Meine Festwochen Ausbeute


Nach 5 Jahren Absenz aus Wien freute ich mich schon auf die wiedererlangt Möglichkeit, die Wiener Festwochen, vor allem im Theater, zu genießen. Folgerichtig habe ich eine ganze Reihe von Tickets erstanden. Das Resultat war – wie zu erwarten, aber nicht zu erhoffen – gemischt.

Herausragend war sicher „Die Kinder von Wien“ von Robert Neumann in der Inszenierung von Maria Krassnig in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik (für die Nichtwiener: „worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub heimkommt? Auf das Wiener Hochquellenwasser und das Brot von Ankerbrot“). Eine todtraurige, schaurige Geschichte von 5 in einem Keller im Winter 1945-46 zusammengewürfelten Kindern, die einerseits inmitten einer völlig feindlichen Welt und einer grausamen Geschichte überleben, andererseits jedoch eine ungeheure Kreativität im Umgang miteinander und in der Abwehr der von Eigeninteressen und Goodwill durchdrungenen Erwachsenen entwickeln. Mißtrauen und wirtschaftliche Interessen, sowie Anpassung und Kompromiß der Erwachsenen obsiegen, die Humanität verbleibt jedoch den 5 Kindern.

Enttäuschend die 4 ½ Stunden lange theatralische Erzählung von „Krieg und Frieden“ in einer zwar genialen Inszenierungsidee, die aber letztlich nicht die Tiefe des Romans tragen und vermitteln konnte. Zu schal und lächerlich einige der Personendarstellungen, zu plakativ und dabei unplastisch bleiben die Personen. Nach der 2. Pause hatte ich genug, aber vielleicht ist in der 4. und 5. Stunde das Dramatische passiert.

Join“, die Auftragsoper des Jazztrompeters Franz Koglmann ist musikalisch attraktiv und inszenatorisch sehr gut aufbereitet, vor allem mit dem Szenenwechsel in den Hintergrund der Bühne. Leider ist das Libretto von Alfred Zeillinger, einem ehemaligen „Topmanager“ (so das Programm) so banal, daß die Intrigen des Topteams einer eine Weltneuheit entwickelnden Firma flach, flächer am flächsten wirken. Wenn so der Kapitalismus entlarvt werden soll, hat er noch einen weiten Ausdehnungsbereich vor sich. Dennoch: gute sängerische und darstellerische Leistungen der Protagonistinnen und –en, die sich eine spannendere Story verdient hätten. Schade um die Musik, schade um die Inszenierungsideen, die allerdings bei der Darstellung protestierender NGOs als Gorillas doch etwas zu tief aus dem Fettnapf kamen.

Im Volkstheater hat Martin Kusej grandios „In Agonie“ von Miroslav Krleza inszeniert, das den Untergang des alten Europea vor, im und durch den 1. Weltkrieg beschreibt. Die dekadenten (nach innen und aussen) Machenschaften einer koratischen Bankiersfamilie, wo Geldmachen, Geilheit und Fassade alles, Menschlichkeit und persönliche Beziehungen nichts sind; das Grauen im Krieg, wo Pianisten zu Mördern werden und die alte Klassengesellschaft in hurenden und saufenden Offizieren und verzweifelten Soldaten wie bei Karl Kraus in den „Letzten Tagen“ als Teil einer durch und durch verrotteten Gesellschaft vorgeführt werden; und letztlich die Unfähigkeit der (früher) herrschenden Klasse, in der Nachkriegsgesellschaft Fuß zu fassen – all dies wird hier nicht nur als historisches Spektakel, wo fast alle durch eigene oder andere Hand sterben, vorgeführt, sondern als bis heute fortwirkende und gültige Parabel der condition humaine. Sechs Studen von äußerster Intensität, hervorragend inszeniert und gespielt – zutiefst deprimierend.

Christoph Marthaler inszeniert in vielfacher Koproduktion „Letzte Tage“ im alten Reichsratssaal des Wiener Parlaments, eine Hommage an jüdische Komponisten, die vieles der vorgetragenenMusik in diversen Ghettos und Konzentrationslagern verfaßten. Entsprechend traurig und eindringlich klingt die hervorragend von der Wiengruppe vorgetragene und von Uli Fussenegger arrangierte Musik, gemeinsam mit einer Gruppe von Sängern und Schauspielerinnen, die teils als Putzfrauen, als Reichsratsabgeordnete, als den vollkommen ruhig und emotionslos vorgetragenen antisemitischen und anti-Roma Reden von Karl Lueger und Viktor Orban (und Kupanen), sowie Susanne Winter lauschen, bei ihnen peinlichen Reden aus dem Saal schleichen, als psychiatrische Patienten Tourette-Syndrom-artige Ticks zeigen, jodeln, singen und ein „reinrassiges“ Europa der Zukunft beklatschen. Eine chinesische Reisegruppe späht durch die Türen des teilweise eingerüsteten Reichsraatssaales und vervollständigt so eine Atmosphäre, die zwischen extremer Distanz und mobartiger Identifikation mit den rassistischen Vorgängen schwankt. Als zu allerletzt die Schauspieler auf der Galerie singend in einer an den Gang ins Gas erinnernden Prozession einherschwanken, während gleichzeitig die Instrumentalmusikerinnen singend den Saal verlassen, ist die beklemmende Atmosphäre, in der vieles dieser Musik entstanden ist, vollständig. Das ergriffene Publikum, auf dem Podium des Reichsraatssaales platziert, reagiert begeistert. Vielleicht wäre etwas mehr Information zu den Reden (wie authentisch sind sie, mit welchen anderen zusammengeschnitten, fiktiv?) angebracht gewesen.

