Vale Eric Hobsbawm!


Mit Eric Hobsbawm, der am 1. Oktober in London mit 95 Jahren starb, ist in kurzer Zeit nach Tony Judt im Vorjahr ein zweiter intellektueller Gigant mit Bezügen zu Österreich verstorben. Beide, Judt und Hobsbawm hatten die große Gabe, geschichtliche Zusammenhänge zu erkennen, zu analysieren und – besonders wichtig – in einer Sprache zu verbreiten, die allgemein verständlich war.

Hobsbawm war Marxist, Judt Sozialdemokrat: dies mag die vielleicht größere und breitere Akzeptanz Judt’s gegenüber Hobsbawm (vor allem im deutschen Sprachraum) erklären. Judt war letztlich vorsichtig optimistisch, was die „Sozialdemokratisierung“ Europas betraf, Hobsbawm eher pessimistisch bezüglich einer neuen Ordnung: Er zeigte sich verwundert, eine zweite Weltwirtschaftskrise zu erleben, obwohl im die (theoretische) Krisenhaftigkeit des Kapitalismus mehr als geläufig war.  Hobsbawm’s Tod wurde in allen großen englischen Zeitungen auf der Titelseite angekündigt und betrauert.

Hobsawm wurde 1917 in Alexandria (damals „Sultanat Ägypten“) von jüdischen Eltern (Vater Engländer, Mutter Wienerin) geboren. Sein Name, eigentlich Obstbaum, wurde aufgrund eines Schreibfehlers des Standesbeamten auf Hobsbawm eingetragen. Nach 2 Jahren übersiedelten seine Eltern mit ihm nach Wien, und von dort nach Berlin, wo Eric die Schule besuchte und im Verband sozialistischer Mittelschüler sozialisiert wurde. Nach dem Tod der Eltern wurde er von seiner (österreichischen) Tante Gretl adoptiert und 1933 übersiedelte die Familie nach England, wo er in Cambridge studierte und dann zeit seines Lebens lehrte und werkte.

Ich erinnere mich an ihn persönlich durch einen faszinierenden Vortrag am Wiener Institut für Höhere Studien in den frühen siebziger Jahren, wo er äußerst kentnnisreich über die Nachkriegsgeschichte Europas sprach, humorvoll, weltoffen, jederzeit bereit mit den Zuhörerinnen und Zuhörern auf Augenhöhe zu diskutieren; damals für Österreich, wo noch immer Professoren sich selbst als die Spitze, die Studenten als Lehrbuben sahen, eine Offenbarung.

Hobsbawm war vor allem in England – trotz seines nie verleugneten Marxismus und seiner bis zum Tod dauernden Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei – äußerst populär. Sein fundiertes Wissen, seine „mitteleuropäische“ Sichtweise, seine Fähigkeit, aktuelle Geschehnisse aus der Geschichte heraus zu erklären, machten ihn (fast) zu einem „Pop-Historiker“. Seine Werke, vor allem die Trilogie the Age of Revolution, the Age of Capital, the Age of Empire, und vor allem The Age of Extremes über das “kurze 20. Jahrhundert” sind bahnbrechende, viel zitierte Werke. Obwohl Mitglied der KP bis zu seinem Tod kritisierte er die Ungarn-Invasion 1956, die Ereignisse in der Tschechoslowakei 1968 und in Polen 1981, die sowjetischen Schauprozesse und den Gulag, aber auch die Obsolenz des Dogmas, daß die Industriearbeiter den Kapitalismus überwinden und eine sozialistische Ordnung aufbauen würden.

Neben seiner herausragenden Rolle als historisch-politischer Wissenschafter und Kommentator mit weitestreichender Visibilität war er auch als Aficionado und Kritiker (unter Pseudonym) modernen  Jazzes tätig. Ein hervorragender, europäischer Intellektueller mit ausgeprägtem Sinn für Didaktik und Einfachheit des Ausdrucks ist mit ihm dahingegangen.

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3 Comments

Filed under Life, Socio-Economic Development

3 responses to “Vale Eric Hobsbawm!

  1. Eva Pfisterer

    Lieber Kurt,
    danke für deine interessanten Einträge. Ich habe sowohl Hobsbawm als auch Tony Judt (2 x für die Zeit im Bild) interviewt – with great pleasure! Tony Judt hat – ebenso Hobsbawm – die Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge einfach, klar, wie erzählende Prosa vorzubringen. Bei jedem Wort merkt man sein inneres Engagement und seine beinahe existenzielle Überzeugungskraft. Melde dich, wenn du in Wien bist.
    Alles LIebe
    Eva

  2. Walter Kenn

    I was really pleased to find Tony Judt mentioned in this good obituary on Hobsbawn because this outstanding historian is not nearly enough known here in Austria. His book “Postwar. A History of Europe since 1945” or “Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart” was for me an excellent review of the poor and misleading historical education on European history we got during our school time. I recommend everybody to read this book despite of 1000 pages.
    Furthermore I recommend to read his touching last book “The Memory Chalet”, now also available in German titled “Das Chalet der Erinnerungen”.

    • kurtbayer

      As you might know, i was a great fan of Tony Judt’s and have also blogged (in this blog) on his Memory Chalet – which I found ingenious.

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