen, können solche Ereignisse zum Sprungbrett für positive Entwicklung von Volksreichtum werden; bei ausbeuterischen Institutionen gibt es nur mehr vom Gleichen, wenn auch auf anderer Basis. Beispiele für solche einschneidenden Ereignisse sind etwa die Pest in Europa, die dort die Bevölkerungszahlen halbiert hat: in Westeuropa hat dies dazu geführt, die Verhandlungsmacht der wenigen verbliebenen Arbeitskräfte gegenüber den Feudalherren zu stärken und einen Teil der Feudallasten abzuwerfen; in Österreich-Ungarn und Russland hingegen zur Leibeigenschaft. Sklaven, sowie an die Scholle gebundene Leibeigene werden nicht ihren Talenten entsprechend beschäftigt, können nicht ausweichen und haben daher Null Anreiz, mehr als notwendig zu arbeiten, geschweige denn, Verbesserungen in den Arbeitsprozessen hervorzurufen. Einschneidend waren weiters die Entdeckung und Ausbeutung Lateinamerikas, die dort je nach Bevölkerungsdichte zu Sklavenarbeit in Bergwerken und Plantagen (ausbeuterisch) geführt hat, oder zum Aufstieg etwa Argentiniens zu einem der reichsten Länder der Welt (bis vor 100 Jahren). Einschneidend war auch die „Glorreiche Revolution“ in England (1688), die die ausbeuterische Stuartdynastie ablöste und die integrativen William und Mary auf den englischen Thron brachte und damit einen „Kickstart“ ermöglichte, der 100 Jahre später in einem der bedeutendsten einschneidenden Ereignisse, der industriellen Revolution mündete, die vielfältigste Erfindungen, die Mechanisierung der Arbeit und die Weltstellung Englands bis zum ersten Weltkrieg als Industriemacht festigte. Österreich-Ungarn und Russland hingegen bauten keine Eisenbahnen, verhinderten Entwicklungen aus Angst vor Machtverlust – und blieben arm und rückständig. Leibeigenschaft herrschte vor und wurde erst im 20. Jahrhudnert ganz aufgelöst. In England hatte der Transatlantik- und Indienhandel eine Klasse an wohlhabenden Mittelständlern ermöglicht (nach Aufhebung der staatlichen Handelsmonopole), die den Königen und der Aristokratie sukzessive Macht abhandelten und integrative (partizipatorische) politische Verhältnisse abluchsten, die durch William and Mary quasi „legalisiert“ wurden. Einschneidend war natürlich auch die bolschewistische Revolution in Russland, die zwar massive Produktivitätssteigerungen durch Ressourcenumleitung aus der Landwirtschaft in die Industrie ermöglichte, aber letztlich an der Klassendiktatur, der Zwangskollektivierung und –arbeit und Unfreiheit der Menschen scheiterte, denen aller Anreiz zur Verbesserung ihrer Lebensumstände genommen wurde.

Dani Rodrik, der bekannte Entwicklungsökonom von der Kennedy-School schreibt in seiner Würdigung des Buches: „It’s the politics, stupid!“, in Anlehnung an Bill Clinton’s Slogan. AR zeigen, auf wie vielfältige Weise durch Geschichte und Raum Oberschichten sich die gesellschaftlichen und ökonomischen Regeln zu ihrem eigenen Nutzen hergerichtet haben, und dass auch die besten Ideen nichtzu mehr Volkswohlstand führen, wenn sie nicht mit grundlegendem politischen und gesellschaftlichen Wandel in Form von integrativen Institutionen einhergehen. Die fünzehnjährige Forschungsarbeit von AR, die zu diesem Buch geführt hat, weist auf ein stupendes Wissen der Autoren hin. Besonders beeindruckend für dieses hochwissenschaftliche Werk ist jedoch, dass es in ganz einfacher Sprache geschrieben ist, im Text selbst keinerlei „wissenschaftlicher Apparat“ sichtbar wird, sich also eher wie ein Roman liest. Und dennoch: AR haben alles Einschlägige gelesen (26 Seiten Bibliographie) und belegen alles (17 Seiten bibliographischer Essay). Keine einzige Tabelle verwirrt den Leser, einzig 20 sehr anschauliche Landkarten belegen die Hypothesen.

Zwei Dinge sehe ich jedoch kritisch: zum einen sind die Autoren sehr skeptisch bezüglich der Entwicklung Chinas. Ihrer These entsprechend halten sie nichts von der vielfachen Idolisierung der Kombination von autokratischer Politik und marktliberaler Ökonomie. Ihrer Einschätzung nach ist diese Entwicklung nicht „nachhaltig“, sondern muss über kurz oder lang aufgrund der weiter existierenden ausbeuterischen Institutionen zusammenbrechen. Jedoch: 30 Jahre mehr als 10% Wachstum und das Herausholen von mehr als 300 Millionen Menschen aus bitterster Armut sind eine gewaltige Leistung: wie lange muss das noch so gehen, bis es als „nachhaltig“ eingestuft wird? Ich leugne keineswegs die riesigen Probleme Chinas, die sich auch aufgrund dieses massiven Wachstums aufgebaut haben, doch meine ich, dass auch China dabei ist, integrativere Strukturen herzustellen – wenn vielleicht auch zu zögerlich. Natürlich ist mit integrativeren Institutionen auch Machtverlust der herrschenden Klasse und Partei verbunden.  Die Hauptfrage ist, inwieweit und mit welchem Tempo dieser Machtverlust akzeptiert wird – oder verhindert wird.

