Eine Londoner Opernrarität: Robert le Diable


Giacomo Meyerbeers Oper war zu ihrer Erstaufführung in den 1830er Jahren ein Riesenerfolg, der einige Jahre andauerte. Angeblich stark bewundert und kopiert von den späteren Romantikern, wurde sie weitgehend der Vergessenheit überlassen und in den letzten Jahrzehnten kaum mehr aufgeführt . Die neue Londoner Produktion (gemeinsam mit Genf) zeigt ein eigenartiges Bild: einerseits 5 lange Akte von fast Wagnerscher Länge, wenn auch nicht Intensität, da einige extreme Längen gekürzt gehörten. Andererseits eine ganze Reihe von wunderbaren dramatischen und lyrischen Arien, Duetten und Terzetten, die überzeugend beweisen, warum Meyerbeer so populär war.

Auch die Inszenierung ist etwas zwiespältig: es beginnt mit grandios inszenierten Chören und Chor-Choreografien, mit stilisierten Bewegungen und karikaturhaften Szenen, um ein Ritterfest mit Turnier im mittelalterlichen Palermo zu illustrieren, bei welchem die Hauptfigur Robert, ein normannischer Ritter, mit seinem mephistophelischen Sidekick Bertram (in der Opernwirklichkeit sein teuflischer Vater) auftritt. Das alles wirkt innovativ und exzellent, so wie man heutzutage eine frühromantische Oper inszenieren soll.  Das verflacht jedoch zusehends, auch wenn in den Szenen im Prinzessinenpalast die Mauern und Söller auch nur Puppengröße haben. Dann aber wird es eher realistisch und man fühlt sich in einer Freischütz-Inszenierung aus den 60er Jahren.  Das Durchhalten des Stilisierten hätte auch den Akten 2-5 gutgetan.

Aus einer Hofnarr-Erzählung wird klar, daß Robert wegen seiner vom Vater geerbten Sex- und Vermögensverschleuderungsgene und deren Implementierung die Normandie verlassen mußte und nun unsterblich in die sizilianische Prinzessen Isabella verliebt ist, aber auch deren Liebe verschleudert hat. Eine von seiner Milchschwester Alice überbrachte Nachricht seiner geliebten Mutter vom Totenbett will und kann er nicht annehmen, da er „ihrer noch nicht wert ist“ (???). Isabella, ganz wunderbar gesungen von der knapp zuvor eingesprungenen Patrizia Ciofi, tritt puppenhaft karikiert (à la ….. in Hoffmanns Erzählungen?) auf und beweint den treulosen Liebhaber. Sowohl in den lyrischen Passagen mit herrlichem pianissimo in den höchsten Tönen, als auch in den dramatischen Passagen singt sie Weltklasse.

Robert, der sie wiedergewinnen will, wird von seinem Freund/Vater in einen vermeintlichen Kampf gegen seinen Widersacher gelockt, anstatt am Turnier im Namen Isabelles zu gewinnen. Da er nicht aufscheint, verzweifelt sie und ist knapp daran, letzteren zu heiraten. In der Zwischenzeit gibt sich sein Vater seiner Höllenzukunft hin und versucht, Alice, in der er die wahre Verhinderung seines Ziels, Robert mit sich in die Hölle zu nehmen, sieht, für sich zu gewinnen. In einer an Gretchen erinnernden Szene erkennt sie seine wahre Natur als Teufel, wird aber von ihm überwältigt. Letztlich aber dreht sich alles zum Guten: Robert, hin- und hergerissen zwischen seinem Vater und Isabella, bestärkt zum guten vom endlich gelesenen Brief seiner Mutter und der ihn zum guten beschwörenden Alice, entscheidet sich letztendlich gegen den Vater/Teufel und zur Ehe mit Isabella. Auch Alice findet ihren verlorengeglaubten Geliebten wieder.

Vor allem die Frauen (Isabella noch besser als die Alice der Marina Poplavskaya) und die Chöre waren hervorragend; sehr gut auch der orgelnde Bass von John Relyeas/Betram, etwas überfordert in den sehr sehr hohen Tönen Bryan Hymel als Robert. Alle Solopartien weisen immense Tonspannen auf, die sehr hohe Anforderungen an die Sänger und –innen stellen.  Das Orchester unter Daniel Oren spielte ambitioniert, allerdings wirkt die Musik  nur in den wirklich dramatischen Szenen, vor allem bei der Höllenbeschwörung Bertrams, aufregend und dem riesigen Orchester angemessen. Alles in allem jedoch eine durchaus hörens- und sehenswerte Oper, die durch einige Straffungen auch leichter verkraftbar würde.

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