Der Fluch der “fürchterlichen Vereinfacher”


(Zur mißbräuchlichen Verwendung von statistischen Schätzungen und ihren Folgen. Erfahrungen eines Politikberaters.)

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Der “Skandal” um den Fehler bei Reinhart’s und Rogoff’s (RR) Aufsatz “Growth in a Time of Debt” (Mai 2010), in welchem diese sehr bekannten Ökonomen beiderlei Geschlechts die omimnöse 90%-Grenze definiert haben, über welcher (gemessen am BIP) die Staatsschuld das Wirtschaftswachstum signifikant verringere, und die von Scharen von Wirtschaftspolitikern (von Trichet über Schäuble, Merkel, Rehn, Steinbrück, Ryan und vielen anderen) als wissenschaftliche Begründung für die Notwendigkeit “eisernen Sparens” für Krisenländer herangezogen wurde, ist meines Erachtens weniger einer der beiden AutorInnen, als einer der Wirtschaftspolitiker. Diese haben, gemeinsam mit den Medien, nach einer solchen Zahl gegiert. Nach vielen anderen Zeitungen und Zeitschriften hat die deutsche ZEIT in ihrer Ausgabe Nr 27/2013 einen ganzen Dreiseiter gewidmet (“Verrechnet!”), bei dem sie die Schuld RR (vor allem Rogoff) zuordnet und den Aufdecker dieses Fehlers, einen Doktoratsstudenten als “Held” deklariert. Fälschlicherweise berichtet die ZEIT, daß RR bis zum ZEIT-Interview Rogoff kein Schuldeingeständnis gemacht hätte, was nicht stimmt, da die beiden bereits Ende April  2013 in der New York Times ihren Kritikern recht gaben und Coding- und Berechnungsfehler zugaben.

Der tatsächliche Fehler von RR war, daß die mit sehr umfangreichen Daten aus Finanzkrisen mehrerer Jahrhunderte und vieler Länder arbeitende Studie in ihren relevanten Schätzungen (nicht Berechnungen) die Daten einiger Länder vergessen, sowie einige Ausreißer eliminiert hatte. Deren volle Einbeziehung hätte die ominöse 90%-Grenze verschwinden lassen, hätte zwar noch immer (zu Recht)argumentiert, daß hohe Staatsverschuldung Wachstum beeinträchtige, aber nicht in statistisch signifikanter Weise. Die 90% waren also falsch. Doch haben RR niemals apodiktisch diese 90%-Schranke als wirtschaftspolitisch relevant dargestellt.

Für jemanden, der sowohl lange Jahre in der wissenschaftlichen Politikberatung als Ökonom gearbeitet hat, dann in einem Finanzministerium an leitender Stelle zwischen Politik und Beratung vermittelt hat, und letztlich in einer internationalen Institution Nutzer von wissenschaftlichen Erkenntnissen war, stellt sich dieser “Skandal” als Sturm im Wasserglas heraus, leider einer mit äußerst gravierenden Folgen, wie die Daten der europäischen Krisenländer und informationen über die soziale Lage vieler Menschen dort hinreichend belegen.

Seriöse empirische Wirtschaftsforschung testet Thesen, die theoretisch untermauert sind. Statistische Methoden, die zu solchen Testzwecken verwendet werden, versuchen, Regelmäßigkeiten in den Daten zu erfassen und diese quantitativ mit gewissen Parametern zu versehen, die immer – wenn seriös – mit Irrtumswahrscheinlichkeiten unterlegt sind. Konkret heißt dies, daß Aussagen wie “ab 90% Schuldenquote bricht das Wirtschaftswachstum ein”,  n i c h t  aufgrund solcher Schätzungen möglich sind. Nach allen vorliegenden Informationen haben RR auch solche Aussagen nie getätigt. Möglicherweise haben sie aber, als die Ergebnisse ihres Aufsatzes über die Ökonomenwelt hinaus in die Wirtschaftspolitik gelangt sind, sich gegen solche Interpretationen nicht genügend gewehrt. Natürlich werden die beiden stolz gewesen sein, daß ihre akribische (aber fehlerhafte) Arbeit so weitreichende wirtschaftspolitische Anwendung gefunden hat.

