Wer Meister, wer Margarita?


In der Unternehmensökonomie gibt es das wichtige Denkmuster der Principal-Agent Beziehung. Das kommt vor allem in der Beziehung zwischen Eigentümer(n) eines Unternehmens (principal) und den Managern (Agent) zum Tragen. Prinzipiell geht es darum, die Interessen des Eigentümers mit denen des Managers gleichzuschalten, um ein optimales Unternehmensergebnis zu erzielen.

Auf die Makroökonomie übertragen, könnte man von der Gesamtgesellschaft, bzw. Gesamtwirtschaft als Principal und den Finanzmarktakteuren als deren Agenten ausgehen. Letztere hätten dann optimalerweise den Interessen der Gesellschaft zu dienen. Die seit 2008 akute Finanzkrise (in all ihren Ausformungen) zeigt jedoch, dass dies nicht (mehr) der Fall ist, ja dass sich der Agent zum Principal aufgespielt hat und sogar die Interessen der Gesamtwirtschaft durch seine Exzesse beschädigt. Dies hat sogar der Chef der britischen Finanzaufsicht, Adair Turner, in seiner Kritik an den Finanzmärkten bestätigt, nämlich dass einige ihrer Aktivitäten der Gesamtwirtschaft schadeten.

In den guten und schlechten alten Zeiten „diente“ der Finanzsektor der Realwirtschaft, indem er das Schmiermittel der Finanzierung bereitstellte. Seit den Deregulierungen und Liberalisierungen der letzten 30 Jahre hat sich der Finanzsektor von den ihm auferlegten Fesseln zunehmend befreit – und die Herrschaft über Wirtschaft und Gesellschaft an sich gerissen. Beispiele gefällig? Mehr als 40% der gesamten Unternehmensgewinne in den USA hat in den letzten Jahren der Finanzsektor eingestreift; die Ackermannschen Gewinndogmen von 25% haben sich durchgesetzt und die Erwartungen auch der Privatsparer und Haushalte dominiert; die geballte Finanz- und Lobbykraft der Finanzindustrie hat US und europäische Präsidenten gemacht, die inhärenten Risiken der Finanzaktivitäten (Minsky) auf die Steuerzahler überwälzt und die Politik zum Erfüllungsgehilfen (Agent) ihrer Interessen degradiert. Big Bang in England, die Aufhebung des Trennbankensystems in den USA und damit die Quersubventionierung von Spekulationsaktivitäten durch die Einlagensicherung – all diese zeigen die Umkehr der Verhältnisse.

Mikhail Bulgakov hat mit seinem fulminanten Roman „Der Meister und Margarita“ den Atheismus der Sowjetunion mit der Kreuzigungsgeschichte verknüpft, den Hexensabbath mit der Korruption des Schriftstellerestablishments, den Teufel mit Jesus. In vieler Hinsicht könnte man diesen Roman als Darstellung der modernen Finanzindustrie lesen: nichts ist mehr unvorstellbar, kein Instrument zu gewagt, kein Lebensbereich mehr tabu.

Die Linke hat in den letzten Jahren viel über die Dominanz der Wirtschaft über die Politik lamentiert: dies ist zu undifferenziert, denn der gesellschaftlich wesentliche Teil der Wirtschaft, die so genannte „Realwirtschaft“, welche Waren produziert und Dienstleistungen erbringt, leidet unter der Finanzwirtschaft ebenso wie  die Gesellschaft. Der Knecht ist Herr geworden. Aber anders als bei Brecht’s Puntila und Matti ist es nicht der nüchterne Matti (Politik), der die Übersicht behält, sondern der betrunkene Puntila (Finanzmärkte), der das Geschehen bestimmt.

Die Gesellschaft der Steuerzahlerinnen muß endlich ihren Agenten Finanzwirtschaft wieder zur Räson bringen: nicht dadurch, daß sie ihre Zentralbanken dazu bringt, immer mehr Liquidität in die Banken zu pumpen und sie mit Steuergeldern zu „retten“, sondern indem sie sie massiv in ihrer Macht beschränkt, ihre Spekulationen der subventionierten Risikoabsicherung entzieht (und sie verbietet, wo sie tatsächlich gefährlich sind), Finanzinstrumente nur zulässt, wenn diese den Beweis ihrer Nützlichkeit erbracht haben und die vielen verstaatlichten Banken (ihre Agenten an der kurzen Leine) dazu benützt, um die Geldkreisläufe der Realwirtschaft wieder in Gang zu setzen. Es ist ja absurd: die Aktivitäten der Finanzindustrie bringen die Weltwirtschaft zum Wanken, bringen Länder und deren Bürger in die Rezession, führen zu massiver Arbeitslosigkeit, vor allem der Jugend und bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt – ganz zu schweigen von der Gefährdung des wichtigsten Integrationsprojekts Europas. Und als „Lösung“: wir pumpen mehr Geld in die Banken – und hoffen (bisher vergeblich) dass diese dieses Geld an die Realwirtschaft weitergeben. Dieses Spiel läuft jetzt seit Jahren – vergeblich. Jetzt müssten die Zentralbanken, vor allem die Europäische Zentralbank, endlich über ihren Schatten springen und – ausnahmsweise – die Finanzintermediation vor allem bei der Staatsfinanzierung ausschalten. Nicht dadurch, dass man, wie jetzt als großer Schritt vorwärts gefeiert (in Wirklichkeit in winziges Trippelschrittchen!) Staatsanleihen am Sekundärmarkt aufkauft und dadurch hofft, die von den Finanzmärkten verlangten exzessiven Renditen für „Problemländer“ zu senken, sondern indem man primäre Staatsfinanzierung durch die EZB oder durch den mit einer Banklizenz versehenen Europäischen Stabilitätsmechanismus durchführt.

