Krisenbekämpfung: Fiskal- und/oder Geldpolitik? Mikro- und/oder Makro?


2009/10 haben die Finanzministerien der Industrieländer riesige Summen in Bankenrettungspakete und Konjunkturprogramme gesteckt und die Notenbanken ihre Geldpolitik traditionell expansiv werden lassen (Zinssatzsenkungen) und durch „unkonventionelle Maßnahmen“ (quantitative easing) riesige Liquidität an die Banken weitergegeben. Durch diese Maßnahmen sind die Konjunkturen vieler Länder nicht vollständig eingebrochen (einige Länder, wie das Baltikum, Ukraine und andere hatten jedoch massive BIP-Rückgänge), doch sind die Verschuldensraten stark gestiegen – in einigen Ländern sogar bis in Höhen, die von den Ratingagenturen und den Banken, die die Staatsfinanzierung üblicherweise vornehmen, als (fast) uneinbringlich angesehen wurden. Dadurch wurden die von den Staaten verlangten Risikoprämien weiter erhöht, damit deren Rückzahlungsfähigkeit noch mehr beeinträchtigt – und so weiter und so fort.

Viele Menschen haben sich die Frage gestellt, warum die massiven Liquiditätsschwemmen der Notenbanken nicht zur Hyperinflation geführt haben, bzw. wann es so weit sein wird. Dazu folgendes: Inflation wird getrieben von der zur Verfügung gestellten Geldmenge mal der sog. „Umlaufgeschwindikgeit“ des Geldes. Erstere wurde erhöht, letztere kam – zuerst als Resultat der Lehman-Pleite und jetzt wiederum als Resultat von Unsicherheit – weitestgehend zum Erliegen. Daher ist die effektive Geldmenge kaum gestiegen. Während die Notenbanken die Geschäftsbanken mit Liquidität (kurz- und mittelfristig) fluten, legen letztere diese einen Großteil dieser Gelder wieder über Nacht bei den Notenbanken ein, statt sie an die Wirtschaft weiterzuverleihen. Mit einem großen Rest der Gelder (die sie zu fast Nullzinsen bekommen) kaufen sie weiterhin Staatsanleihen, auch der Krisenländer, für die sie Renditen um die 7% verlangen. Wenn das zurückgezahlt werden sollte, ein gutes Geschäft. Kommt es zum Staatsbankrott, oder zu einer massiveren Umschuldung (wie in Griechenland), verlieren sie einiges.

Dieses reale Beispiel zeigt, daß die Geldpolitik am Ende ihrer Wirksamkeit angekommen ist. Keynes hat das „pushing on a string“ genannt, also eine Schnur anstoßen: wieviel der ursprünglichen Kraft dann hinten herauskommt, wird durch diese Formulierung klar. Viele Makroökonomen fordern zwar weitere Lockerungen der Geldpolitik, und auch der Fiskalpolitik, doch können sie nicht erklären, warum deren Wirksamkeit im Jahr 2012 nur einen Bruchteil jener von „Normaljahren“ ausmacht. Meines Erachtens fehtl ihren Theorien die mikroökonomische Fundierung oder Ergänzung. Eine Ausweitung der Fiskalpolitik (durch Erhöhung der öffentlichen Ausgaben und/oder Reduzierung von Steuern) und Geldpoltik funktioniert nur, wenn die Beziehungen zwischen Banken und Unternehmen und Banken und privaten Haushalten von Vertrauen geprägt sind; wenn Unternehmen der Realwirtschaft nicht Finanzgeschäfte tätigen, sondern Waren und Dienstleistungen möglichst effektiv und in hoher Qualität produzieren und verkaufen, und die Finanzierung über Kommerzbanken organisieren, die ihr Geschäft kennen und in ihre Zukunft investieren. Es funktioniert nur, wenn Haushalte ihre Ersparnisse Banken überlassen in der Gewißheit, daß diese ihr Geld in gute Projekte investieren, die Aussicht auf einzel- und gesamtwirtschaftlich positive Renditen haben. Dies wirft natürlich die grundsätzliche Frage der Strukturierung des Bankenwesens auf: wenn weltweit agierende riesige Bankenkomplexe, die Kommerzfinanzierung mit Investment-Finanzierung (Firmenübernahmen, Fusionen, Rohstoff- und Nahrungsmittelspekulationen) vermischen und einzelne Investitionsprojekte und deren Betreiber nicht mehr kennen, sondern quasi unpersönlich über Kennzahlenvergleiche bewerten, dann werden Projektrisiken weitgehend mit Länderrisiken gleichgesetzt, und auch das beste Projekt in einem Krisenland negativ bewertet – und nicht finanziert. Daher müßte der Bankensektor wieder umstrukturiert, kleinräumiger organisiert und auf persönliche Kenntnis aufgebaut werden. Daher müßten Firmenstrukturen weg von auf Quartalszahlen fokussierte Entscheidungsprozesse und auf längerfristige Wachstumschancen und deren notwendige Finanzierung ausgerichtet werden, die alle Stakeholder einbeziehen und nicht – wie in den vergangenen 20 Jahren von einem mißverstandenen (aber einige Gruppen sehr wohl reich machende) „shareholder value“ dominiert werden, der den jeweiligen Börsenkurs vergöttert und die langfristigen Chancen mißachtet (und auch die mit langfristigen Chancen einhergehenden höheren Risiken scheut).

Der langen Rede kurzer Sinn: Rein makroökonomische Lösungen reichen zur Krisenbekämpfung nicht mehr aus. Die letzten 30 Jahre fast ungebremsten Finanzkapitalismus haben Firmen- und Bankenstrukturen so massiv verändert, daß sie in Krisenzeiten keine effektiven Transmissionsmechanismen mehr darstellen. Wir brauchen mikro- und makroökonomische Lösungsvorschläge, die in die Strukturen eingreifen – und nicht nur mehr Geld in die disfunktionalen Strukturen schaufeln. Theoretisch ist dies noch kaum erforscht, doch kann die Praxis nicht auf die Ökonomen warten. Die Richtung ist mE klar, doch gilt es dabei, viele Widerstände zu überwinden. In den derzeitigen Strukturen haben sich viele Interessen festgesetzt, die von deren Profiteuren mit Klauen und Zähnen verteidigt werden. Doch sollte zumindest der kürzlich aufgedeckte Skandal um die Manipulation des Libor und die damit in Verbindung stehenden Insider-Geschäfte die Politik so weit aufrütteln, daß sie den bremsenden Einfluß der Finanzindustrie und der börsegetriebenen Unternehmenspolitik abschüttelt und eine gezielte Strategie zur Krisenbekämpfung angeht. Die Zeit drängt.

 

 

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Filed under Crisis Response, European Union, Financial Market Regulation, Fiscal Policy

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