Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen langsam, aber doch…..


Die Verurteilung des ehemaligen liberianischen Präsidenten Charles Taylor zu 50 Jahren Gefängnis durch das ICC ist für mich eine gewaltige Erleichterung für eine erschütternde Erinnerung, die ich an einen Besuch Sierra Leones als Weltbankdirektor 2003 hatte. Wie erinnerlich, wurde Taylor für die Beteiligung seiner Milizen an diesem fürchterlichen Bürgerkrieg in den 90er Jahren verurteilt, die letztlich durch seine Gier, an die riesigen Diamantenreserven („Blutdiamanten“) Sierra Leones zu kommen, verursacht wurde.Sierra Leone besitzt Diamantenvorkommen, die teils in Minen, teils aus Flüssen gewaschen werden. Letztere sind kaum zu kontrollieren, da sie von jedermann und –frau in nicht überschaubaren Gebieten herausgewaschen werden können. Sierra Leone war auch eines der westafrikanischen Feriengebiete, in denen sich seit altersher britische Kolonialbeamte und Geschäftsleute von den Mühen ihrer afrikanischen Kolonien erholten – landschaftlich und infrastrukturmäßig eine kleine Karibik. Freetown, die Hauptstadt, wurde von in Kanada befreiten ehemaligen Sklaven gegründet, die allerdings als Heimkehrer sofort Herrschafts- und Geschäftsansprüche stellten und die heimischen Stämme zu dominieren suchten, ein Grund für häufige Konflikte.

2003 stellte sich Freetown als fast vollkommen devastierte Stadt dar: in vielen der 2-3-stöckigen Häuser fehlten die Vorderfronten, zerschossen von den Geschützen der Milizen. Dies hinderte jedoch die Bevölkerungsmassen nicht (mangels Alternativen), jede horizontale Fläche als Schutz vor Regen und als Wohnquartier zu nutzen. Die Ruinenstadt selbst, damals im Dauerregen, war von Rauchschwaden und beißendem Rauch aus Holzkohlenfeuern erfüllt, die überall brannten – zur Erwärmung und zum Kochen. Schmutzige Menschen, hustende rotzige Kinder in Lumpen überall. Wir besuchten eines der Lager, in denen Hunderte Menschen (und was von ihnen noch übrig war) unter Fetzen vegitierten, die von den Taylor-Milizen verstümmelt worden waren: Menschen, Kinder, ohne Beine, mit abgehackten Armen, das halbe Gesicht weg – und das alles in unvorstellbarem Schmutz und Schlamm; mitten durch das Camp, das von der Weltbank mitfinanziert wurde, ein offener Graben, in dem Fäkalien, Plastiksäcke, Dreck den Hügel heruntergeschwemmt wurden. Ein unvorstellbares Gestankgemisch mit dem Rauch und den Holzkohlenfeuern – ein Inferno wie aus Dante.

Ein anderer Besuch ging zu einer Organisation die vergewaltigten und Aids-infizierten Mädchen eine Ausbildung und Unterkunft verschaffte: Dutzende junge Mädchen in sauberen Kattunkleindern lernten Nähen und andere Hausarbeiten, als Versuch, ihnen die von ihren Familien aus Schande verstossen waren, ein eigenes Leben zu geben. Bewundernswert die freiwilligen sierraleonischen Helferinnen und Helfer, die hier wertvolle Integrationsarbeit leisteten.

Ein anderes Camp war voll von ehemaligen Kindersoldaten, Jugendlichen, die bis zu 8 Jahre mordend, vergewaltigend, sich mit Machete und Gewehr alles ihnen ins Auge springende genommen hatten, Kinder, die teilweise im Alter von 10 Jahren ihren Familien geraubt oder als Kriegswaisen von den Milizen mit Drogen und Gewalt gezwungen wurden mitzumachen. Man kann sich die Schwierigkeiten vorstellen, solchen nunmehr Spätpubertierenden, Moral, was akzeptabel und nicht akzeptabel ist, beizubringen und sie zu Mitgliedern einer in Zukunft friedlichen Gesellschaft zu machen.

Das Land, die Städte, viele Menschen sind durch diesen endlosen Krieg, der letztlich mit Intervention von britischen und dann UN-Truppen beendet wurde, strukturell zerstört. Der Wiederaufbau geht nur langsam vor sich. Viele Menschen sind traumatisiert, Aids-infiziert, verwildert – und haben viele Rechnungen zu begleichen.

Eine davon ist beglichen: Taylor, der zynische Kriegstreiber, ist verurteilt. Hält die Strafe, stirbt er in einem internationalen Gefängnis.

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