Und: aus meiner Erfahrung kann ich nur folgendes bestätigen. Erstens, Wirtschaftspolitiker (jedweden Geschlechts), vor allem jene, die selbst nicht Volkswirtschaft studiert und einschlägig gearbeitet haben, lieben “einfache” Aussagen, und mehr noch einfache Rezepte, die sie selbst verstehen und auch einfach an ihre WählerInnen weitergeben können. Das Diktum Winston Churchills, er würde gerne einmal einen einarmigen Ökonomen kennenlernen, da diese immer “on the one hand, on the other hand” argumentierten, drückt dies gut aus. Alle Versuche, Wirtschaftspolitikern die Unwägbarkeiten und Unsicherheiten, etwa der Berechnungen des Bruttoinlandsprodukts, zu vermitteln, und damit die (beschränkte) Aussagekraft von BIP-Prognosen, oder Versuche, Politikern klarzumachen, daß BIP nicht gleich Wohlstand sei und daher als Wohlstandsindikator kaum dienlich sei, sind immer wieder fehlgeschlagen. Auch wenn die jeweilige Person an einer solchen Diskussion interessiert gewesen wäre (die 5 Minister, unter denen ich diente und die unzähligen, die ich vorher und nachher als Wirtschaftsforscher zu beraten hatte, waren es ganz überwiegend nicht), hätte (und hat) sie gesagt,  daß das alles für die Bevölkerung viel zu kompliziert wäre und man bitte eine einfache Punktaussage treffen solle. Vor allem in heutigen Zeiten, wo in den Medien 10-Sekunden-Aussagen gefragt sind, sind differenzierte, wissenschaftlich fundierte Aussagen, die nicht “fürchterlich vereinfachbar” sind, nach Meinung der Politiker und ihrer Beraterinnen nicht vermittelbar, daher nicht erwünscht.

Weiters: Es ist für PolitikerInnen nur allzu willkommen, wenn sie zur Untermauerung ihrer Vor-Urteile angeblich wissenschaftliche “Beweise” anführen können. Im konkreten Fall war die Ideologie, daß nur “Sparen” des Staates als Krisenbekämpfungsinstrument funktioniere, lange vor RR Mainstream in der EU. Die diesbezügliche Ideologie der deutschen Bundesbank hatte dies als Politikrichtung in die Maastricht-Verträge festschreiben lassen. Als allerdings die Griechenlandkrise platzte und es (deutlich verspätet) zur Rettung der Eurozone an die Krisenfonds EFSF (später ESM) ging, kam das 90%-Resultat von RR wie gerufen. Jetzt hatte man von Weltökonomen Unterstützung, von den Griechen einschneidendes Reduzieren bei Staatsausgaben zu verlangen, da RR ja “bewiesen” hatten, daß Staatsschulden über 90% des BIP (Griechenland hatte damals bereits 120%) künftiges Wirtschaftswachstum verunmöglichten und daher heruntergefahren werden müßten. (Das schließt natürlich nicht aus, daß auch Ökonomen willfährige Instrumente von Vorurteilen und ihren TrägerInnen sein können und sind.)

Vor einem solchen Hintergrund der Verwendung empirischer Ergebnisse der Ökonomie durch Politik und Medien wird eine tiefergehende Diskussion des “Argument sder Zahl”unmöglich. Ärgerlich und irreführend ist vor allem die Darstellung von statistischen Ergebnissen als “Wahrheit”, ohne die statistischen Fehlergrößen einzubeziehen. Es ist nicht umsonst, daß die ominöse Maastricht-Grenze für die Staatsverschuldung 3% und nicht 2.45% oder 6.58% beträgt (beide Größen und viele andere wären ebensowenig wissenschaftlich zu argumentieren als die 3%), daß in der politischen Diskussion der Finanzrahmen 2014-20 der EU mit “1 Billion” bekanntgegeben wird, daß das neueste “österreichische Konjunkturpaket” 1.5 plus 0.1 Mrd EUR beträgt (wobei die 100 Millionen quasi als “Betriebsunfall” der vom Vizekanzler ursprünglich genannten Summe entsprechen). Die für die Hörer vollkommen sinnentleerte morgendliche Börseberichterstattung, die mit 2.4% Zuwachs oder 0.8% Kursverfall protzt, wird nie in ihrer volkswirtschafltichen Bedeutung hinterfragt. Wort-Mißgeburten wie “Nullwachstum” erhalten Kultcharakter, “negatives Wachstum” kommt immer wieder vor.

