Britten – perfekt interpretiert.


 London ist derzeit voll von aufgezwirbelten Weihnachtseinkauf-Shoppern, aber gottseidank auch Britten-Produktionen, da den Engländern sein 100. Geburtstag näher steht als den Österreichern. In einer inspirierenden Aufführung einer “Britten-Serenade”, ausgeführt von der Britten Symphonia unter Pekka Kuusisto, wurden Britten und viele Zeitgenossen in kurzen Stücken mit Verve und fantastischer Technik und Musikalität dem begeisterten Publikum im Barbican Center vorgeführt, dabei interessante Techniken wie Wasserglas-Fideln (mit Geigenbogen gestrichene unterschiedlich volle Wassergläser). Eine kurze google-Recherche zeigte, daß an diesem Tag (24.11.) allein in London 13 Britten-Produktionen gezeigt wurden.

Aber zu Wien. Am 2.12. gab e seine Wiederaufführung von Britten’s Peter Grimes, in einer kaum zu überbietenden Produktion. Minimalistische, vollkommen abstrakte Kulisse, eindrucksvolle Lichtregie und plastische Wirkung durch Heben und Senken von Bühnenteilen bildeten den Hintergrund für einen hervorragend geführten und choregraphierten Staatsopernchor und eine Sängerinnen- und Sängergruppe (angeführt vom glänzenden Herbert Lippert als Peter Grimes, hervorragend auch Gun-Brit Barkmin als die Lehrerin Ellen Orford, aber auch Iain Paterson als Bastrode). Hervorragend das Orchester unter Graeme Jenkins. Die fürchterliche Geschichte um einen Fischerdorf-Außenseiter, der an seinen Träumen, die ihn hassende Dorfgemeinschaft zu übertrumpfen, scheitert, der die Liebe zur ihn liebenden Lehrerin nicht annehmen kann, ebenso den Freund Balstrode letztlich ablehnt – der aber vor allem seine Liebe zu den aus dem Armenhaus (workhouse) geholten Lehrlingen durch brutales Verhalten und unmenschliche Arbeitsleistungen fordernd zum tödlichen Verhängnis führt, wird in dieser kargen Inszenierung deutlich besser verständlich, und durch die äußerst zwischen Dramatik und Lyrik  pulsierenden Musik als ich es in einer auch exzellenten naturalistischen Inszenierung in der English National Opera vor 2 Jahren gehört hatte.

Natürlich trägt die Musik den größten Teil zu diesem Erfolg teil. Kaum jemand hat nach meiner Meinung ein Seelen- und Menschdrama besser in Musik ausgedrückt, und das hervorragende Libretto zum Leben erweckt als Britten. Liebe und Ausgrenzung, die Verkommenheit der Dorfgesellschaft, die ihr hartes Fischerleben durch Ausschweifungen im Pub, das auch ein Puff ist, auslebt, die Unfähigkeit Peters, mit seiner Geliebten zu sprechen, sein unmäßiger Ehrgeiz, es „denen zu zeigen“ durch den ersehnten Großfang, die Miss Marple’sche Tussität vn Ms. Sedley, der Kampf um die Seelen des Volkes zwischen dem faulen Pastor und dem feurigen alkoholisierten Methodistenprediger – all dies beeindruckt ungeheuer. Einziger Wermutstropfen: der Holzhammer der immer wieder erscheinenden Uhr, die auf 5 vor 12 gestellt ist. Das hätte sich und uns die Regie (Christine Mielitz) schenken können. Dennoch: ein bemerkenswerter Abend.

Wenn wir schon dabei sind. Vor kurzem auch eine sehr beeindruckende Idomeneo-Vorführung im Theater an der Wien in einer fantastischen Inszenierung: die auf der mit einer dunkelbraunen Erdschicht bedeckten Bühne verstreuten Schuhe erinnern an die knapp vorher stattgefundene Tsunami-Katastrophe auf den Philippinen oder ein Schlachtfeld (des 1. Weltkriegs ???), entfernen aber dadurch von eine persönlichen Schuld-Interpretation. Die Seelenqualen des Idomeneo, der ihn umgebenden Liebenden und des gesamten Volkes bringt diese Inszenierung grandios zum Klingen. So kann man dies glänzend inszenieren.

Dagegen: die etwa 250. Wiederaufführung einer uralten Schenkschen Inszenierung von Elisir d’Amore mit glücklichem Landvolk, hübschen Bäuerinnen, netten, an San Gimignano erinnernden Häuserkulissen gehört wirklich auf den Misthaufen der Operngeschichte. Es wirkt, wie es gemeint ist: das Leben ist schön, das Happy End naht, die zwischendurchen Verwirrungen durch Fremde werden überwunden. Eine Schande für die Wiener Staatsoper, trotz sehr guter musikalischer Leistungen

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2 Comments

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2 responses to “Britten – perfekt interpretiert.

  1. Claus Lödl

    lieber Kurt,
    zum Idomeneo muss wohl ergänzt werden, dass die musikalischen Leistungen des Orchesters (Freiburger Barockorchester) unter der Leitung von René Jacobs und der SängerInnen samt Schönberg-Chor durchwegs exellent waren, so dass wir insgesamt eine STERNSTUNDE erleben durften!
    Claus Lödl

    • kurtbayer

      Ja genau, danke für die Ergänzung, hätte mir nicht passieren dürfen, da es genauso meiner Wahrnehmung entspricht
      Kurt

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