Zum Frauentag: Leid und Freud der Wissenschafterinnen


Zeitgerecht zum Weltfrauentag bringt das Portraittheater das Ein-Personenstück Curie-Meitner-Lamarr-unteilbar. Worauf sich das „unteilbar“ bezieht, ist mir nicht ganz klar, möglicherweise auf „Frausein“ und „Wissenschafterin“ – eine Doppelbelastung der anderen Art?

An einem genialen Ort, dem Lise-Meitner-Hörsall des Physikinstituts der Uni Wien brachte Anita Zieher unter der Regie von Sandra Schüddekopf eine hervorragende Portätstrecke dieser  drei, sehr unterschiedlichen Frauen. Österreich-relevant ist natürlich auch, daß Meitner und Lamarr (nee Kiesler) Österreicherinnen waren und als Jüdinnen das Land verlassen mußten, aber der Reihe nach.

Zieher sitzt als alte Marie Curie, unbeholfen einen Pullover für ihre Enkeltochter strickend, im Lehnsessel und erzählt ihre Geschichte als polnisches Bürgermädchen (Polen gab es als Land nicht, es war zwischen Russland, Preussen und Österreich aufgeteilt, Warschau lag in Russland), dem durch ihren Vater das Interesse an Naturwissenschaft eingeimpft wurde, aber auch ein geheimer (streng verboten!) Polen-Patriotismus. Erst als Gouvernante in der russischen Einöde, dann als Studentin in Paris wurde sie von Becquerel und seine Radium-Entdeckung inspiriert. Durch ihre Bekanntschaft im Pierre Curie, der bis zu seinem frühen Unfalltod ihr engagiertester Mitarbeiter war, kämpfte sie sich durch alle Tiefen von Armut, von armseligen Forschungsausrüstungen (Labor im Stall), Vorurteilungen gegen und Diskriminierung von Frauen bis zum (gemeinsamen) Drittel-Nobelpreis in Physik. Mutterschaft, Sorbonne-Professorin, Niederlage beim Versuch, in die Academie Aufnahme zu finden, Besessenheit für weitere Radioaktivitäts-Forschung bekam sie schließlich einen zweiten Nobelpreis (diesmal in Chemie), wobei ihr die schwedische Akademie riet, nicht persönlich anzureisen, bevor sie nicht ein außereheliches Verhältnis in Ordnung gebracht hätte. Wutentbrannt reiste sie an und vertrat offen ihre Meinung, daß ihre Wissenschaftsleistung mit ihrem Privatleben nichts zu tun hätte.

Zwischen den einzelnen Darstellungen werden auf einer Leinwand drei Mädchen, etwa zwischen 10 und 12 Jahren gezeigt, die einander auf das Thema abgestimmte Fragen stellen und so für die Laien das Verständnis erhöhen – eine ganz ausgezeichnete und besonders gut gemachte Regieidee.

Lise Meitner, im Fin-de-siecle und 20er Jahre Outfit, tritt burschikos und selbstbewußt auf. Auch sie hat, als eines von 8 Kindern, von ihrem Vater die Liebe zur Wissenschaft mitbekommen (bei beiden Frauen kommen die Mütter kaum vor), studiert bei ihren Vorbildern in Wien, ist aber dann von Otto Hahns Forschungen zur Kernspaltung so begeistert, daß sie unbedingt bei ihm in Berlin studieren und arbeiten will, was ihr auch gelingt. Mit „Hähnchen, Du verstehst nix von Physik“ wird sie zur geachteten und sehr geschätzten Mitarbeiterin von Hahn und lernt dort die ganzen Größen der Physik kennen. 1934 muss sie als ausländische Jüdin weg und geht nach Stockholm, wo ihre Arbeit kaum geschätzt und sie als Frau ihren Arbeitsraum nur durch einen Hintereingang betreten darf. In Korrespondenz mit Hahn forscht sie jedoch weiter und macht die bahnbrechenden Erfindungen der Kernspaltung. Der Nobelpreis bleibt ihr verwehrt, ebenso eine Ehe, da „ihre große Liebe die Physik“ ist. Aufforderungen, an der Entwicklung der Atombombe in Los Alamos mitzuarbeiten, lehnt sie ab. Sie bleibt trotz einer Reihe späterer Preise, doch unbedankt.

Und dann: ganz lasziv Hedy Lamarr, als Vamp und Hollywood-Göttin. Der Kontrast zu den beiden vorigen Besessenen ist faszinierend, doch bleibt sie in ihrem männermordenden, Hollywood Slang, ein Rätsel. Die Darstellung, daß sie allein durch ihre frühe Wiener Ehe mit Fritz Mandl (Eigentümer der Hirtenberger Patronenfabrik) und die Gespräche in dessen von ihr gehosteten Salon ihr Interesse für Waffensysteme entdeckt habe – wobei sie sich selbst darüber alteriert, daß sie an diesen Gesprächen als Trophyfrau und Aufputz nicht teilnehmen konnte, dann, viele Jahre später, zur Entdeckung der „Frequenzsprünge“ inspirierte, scheint doch etwas weit hergeholt. Zwar sei sie konkret durch das Modell eines ihr befreundeten zeitgenössischen Komponisten (George Antheil), der 12 Klaviere koordinieren mußte, auf dieses Verfahren gestoßen, wodurch Torpedos in ihrer Laufbahn durch feindliches Radar nicht gestört werden konnten – doch klingt das doch etwas schräg, doch wird sie durch Wikipedia erhärtet. Die US Navy war nicht überzeugt, das Verfahren wurde erst 1962 und dann im Vietnamkrieg eingesetzt und die Erfinder belobigt. Wie bahnbrechend diese Erfindung für heutige Telekommunikation geworden ist, war damals nicht vorauszusehen.

Anita Zieher gibt die drei sehr verschiedenen Frauen exzellent, arbeitet deren charakterliche Eigenheiten hervorragend heraus, bedient sich (in Grenzen) des Inventars des Physikhörsaals und schafft, im Verein mit den 3 gefilmten Mädchen, einen punktgenau passenden Abend zum Thema Frau und Wissenschaft. (Weitere Vorstellungen sind für den 14. Und 19. März in der TU-Wien, im Margarete-Schütte-Lihotzky (schon wieder so eine Frau!!!!) Hörsall geplant. Absolut hingehen!

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