Londoner Kontraste)


Eine absolute Entdeckung sind die “Opera Shots” im kleinen Linbury Studio, der Experimentalbühne des Royal Opera House Covent Garden. Es handelt sich um zwei vollkommen unterschiedliche Mini-Opern, die eine, “Home” vonGraham Fink, einem zeitgenössischen englischen Komponisten, der mit Musik, Elektronik, Tanz und Projektionen arbeitet. In einer faszinierenden Inszenierung wird die Geschichte der Vergänglichkeit der trauten Zweisamkeit zuhause erzählt. In einem einfachen weissen Raum tanzt ein Liebespaar und feiert seine Liebe in weiten, schwingenden Tanzsequenzen. Immer wieder kommt aus der Wand eine weisse Frau mit mysteriösem Auftrag. Während die Musik immer dramatischer wird (das kleine Orchester spielt hinter der Kulisse), verdoppelt sich die Frau und beginnt die Idylle buchstäblich einzureissen: die Wände des Zimmers sind aus Papier, auf das zuerst Risse projiziert warden, die sich noch einmal ins Idyllische wenden, da sie zu Zweigen mit Frühlingsblättern werden. Jedoch beim Versuch, dem engen Zimmer zu entfliehen, stürmen mit Trompetenstössen, die ein nunmehr sichtbarer Trompeter ausstösst, Herbstblätter unaufhaltsam ins Zimmer und verhindern die Flucht. Letztlich reissen Wände  ein, die Musiker werden sichtbar und sind zum Teil die Zerstörer des Zimmers (und der Liebe?). Das Ganze endet in einem furchtbaren Chaos. Inszenierung, Choreographie und vor allem die teilweise verfremdete Musik steigern sich bis zum bitteren Ende. Ziemlich grossartig.

Als (intendiertes?) Kontrastprogramm dann “Sevastopol” vom Sänger, Schreiber und Komponisten Neil Hannon, der die Erlebnisse des jungen Leo Tolstoj im Krimkrieg in 8 Stationen beschreibt. Mit viel konventionellerer Musik werden Kriegsszenen, wie sie der junge naive Dichter an der Front dieses imperialistischen Krieges erfahren haben muss, dargestellt: betrunkene Soldaten, sich feilbietende Marketenderinnen, Lazarette in denen Gliedmassen amputiert werden, Bombenangriffe und letztlich ein Gegenangriff mit einem Kanondenschuss ins Publikum. Alles sehr wirkungsvoll dargestellt, v.a. wie der Dichter immer wieder in diesen Kriegswirren Aufzeichnungen zu machen versucht, aber letztlich, wenn es um seine Haut geht, auch seine literarischen Ambitionen vergisst und sich in den Schützengraben wirft. Eine hervorragende sängerische Leistung von Hannon, eine nette Übung in Kriegsgräueln und hervorragende Inszenierung; dennoch: nach dem obigen Erlebnis bleibt ein leicht schaler Geschmack.

Dann der ganz besondere Kontrast durch Nikolaus Harnoncourt mit Beethovens Missa Solemnis mit dem Concergebouw Orchester und dem Chor des niederländischen Radios. Einfach grandios, wie H. Die kontraste in dieser verstörenden Messe herausarbeitet; nichts ist hier lieblich, im Miserere kommt das Flehen des erbärmlichen Menschseins zum Ausdruck; im Gloria diee stakkatoartige Verherrlichung Gottes; im Sanktus mit wunderbarem Geigensolo die tiefe Verehrung. Wunderbare Solisten, besonders  Marlis Petersen (Sopran) und Elisabeth Kulman (Mezzo), aber auch der Tenor Werner Gura und Gerald Finley als Bariton ganz ausgezeichnet. Das Zusammenspiel Chor-Solisten, vor allem eingangs des Kyrie war ganz wunderbar. So dramatisch kann Kirchenmusik sein! Schlussendlich grosse Rührung und Standing Ovations im Saal, als Harnoncourt die Goldmedaille der Royal Philharmonic Society überreicht bekam, eine seit 1870 nur 100 mal verliehene Auszeichnung (darunter an Brahms, Britten und Elgar, Rattle). In seiner kurzen Dankesrede bezog sich H. auf seine Vorwärts- und Rückwärts-Teile der Wertschöpfungskette, nämlich auf die Komponisten und Ausführende, ohne die ein Dirigent wie er nur “ein kleines bisschen Staub wäre”. Frenetischer Applaus.  

 

Und dann noch im neuen, hochinteressanten Hampstead Theatre Wolfgang Rihms Oper Jakob Lenz, nach dem Stück von Georg Büchner. Dies ist eine ganz außergewöhnliche Produktion, die die geistige Selbst-Zerstörung des unglücklichen Dichters Lenz sehr glaubhaft in Szene setzt. Die Oper spielt am Rande eines Sumpfes, in den der großartige Hauptdarsteller Andrew Shore einige Male springt, um sich zu beruhigen, um sich umzubringen, um andere zu töten. Lenz war 19 Tage beim guten Pastor Oberlin zu Gast, um seinen sich verschlechternden Geisteszustand zu beruhigen, hält es aber im Haus und der Idylle nicht aus und verbringt Tag und Nacht am Rande des Sumpfes, in den es ihn immer wieder zieht. Dort spielen sich auch seine grauenhaften Kofpgeburten und Wahnvorstellungen ab, in denen seine frühere Geliebte sowohl als Frau wie auch als Kind, das er im Wahn zu ertränken scheint, eine Rolle spielen. Dort verfolgen ihn auch die lokalen Bauern, die in dem Außenseiter eine Bedrohung sehen. Dort trifft er auch seinen geschniegelten Freund Kaufmann, der versucht, ihn nach Hause zu seinen Eltern zurückzubringen.  Alles ist umsonst, alle Beruhigungsversuche nützen nichts. Zu schlechter Letzt wird Lenz in einer Zwangsjacke nachempfundenen Pferdegeschirr, wie ein Wolf heulend, von seinen letzten Freunden verlassen und sich selbst und seinem Wahn überlassen. Shore ist ununterbrochen auf der Bühne, taucht mehrmals vollkommen im Sumpf unter, und singt überzeugend das ganze Weh des Wahnsinnigen heraus.

Das Überragende an diesem Abend ist zweifellos die Inszenierung plus Bühnenbild, die ganz wunderbar diesen fortschreitenden Wahnsinn des Lenz und seine Isolierung als Außenseiter (sowohl als Dichter als als Wahnsinniger) porträtieren: dazu passen die Kostüme – Lenz wie die Bauern, der Pastor würdig, Kaufmann und die Ex-Geliebte im Rokokokostüm. Das Morbide des Sumpfes und seine Anziehungskraft für Lenz sind perfekt dargestellt, und gipfeln in mindestens dreimaligem Untertauchen/Untergehen (einmal als Beruhigung, zweimal als Selbstmordversuche, ein weiteres Mal als Wahnfantasie des Kindesmörders). Und es ist frappant, mit welcher Stimm- und Darstellungskraft der Hauptdarsteller Andrew Shore den Lenz gibt. Rihms Musik ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, trifft aber die Dramatik der Situation ausgezeichnet.

 

 

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