Es scheint, daß Äußerungen von PolitikerInnen in der Öffentlichkeit immer mehr ausschließlich Symbolcharakter annehmen – und mit der Realität der BürgerInnen nichts zu tun haben. Es geht um Stimmungsmache, um (copyright Josef Haslinger) um eine “Politik der Gefühle”. Die Bevölkerung spürt immer stärker, daß solche Verlautbarungen mit ihrer Realität nichts zu tun haben – und wenden sich auch von den (relativ) seriöseren Politikern ab – und den “fürchterlichen Vereinfachern” zu. Diese haben für jedes Problem eine einfache Lösung parat, ohne deren Auswirrungen, deren Finanzierung, deren gesellschaftliche Relevanz je argumentieren zu müssen. Aber letztlich haben die “seriöseren” PolitikerInnen selbst diese unsägliche Vereinfachung mit eingeführt und haben die Entstehung eines differenzierten Diskurses verhindert. Wer selbst als Heilsbringer mit einfachen Botschaften (siehe die Wahlplakate) auftritt, darf sich über die Eskalation und die Inhalte dieser von den Vereinfachern propagierten Heilsbotschaften nicht beschweren.

Was wir brauchen: Seriöse Diskussion von Politikvarianten, Auslotung ihrer Auswirkungen mithilfe von Politikanalysen und Szenarien, Zurückdrängung von quantitativen Aussagen, ohne deren Wahrscheinlichkeiten mitzudiskutieren, Kampf gegen die Fetischisierung von “runden Zahlen”, Miteinbeziehung der Bevölkerung, der Zivilgesellschaft in den politischen Diskurs und in die Umsetzung von Politikvorgaben. Der Bevölkerung ist dies zuzumuten, ja sie sehnt sich danach. Sprechblasenpolitik mit einfachen Lösungen hat ausgedient. Überlassen wir die Vereinfacher sich selbst und verbannen wir sie aus dem politischen Leben!

 

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4 Comments

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4 responses to “Der Fluch der “fürchterlichen Vereinfacher”

  1. das problem is: auch die komplizierten volkswirtschaftlichen theorien sind nich beweisbar. volkswirtschaft ist und bleibt eine sozialwissenschaft = viel bombastisches gelaber aber nichts beweisbares, belastbares, nichts brauchbares. es hilft nix, wer gerade gewählt is darf würfeln und irgendeine der angebotenen theorien ausprobieren – in 20 jahren werden wir – vielleicht – sagen können obs funktioniert hat.

    • kurtbayer

      naja, schön wärs, wenn das so ein “random walk” oder Zufallsprozeß wäre. Da sollte man schon den Prozeß hinterfragen, wie sich etwas zum Mainstream mausert, welche Mechanismen da in den Unis und in den Journals geschehen – und welche Anreize Ökonomen und -innen, die weiterkommen wollen haben, umnicht ausgegrenzt und jobless zu werden. Natürlich haben Ökonomen beiderlei Geschlechts auch immer willfährig den herrschenden Interessen gedient und gerne deren Vorurteile untermauert.

  2. Anton Rainer

    Lieber Kurt,
    Es ist seltsam, dass RR ihre “Rechenfehler” im April 2012 zugaben, aber in der Sommer-Nummer der “Economic Perspectives” noch einmal die ominöse 90%-Grenze (Reinhart-Reinhart-Rogoff: Public Debt Overhang:..” ins Spiel brachten. Offensichtlich gehören sie zu jenen naiv-dummen Ökonometrikern, die glauben, ohne Theorie (stattdessen mit weit verbreiteten Vorurteilen) einfach eine Masse von Daten in ein Programm zu werfen und daraus sinnvolle Aussagen zu gewinnen.
    LG
    Toni

    • kurtbayer

      Lieber Toni: naja “naiv-dumm” glaube ich nicht: Rogoff war immerhin Chair des US Council of Economic Advisers, damit OECD Economic Policy Chair, Chefökonom des IMF, usw, also jedenfalls erfahren in der “politischen” Welt – und Carmen Reinhart ist eine der bekanntesten amerikanischen Ökonominnen. Meine These wäre gewesen, daß sie die massive Verbreitung und Nutzung der Verwendung ihrer Ergebnisse unterschätzt haben – und vielleicht auch stolz darüber waren, soviel Einfluß gehabt zu haben. Dies entbindet sie jedenfalls nicht der Verantwortung. Und “theorielos” auch nicht, wenn Du die Zitate in ihrem Buch “Diesmal ist alles anders” liest und die Bibliographie anschaust. Es ist halt zT die “falsche” Theorie, der sie anhängen.
      Vom Zeitablauf her ist es halt auch so, daß es einen Publikationslag gibt, wielange vorher man in den Economic Perspectives was einreichen muß, bevor es publiziert wird, weiß ich nicht. Daher habe ich die zeitnähere New York Times zitiert, die dies innerhalb eines Tages produzieren kann.

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