Das zweite Problem sehe ich im Fehlen jeglicher Analyse der derzeitigen Probleme des „Westens“: ja, unsere Institutionen sind relativ integrativ, wir haben Demokratie und Partizipation, wir haben materielle Anreize, wir haben Freizügigkeit für Arbeitnehmer, die (theoretisch) dort arbeiten können wo sie mit ihren Talenten den grössten (Eigen-)Nutzen stiften (Was ist mit der weit verbreiteten Arbeitslosigkeit?). Dennoch hat sich in diesem freiesten aller freien Systeme ein ausbeuterischer Finanzsektor entwickeln können, dessen Machenschaften wir alle ausgeliefert sind. Entwickelt sich hier vielleicht, um im Gedankengebäude von AR zu bleiben, ein Trend weg von integrativer zu ausbeuterischer Wirtschaft? Sind die Finanzakteure die neuen Aristokraten, die der Realwirtschaft und damit den Menschen in ihrem Eigeninteresse massiv Ressourcen zu ihrem eigenen Frommen entziehen? Konsequenterweise müssten AR diese Entwicklung als Rückschritt in die quasi-feudale Zeit klassifizieren. Die politische Macht des Finanzsektors hat es ermöglicht, die Verbesserungen in den Einkommensverteilungen innerhalb der reichen Länder und zwischen reichen und armen Ländern rückgängig zu machen. Bisher sind kaum ernsthafte Bestrebungen auszumachen, die Macht der Financiers und der grossen multinationalen Konzerne zu brechen. Hier ist eine neue „schöpferische Zerstörung“ a la Schumpeter nötig, um unseren Wohlstand zu sichern.

AR zerlegen mit Akribie einen Grossteil der herrschenden Entwicklungsliteratur: weder der Einfluss der Geografie (warum ist Nogalesin Arizona reich, Nogales über der Grenze in Mexiko bitterarm?), noch die Grundausstattung von Ländern mit Pflanzen- und Tierspezien, noch kulturelle Unterschiede (Arbeitsethos, etc.) sind signifikant, wie AR an vielen Beispielen belegen. Neue Technologien wurden dort entwickelt und verbreitet, wo Eigentumsrechte bestanden, wo man sicher sein konnte, dass man die Früchte der eigenen Arbeit ernten konnte. AR belegen auch, dass es nicht ökonomisches Nichtwissen ist, das viele Länder und Gesellschaften arm macht. Viele der neuen Führer nach Ende der Kolonialzeit haben in Europa und den USA studiert und haben viele westliche hochqualifizierte Berater beschäftigt; vielfach haben sie jedoch die bestehenden ausbeuterischen Institutionen der früheren Konolianherren übernommen und für sich genutzt. Ebenso zeigen sie, dass gutes Wissen nichts oder nur wenig nützt, wenn es nicht mit grundlegendem gesellschaftlichen Wandel einhergeht, der Partizipation, Sicherheit und breite gesellschaftliche Mitwirkung ermöglicht, statt den Herrschenden luxuriösen Lebensstil auf Kosten der Bevölkerung zu ermöglichen.

Man könnte noch einiges einwenden gegen diesen riesigen Wälzer. Dennoch: es ist ein gewaltiges Werk, das nicht nur sehr viel Wissen zeigt, sondern eine äusserst überzeugende These bringt. Ökonomischer Fortschritt und eine Verbesserung der Lebensverhaletnisse für die Vielen ist nur möglich, wenn diese Vielen an Wirtschaft und Gesellschaft weitestgehend teilhaben. Der gütige Monarch, der seinen Untertanen zu seinem Regierungsjubiläum einen Golddukaten schenkt, sie aber sonst in Abhängigkeit darben läßt, bringt den Menschen keinen Wohlstand. Und solche „Monarchen“ gibt es viele –wobei die meisten nicht gütig sind.

 

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2 Comments

Filed under Socio-Economic Development

2 responses to “It’s the Politics, Stupid!

  1. Thomas Nowotny

    Ich werde das -auch vom “Economist” hochgerühmte Buch sicher sehr bald lesen. Inzwischen aber und in Antwort auf Deine Inhaltsangabe doch eine Frage: ist es wirklich zulässig, Österreich /Ungarn und Russland in einen Topf zu werfen? Immerhin hat es einen Josef II und einen Kudlich gegebenund damit sehr bald Eigentum, an Grund und Boden ( abgesehen von den Regionen wie Tirol, wo es seit Jahrhunderten bestand. Auch einen industriell / händlerischen Mittelstand hat es seit langem gegeben ( mittelalterliches, protestantischeh Wien; Biedermeier ). Und schliszlich idt nicht alles zenral/ staatliche automatisch entwicklungsfeindlich ( siehe die sterische Stahlindustrie und die österr Eisenbahnen. In beiden Fällen haben sie sich besser als staatliche denn als private Institutionen entwicklet. Mir gehen die Angelsachsen mit ihrer Verächtlichmachung Österreichs schön langsam auf den Wecker

    • kurtbayer

      Thomas: ich gebe Dir recht – und auch nicht: natürlich war Ö-U weiter fortgeschritten als Russland, blieb aber dennoch im Vergleich mit England und anderen rückständig, eben weil die Habsburger dieser Zeit reaktionär und autoritär waren (man denke nur an die Niederwerfung der 1848er Revolutionen in der Monarchie, an Metternichsche Zensur und Bespitzelung, etc.). Daß die Angelsachsen uns nicht richtig würdigen – naja, die einen schon, die anderen nicht.

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