Schuberts Oratorium-Fragment “Lazarus” im Theater an der Wien


Als theologischer Laie und religiöser Ignorant war mir die Bibelgeschichte von der Auferweckung des Lazarus bekannt, als Zeichen Jesu an die Möglichkeit aller der Wieder-Auferstehung.

Das Schubertsche Oratorium dieses Namens, ein Fragment, behandelt jedoch viel mehr das Davor, das Sterben des Lazarus, seine Gedanken dabei, sowie die Reaktionen seiner Umgebung. Sicher nicht leicht, dafür eine adäquate szenische Form zu finden. Dies ist jedoch in dieser Aufführung ganz hervorragend gelungen: das Allgemeingültige des Sterbens wird durch die Transithalle eines Flughafens dargestellt, in der Menschen geschäftig von hier nach dort reisen, ihre Flugtickets umbuchen – und sehen, wie in ihrer Mitte ein Mensch, Lazarus, langsam stirbt. Dabei treten seine Schwestern Martha und Magdalena auf, ihm offenbar beide sehr eng verbunden, eine Jugendfreundin, Jemima, sowie Nathaniel ein Priester, der offenbar die Rolle Jesu einnimmt. Lazarus selbst wird von einer Parallelfigur gespiegelt, die ich in der Aufführung als seine unsterbliche Seele, die das langsame Sterben sowie die Rückblicke auf das Leben mit beobachtet, interpetierte, die im szenischen Konzept jedoch Simon darstellt, der (biblisch korrekt?) durch das Lazarus-Erlebnis von seiner Suche nach dem eigenen Tod „geheilt“ und wieder bekehrt wird.

Schuberts Lazarus ist Fragment geblieben, d.h. es endet mit dem Sterben und der Simon-Geschichte. Die Regie hat – sehr glaubwürdig und absolut passend – das Fragment durch Musik des amerikanischen Komponisten Charles Ives „The Unanswered Question“, über das Danach, angereichert, sowie durch passende Schubertlieder (zB „Der Wegweiser“) und das Sanktus aus seiner EsDur Messe (welches nur sehr schwer, nach vielen Brüchen, zur Erlösung kommt). Ein wirklich grandioses Regiekonzept, übertroffen nur von einer fantastischen Aufführungspraxis. Textlich bleibt das Ganze schwer verständlich, der liturgische text von August Niemayer ist vor allem in der Ersten Handlung, die das langsame Sterben im Transitraum in Gang setzt, äußerst kryptisch, wird in der zweiten Handlung konsistenter und fließender, dann durch Ives` Instrumentalmusik abgelöst, und schließlich durch die Liedertexte endlich klar.

Die exzellente Inszenierung, eine fantastische Choreographie, in der der Arnold Schönberg Chor eine Meisterleistung an bewegendem Gesang und Bewegung im Transitraum, unterbrochen durch allgemeine Starre, wenn die Solisten singen, vollbringt, sowie ein Tänzer das Sterben auf der Freitreppe (Weg in Jenseits?) konvulsivisch akrobatisch darstellt, wird genial vervollständigt durch exzellente Sängerleistungen (Kurt Streit, Annette Dasch, Stephanie Houtzeel, Ladislav Elgr, Cigdem Soyarslan, Forian Boesch, Paul Lorenger und Jan Petryka) und die üblich guten Wiener Symphoniker  unter Michael Boder.

Dem Stück wird dadurch, dass es Fragment geblieben ist, das Betulich-Religiöse genommen, es wird dadurch auf das Sterben selbst, die Reflexion über das gelebte und das nicht gelebte Leben reduziert, durch die Ives-Musik und die Schubertlieder auch auf die Gedanken, was danach kommen könnte, aufgefettet – und durch die im Heutigen angesiedelte Inszenierung, dem dauernden Kommen und Gehen des Flugplatzes und die Einsamkeit des dazwischen Sterbenden auf eine jede und jeden betreffenden Erfahrung transponiert – ein grandioses Gesamtkunstwerk am Tag vor Weihnachten (wo es ja angeblich um das Gegenstück, nämlich die Geburt und damit mögliche Erlösung geht.)

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1 Comment

Filed under Life

One response to “Schuberts Oratorium-Fragment “Lazarus” im Theater an der Wien

  1. Maria Orthofer

    Kurt wir teilen deine Begeisterung für dieses musikalische Ereignis. Uns haben Annette Dasch und Florian Boesch besonders gut gefallen. Auch die Inszenierung hat uns gefangen genommen und das – entschuldige – blöde Libretto vergessen lassen.

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