Hochdramatisches Musiktheater zum Jahresbeginn in Wien


Es gibt zweierlei zu loben und zu berichten: eine ganz außergewöhnliche Lieder-, Gedicht- und Tanzperformance, und eine kaum gespielte Verdioper.Im Brick-5, einem  Veranstaltunglokal im 15. Hieb, spielt die Gruppe “Schlüterwerke” unter Markus Kupferblum eine tief ergreifende Performance, die die romantische Schubert/Müllersche Winterreise mit dem Schicksal der etwa 700.000, meist sehr jungen, deutschen Soldaten im Rußlandfeldzug in Beziehung setzt. Daher auch der Untertitel: ein Gewaltmarsch. Der Weltschmerz von Müller, die ans Herz greifende Musik von Schubert beschreiben erstaunlicherweise sehr genau das Elend, die Verlorenheit und die Sehnsucht nach der fernen Heimat der erfrierenden, kranken, traumatisierten Soldatenkinder vor und nach der Schlacht von Stalingrad. Es geht nicht um die Untaten der deutschen Wehrmacht, sondern einzig um das Schicksal dieser Soldaten. Die Idee ist grandios, die Durchführung genial. Immer wieder erstaunlich ist, wie sehr die starren, aus der griechischen Tragödie stammenden Masken der Schauspieler und Tänzer, dennoch durch leichte Änderung der Kopf- und Köperhaltung Emotionen fast besser ausdrücken können als dies die wahren Gesichter der Darstellerinnen (nur ein Mann steht auf der Bühne) tun könnten. Viele der Texte Müllers werden maskenlos zitiert, unglaublich intensiv. Einige Passagen werden getanzt, einige Lieder gesungen, teilweise auch mit etwas verfremdeter Schubertmusik, die von einer Pianistin hervorragend interpretiert wird. Umrahmt wird die Müller/Schubert-Winterreise durch drei Gedichte des ungarischen Poeten Miklos Radnoti , der selbst  auf einem Gewaltmarsch 1944 durch Genickschuß getötet wurde und dessen Gedichte in der Manteltasche seiner später aus einem Massengrab exhumierten Leiche gefunden wurden. Ganz großes, ergreifendes Theater!

Dagegen Hochkultur im Theater an der Wien mit Verdis sehr selten gespielter Oper “I due Foscari”, nach einem Stück von Lord Byron. Einige seiner Texte werden in 50-er Jahre Schrift auf den Vorhang projiziert, um das Umfeld, in dem sich diese venezianische Tragödie im 15. Jahrhundert abspielt, zu charakterisieren. Es geht um den persönlichen Konflikt eines Dogen zwischen Staatsräson und Familiensinn, der sic him Intrigenstadel der unterschiedlichen Governance-Institutionen des hochmittelalterlichen Venedig abspielt. Erstaunlich sind die Parallelen zur heutigen Politik, wenn etwa die Undurchdringlichkeit des Staatsgeschehens, die Intrigen, die Entscheidungen hinter verschlossenen Türen, aber auch die generelle Schwachheit des Dogen, der hin- und hergerissen ist zwischen “Pflicht” (im Sinne von “ich habe nur meine Pflicht getan”) und Liebe zu seinem Sohn, den er letztlich ins Verderben schickt.

Eine sehr drastische, oft überdrastische Inszenierung (Thaddeus Strassberger) mit einem grauenhaften Bühnenbild, welches unlogischer Weise immer ein Felsverlies (dort finden auch die Sitzungen des allmächtigen Rates der 10 statt??) darstellt, kann aber den hervorragenden Sänger- und Orchesterleistungen nichts anhaben. Erstaunlich statisch und auch nicht überzeugend der sonst so exzellente Schönberg-Chor. Warum Strassberger die im Libretto nicht vorkommenden Folterszenen (Fingerabhacken, Schultergelenke ausreißen, Vergewaltigung) ebenso auszelebriert, wie die Wahnsinnswerdung der Lucrezia und ihre Erwürgung ihres Sohnes, bleibt sein Geheimnis, das ihm hoffentlich Alpträume beschert.

Sensationell war die Leistung des Einspringers des Einspringers (statt Placido Domingo) Paolo Gavanelli als Franceso Foscari, der mit samtenem Bariton die lyrischen Teile ebenso zelebrierte wie die dramatischen Tief- und Höhepunkte seines problematischen Lebens. Ich wage zu behaupten, daß der große Domingo das in den vorangegangenen Vorstellungen nicht besser gemacht hätte. Gavanelli wurde verdienterweise mit zehnminütigem Applaus und standing ovations belohnt. Ebenso beeindruckend, auch wenn er sich erst im Laufe des ersten Aktes in seine Rolle hineinsang, war Arturo Chacon-Cruz als sein Sohn Jacopo, dessen Tenor zwar nicht metallisch rein klingt, der aber mit großer Bravour und viel Musikalität und Kraft überzeugend sang und spielte. Zwiespältig war die Performance der Davinia Rodriguez als Jacopos Ehefrau Lucrezia Contarini: hochdramatisch, Callas-ähnlich in den vielen hohen Partien, aber erstaunlich nasal-gepresst (indisponiert??) in der Mittellage, vor allem anfangs und am Schluß. Diese sehr auffallenden Schlechtttöne beeinträchtigten aber nicht ihre Gesamtleistung, die auch durch die stilisierte Darstellung ihres Seelenleides als sehr gut einzustufen ist. Die Symphoniker unter James Conlon spielten äußerst ambitioniert. Ob Orchester und Sänger durch eine leichte Zurücknahme der Lautstärke dem Werk nicht Positives getan hätten, kann man diskutieren. Dramatik muß nicht immer laut und aus Leibeskräften sein.

Sensationell ist der Musikbeginn, der mit einem Trompetenstoß, gar nicht subtil, sofort die Dramatik der Intrigenkultur und ihrer Opfer einleitet. Warum diese Oper nicht öfter gespielt wird, ist ein Rätsel. Sie verdient weitere Verbreitung, vor allem wenn sie solche Musikerleistungen hervorbringt wie diesmal.

Noch ein Punkt: Zunehmend scheint es sich in Wien, vor allem am Theater an der Wien, einzuschleichen, wie in Italien, in Frankreich, auch in London, und in anderen wenig zivilisierten Ländern, nach jeder Arie zu applaudieren. Dadurch wird der dramatische Zusammenhang des Musiktheaters zerstört und die Oper in einzelne, separate Stücke zerlegt. Ich bin ratlos, wie man dieser Unsitte Einhalt gebieten kann. Genügt es nicht, nach Vorhangfallen und am Ende zu applaudieren, statt wie in einem “Best of….” Arrangement einzelne Stücke aus dem Zusammenhang zu reißten?

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2 Comments

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2 responses to “Hochdramatisches Musiktheater zum Jahresbeginn in Wien

  1. Claudio Todeschini

    We discussed some aspects of the performance during the intermission and I fully share your comments. I found the performance very rewarding and I much enjoyed hearing Paolo Gavanelli in the role of Francesco Foscari; I particularly liked the articulation of his singing and the balance that he brought between the notes that he sang and the emotional value that the music conveyed in the context of the events that his role personified.

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