Wirtschaftspolitik “Out of the Box”?


(in gekürzter Form im FALTER Nr. 42-13 erschienen)

Muß es in Österreich immer so weitergehen wie bisher? Die Drohung einer weiteren rot-schwarzen Regierung, die zwar gut verwaltet, aber keine der alten Probleme löst und schon gar nicht über Lösungen für künftige Probleme nachdenkt, ist erschütternd – und gefährdet Österreichs Zukunftsfähigkeit.

Wirtschaftspolitisch braucht Österreich zweierlei: einerseits eine aktive Europavision, die sowohl der Krisenbewältigung dient (diese ist nämlich noch lange nicht überwunden), als auch für die Zeit danach, die hoffentlich einmal kommt, Probleme angeht. Wie zum Beispiel die Neuordnung des Finanzsystems auf eine der Gesellschaft dienende Rolle; die Installierung einer umfassenden Wirtschaftspolitik auf EU-EZ-Ebene, die zusätzlich zur Budgetpolitik eine Wachstumspolitik, die sozial und ökologisch nachhaltig ist, umfaßt und gemeinsam mit der EZB-Geldpolitik einen einheitlichen Rahmen bildet; eine Steuerpolitik, die den unseligen Steuerwettbewerb bei den Unternehmens- und Kapitalsteuern nach unten stoppt, eine Entlastung der Arbeitsbesteuerung ermöglicht, die unfaire Bevorzugung von Kapital- vor Arbeitseinkommen einstellt, mit ökologischen Steuern steuert, die leistungsunabhängigen Bodenwertsteigerungen kräftig wegsteuert und durch Finanztransaktionssteuern spekulatives Handeln entmutigt. Dazu braucht es in Zukunft einen Finanzminister oder –in mit Fachkenntnis, mit entsprechendem Knowhow und mit Verhandlungsgeschick! Die peinliche österreichische Absenz in Europafragen, und noch mehr die Art der Präsenz der letzten Jahre sind ein Skandal.

Innerösterreichisch braucht es auch Wunderwuzzis, die die lange vor sich hergeschobenen Probleme der Restrukturierung des Bankensektors – auch zulasten der Eigentümer – endlich angehen, sich den Problemen der Pensionsversicherung widmen, die bereits 1/6 der Wirtschaftsleistung verschlingen, bei weiterer Zunahme, eine Pflegeversicherung in Gang setzen, die unselig teure Länderkompetenz bei Bauordnungen, Sozialleistungen, Krankenhausbauten und andere Doppelgeleisigkeiten der heiligen Kuh Föderalismus abstellen, die ökologische Wende und ihre soziale Absicherung einleiten, und endlich das gesamte Ausbildungssystem vom Kindergarten bis zur Universität, von der Lehre bis zur Fachhochschule von den alten Zöpfen befreit und zukunftsfähig im Interesse der Auszubildenden und der Gesellschaft (und nicht der Lehrergewerkschaften) macht.

Dazu muß die politische Klasse heraus aus der „Box“ und in neue Bahnen gelenkt werden. Dazu braucht es andere, neue Mehrheiten, keine „große Koalition“, die schon in den letzten Legislaturperioden die wichtigen Probleme nicht angegangen ist. Es braucht Mehrheiten, die von den Klientelstrukturen der alteingesessenen Interessen, zum Teil durch die Sozialpartner vertreten, wegkommt. Es braucht andere Formen der Willensbildung, die viel mehr von den Betroffenen ausgehen. Die oft versprochene Belebung des Parlaments ist fehlgeschlagen: fast alle Gestzesinitiativen gehen von den Ministerien aus, fallweise von den Sozialpartnern. Die Ressourcenknappheit des Parlaments ist eine demokratiepolitische Schande. Eine Minderheitsregierung, die sich auf drei Parteien stützt und jeweils neu ihre Mehrheiten suchen muß (da eine Dreiparteienlösung ohne FPÖ keine Parlamentsmehrheit hat), ist die einzige Chance auf Erneuerung. Das ist zwar nicht die einfache, „elegante“ Lösung, die der Bundespräsident präferiert, sondern eine „schlampige“ (fuzzy auf Englisch) Lösung, aber eine, die die Chance auf positive Veränderungen in sich birgt.

Advertisements

5 Comments

Filed under Crisis Response, European Union, Fiscal Policy

5 responses to “Wirtschaftspolitik “Out of the Box”?

  1. Milon Firikis

    Interesting to note in the last rows that “schlampig” -a german word of negative connotation- is translated into the english “fuzzy” an ambivalent, to say the worst, term.

    it says something about our state of mind in central europe. in any case reform is most probably, impossible.

    • kurtbayer

      Well, fuzzy was first, it comes from Mary Douglas and Michael Thompson and others. Maybe I should have translated it into “wolkig” instead of “schlampig”. However, the connotation should not be negative, but rather “out-of-the-box”-ish, non-linear. Maybe you have a better suggestion, I would appreciate it.
      What you mean that this implies about our state of mind in central europa, I do not understand.

      • Milon Firikis

        I was reffering to colloquial language.

        by state of mind I was addressing the fact that a grand coalition would be viewed as stable and “ordentlich”, a minority government would be a “fuzzy” construction, something containing dangers and confusion.

        it is a usual observation (IMHO at least) that mature societies and states tend to overlook primary aims (i.e. the ability of a goverment to “govern”, to induce change) and favour secondary qualitative features, i.e. being “ordentlich”.

  2. Dr. Manfred Drennig

    This is a very nice sum of wishful dreaming. Nice to have but not so easy to have. Won´t the first and much more important step be to wake up und confront ourselves with a world of permanently inceasing competition and unemployment. Whether we want (and like) it or not, the first goal for an economic policy that deserves that name must be to restore competitiveness, and not to sum up a lot of nice headlines

    • kurtbayer

      Well, in my thinking this is “too much mainstream”, too pragmatic – and wrong. I do not see a lack of Austrian competitiveness, even though I see a lot of room for improvement in many areas. The reference framework is not competitiveness, understood as price competitiveness, bu how we can master the future for the next generations. That involves seeing the trends around us, not necessarily only as restrictions, but as realities which policy can choose to ignore (in a nutshell, the present state f affairs in A.) or to take up. Without a vision, without a strategy, we will push a bowwave of unsolved and increasingly larger problems ahead of us.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s