Es ist Zeit für evidenzbasierte Finanzpolitik; die Flutung der Finanzmärkte mit Liquidität hat nicht funktioniert. Dieses Geld kommt in der Realwirtschaft und bei den privaten Haushalten nicht an, sondern wird von den Banken gehortet, bzw. wieder übernacht in der EZB deponiert.

Das müsste doch bei jedem klar Denkenden dazu führen, etwas anderes, neues zu probieren und damit die selbst gesteckten, aber unfunktionellen Dogmen über Staatsfinanzierung und Notenbankautonomie aufzulösen. Wenn nicht, spielen die Finanzmärkte weiter mit unser aller Geschicken.

Der Prinzipal muß sich endlich erfrauen und seinen Agenten zwingen, ihm zu Willen zu sein. Die Alternative ist eine weitere tiefe Depression der Weltwirtschaft mit weiterem Erstarken der populistischen Demagogen.

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5 Comments

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5 responses to “Wer Meister, wer Margarita?

  1. eran

    just got the time/sleeping hours to read. The problem is well defined, the solution leaves to much power in political hands (margarita’s?)

  2. Ingobert waltenberger

    Der Vergleich mit Boulgakovs unglaublichem Roman (bitte lesen, wer es noch nicht getan hat) ist insofern ein bisschen euphemistisch, als “Der Meister und Margarita” eine rabenschwarze, sehr amüsante Satire ist auf Totalitarismus und Hagiographen ist und wir jetzt mit knallharten Realitäten konforntiert sind. Wer wissen will, wie es weiter gehen könnte, empfehle ich den brillianten Roman von Gary Shteyngart “Super Sad True Love Story”. Der aus Leningrad stammenden, in die USA emigrierte Autor beschreibt ein USA “danach”, nachdem die berauschten Finanzmärkte das westliche Gesellschaftsprojekt beendet haben. Und passt insofern sehr gut zu Kurts wie immer maßstäblichem Beitrag.

    Ingo Waltenberger

  3. wernerkiene

    Lieber Kurt:
    Vielen Dank fuer diesen ausgezeichneten Beitrag. Ich habe mich besonders darueber gefreut, dass das unveranwortliche Ackermannsche Gewinndogma angprangert wurde. Ich suche immer noch nach Zitaten dafuer… Ackermann und die anderen Top-Banker sprachen manchmal von 20 % , und von 18%, aber ich finde die Zitate nicht mehr. Ich wusste nicht, dass er auch von 25% sprach. Was immer die Herren auch von sich gaben, es deutete auf jeden Fall auf ein nicht haltbares System, ausser man akzeptierte, dass die Realwirtschaft oder ander fuer immer ausgebeutet werden.
    Auch suche ich immer noch nach Hinweisen von “starken” Stellungnahmen von Politikern und auch namhaften Oekonomen, die die Aeusserungen des Herrn Ackermann kritisierten….. nicht jetzt, sondern zu dem Zeitpunkt (d.h.vor der Krise) , als sie gemacht wurden. Oder waren wir alle so angetan von den guten Auswirkungen, die die Ackermannschen Prognosen auf die Pension Funds und unsere Pensionen haben wuerden?

    Die Analysen von Kurt Bayer treffen genau auf den Punkt.
    Ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass US Praesident Lyndon Johnson nach vielen Briefings seiner Berater oft eine einzige Frage hatte: “Therfore ? ” Er wollte zuzueglich zum “what to do” auch Ideen ueber das “political how to do” haben.
    Wie Kurt und andere es schon gesagt haben, die Loesung muss von der Politik kommen. Aber so lange, die von den Banken bestimmt wird ? ….back to square one ? Oder haben die Buerger auch noch was mitzureden? Falls ja, sind sie genuegend aufgeklaert ?

    Have a good Sunday !

  4. wendyhendrickson

    A society altering topic that too few are talking about. Thanks.

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