Eine bittere Enttäuschung, ja eine Zumutung, war die Darbietung von Getinthebackofthevan „Big Hits“ im brut im Künstlerhaus. Ein vollkommen sinnfreies Herumgeschreie von zwei Frauen, eine davon im Hasenkostüm, die andere zwar eine offenbar ausgezeichnete Sängerin, welche immer wieder „Hallelujah“ von Leonard Cohen teil-intonierte, ihren nackten Hintern minutenlang dem Publikum mit auch tieferen Einblicken (über den Anus hinaus) darbot, ihre Brust entblößte und manipulierte, daneben einen Knaben die Lautsprecher halten hieß, furzte, sich mit ihrer Partnerin auf dümmlichste Wortspiele einließ – und das Publikum, zumindest mich, extrem langweilte. Gymnasiastenwitze der peinlichsten Art, der oft wiederholte Anspruch, das Publikum zu erhöhen und zu retten (wodurch? Womit?), und sonst fast nix – das war wirklich zu wenig. Das einzige Positivum: ein sehr klares, leicht verständliches (bis auf einige brachiale Wortspielereien) Englisch.  Hätte für einen besseren Zweck eingestzt werden können. Schade um die (späte) Zeit.

 

Dagegen: bestes englisches Theater von Blind Summit mit „The Table“ im Kuenstlerhaus, ein brilliantes, akrobatisches Puppenspiel, vorgeführt von drei Puppenspielern, die eine aus Wellkarton (Kopf) und ausgestopften Vorhängen (Körper und Gliedmaßen) einen Fuß große Puppe auf einem Tisch (meistens) in zwar handlungsloser aber äußerst witziger Akrobatik führen, einerseits die Puppe selbst auf dem Tisch zelebrierend, andererseits vorgeben, auf einem Sederfest die letzten 12 Stunden und den Tod Moses, in Interaktion mit Gott, vorzuführen. Was da an Slapstick, Improvisation und tollen Einfällen über eine Stunde lang geboten wird, zeigt, was man alles Neues an Theater sich ausdenken kann. Immer neue Einfälle, teils auch die Puppenspieler mit einbeziehend, einmal sogar das Publikum (mit für die Puppe fataler Wirkung), kommen auf denTisch – und auch darunter: genial.

Außerhalb des Festspielprogramms, auch englisch, Robert Rotifer mit 2 Freunden in der Bunkerei mit einem fetzigen Programm, welches trotz der von der Gemeinde verfügten Dezibelbremse wirklich rockte. Schade, daß die Texte akustisch kaum hörbar waren, sie hätten die großartige Darbietung noch versüßt. Rotifer ist virtuos auf der Gitarre und singt elektrisierend, seine Begleiter auf Schlagzeug und Baßgitarre vervollständigten den rockigen Sound.

Am 2. Juni in der Volksoper Wagner/Loriot „Ring an einem Abend“. Hier hat der deutsche Edel-Humorist (in Österreich leider fast nur durch seine Karikaturzeichnungen bekannt, nicht als genialer Filmemacher), gemeinsam mit dem Dirigenten Märzendorfer in der durchaus ernsthaften Absicht, mehr, vor allem junge, Menschen in das grandiose Wagnersche Musikspektakel zu locken, die 4 Abende des Ring des Nibelungen auf 3 Stunden zusammengestrichen, wobei er selbst (in der aktuellen Auffühlung Direktor Robert Meyer) die Handlung in ironisch humoriger Weise in Zwischentexten erklärt. Dazwischen, oder eigentlich als Hauptstück, zelebriert das Orchester mit großteils hervorragenden Sängern in konzertanter Aufführung Wagners Musik. Natürlich kann man über die zum musikalischen Vortrag ausgewählten Teile des Rings streiten, manchmal hätte man sich (dh ich mir) einige der spektakuläreren Musikstücke (etwa den Walkürenruf, die Zelebrierung des Schwerts Notung oder Leb wohl mein schönes, herrlich Kind) gewünscht, aber es war gut so. Hervorragend einige der Sänger, besonders Brünhilde, Alberich und Siegmund-Siegfried, auch Wotan. Das Orchester wirkte anfangs überfordert, zu laut und mit schlechten Einsätzen, steigerte sich dann aber zu toller Performance. Es war zwar kein ganzer Ring, aber für einen Einstieg sollte dies doch eine hervorragende Motivation gegeben haben.

Ein wirklich schönes Erlebnis war „Il Trovatore“ im Theater an der Wien: da passen toll gespielte Musik (ORF Rundfunkorchester mit dynamischem Dirigenten), sehr gute Sänger, der blendende Arnold-Schönberg Chor, eine wunderbar innovative und choreografierte Inszenierung und sehr wirkungsvolle Musik perfekt zusammen. Besonders beeindruckend ist die bestens durchdachte und bis zum Ende durchgehaltene Chor-Choreographie, wobei der Chor stilisiert geheimnisvolle Annäherung, Kriegsbereitschaft und Schutz des Herrn durchzieht, in sehr passenden Bildern, gemeinsam mit einer hervorragenden Licht-Schattenwirkung auf den Wänden auf die Reihe bringt, gepaart mit sehr gutem Singen. Das Bühnenbild stellt eine aus kahlen Steinquadern bestehenden Raum dar, der je nach Bedarf einige Steinquadern durch an Magritte erinnerende Bilder, die die Erzählungen der Sänger illustrieren, ersetzt wird, und die bei der Endbelagerung durch Kanonenschüsse zerbröseln. Die abstruse Geschichte wird von den Sängern überzeugend vorgetragen, wobei vor allem der starke Tenor des Protagonisten hervorsticht, dem allerdings die anderen kaum nachstehen. Der langanhaltende Applaus war zurecht verdient.

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