Osterbesuch in London: Zeitreise und Kulturschock


Vieles in London ist so wie vor einigen Jahren: Partytreiben vor den Pubs und Clubs auf den Straßen, bis es endlich – gegen 3 Uhr früh – wo ruhig wurde, daß man einschlafen konnte; die Unverläßlichkeit der teuren Eisenbahn, die am Weg zurück von einer wunderschönen Wanderung in den South Downs die Passagiere zuerst umleiten will (“in Brighton herrscht am Bahnhof Chaos, bleibt im Zug!”), dann den zug am Gleis mehr als eine halbe Stunde stehen läßt – natürlich ohne Information, um dann durch den zug zu eilen und “rasch, rasch, nehmt den nächsten Zug vom selben Gleis zurück nach Londen” die Gäste hinausscheucht; die Massen von indigenen und touristischen Einkäuferinnen in der Innenstadt, fast jede mit mindestens 3 großen Papier- und Plastiktaschen aus den diversen Fetzentempeln ausgestattet; die bei eiskaltem Wetter in T-Shirt und kurzer Hose Jogger; dieselbe Wohnung, noch immer attraktiv (von meinem Nachfolger zur Verfügung gestellt); noch immer kein Baubeginn des von dieser Wohnung aus künftig sichtbaren alt-neuen Shakespeare Theaters.

Aber auch eine ungeheure Bautätigkeit, sowohl neue Wolkenkratzer im Finanzviertel Square Mile, als auch in meiner alten Wohngegend Shoreditch; dortselbst eine Vielzahl von neuen Bars und Eßlokalen; wunderschönes Frühlingswetter mit einer Blüten- und Blumenpracht, sowohl am Land als auch in Kew Gardens; weitere Gentrifizierung von OstLondon (Hackney) mit atemberaubenden Wohnungspreisen (gefühlte 20-30% mehr als vor meinem Abschied vor 1 ½ Jahren.

Und dann die Politik: Premier Cameron gibt sich plötzlich (zu Ostern) christlich und ermahnt seine WählerInnen, das christliche Erbe Ernst zu nehmen; die Doppelmühle, in die er sich durch seine Zusage zum Schottland-Abspaltungsreferendum im September, sowie sein Versprechen, ein EU-Austrittsreferendum nach der nächsten (gewonnenen) Wahl zuzulassen; eine sich immer weiter verbreitende Anti-EU-Stimmung, die der EU-feindlichen UKIP die Stimmenmajorität bei der EU-Parlamentswahl vorhersagt; die Geißelung der Austeritätspolitik durch die anglikanischen Bischöfe; die Meldung, daß bereits mehr als 1 Million Bedürftige die NGO-Foodbanks (Gratislebensmittelpakete) nutzen; das (vorgeblich) unlösbare Rätsel, daß trotz Beschäftigungsrekords die UK-Produktivität weiter hintenbleibt; die Prognose, daß die Familieneinkommen erst frühestens 2017 das Niveau von 2007 erreicht haben werden; die immer größer werdende Anzahl von Obdachlosen in Haus- und Geschäftseingängen; die Meldung, daß sich sowohl Tories, als auch Labour, als auch Liberale für die kommenden Wahlen mit US-Wahlkampf-Profis teuerster Kategorie versorgt haben; die Meldung, daß ein durchschnittlicher Manchester-City Fußballer 125.000 Pfund pro Woche (!!!) verdient; der unsägliche Versuch der Regierung, immer weitere öffentliche Aufgaben dem Privatsektor zu überlassen, obwohl viele dieser Unternehmen (darunter besonders das auch in Österreich agierende G4S) Verfahren am Hals haben, weil sie die Regierung übers Ohr gehauen, die von ihnen verlangten Leistungen nicht erbracht, oder – etwa im Fußfessel-Bereich – nicht existierende “Klienten” verrechnet haben: jetzt geht es darum, nach einem Desaster mit derm Verkauf von Personendaten des Gesundheitsdienstes auch Daten der Steuerverwaltung an interessierte Firmen zu verkaufen, usw., usf.

Ein Lichtblick die Theatervorführung “Handbagged” im Vaudeville Theater am Strand, das die Beziehung zwischen Queen Elisabeth und Margaret Thatcher ganz hervorragend porträtiert: beide Personen werden doppelt dargestellt, einmal jünger, einmal alter, wobei die Älteren weitgehend als Stimme aus dem Off, die Handlung kommentieren (“so habe ich das nie gesagt”; “sie ist schon extreme eingebildet”; “sie belehrt mich ja”). Thatcher zitiert Hayek und Keith Joseph, ideologisiert von der Freiheit des Einzelnen und der Notwendigkeit, die Kultur des Ansinnens-an-den-Staat-zu-stellen, zur Wiederherstellung der Freiheit brechen zu müssen, zelebriert ihre Faszination zu Reagan, dem sie allerdings seine Nicht-Unterstützung des Falkland-Krieges nicht verzeihen kann, stellt ihren Ehemann Dennis als Trottel und Jasager hin – und zieht über ihre eigenen Minister, vor allem Heseltine, der ihr die Führungsrolle streitig machen wollte und Geoffrey Howe, den “Über-Whet” (Waschlappen) brutalst her. Die Queen wird als geheime Sozialdemokratin porträtiert, die sogar in einer Weihnachtsansprache (die einzige Gelegenheit, wo die Rede nicht von der Regierung vor-geschrieben wird) die soziale Kälte und das Los der streikenden und ihren Job verlierenden Bergarbeiter beklagt, die Thatchers Machtkampf hervorgerufen hat: Geschichtsunterricht zum Anfassen.

Resume: London ist immer eine Reise wert, wenn man sich den Anforderungen des Öffentlichen Verkehrs, des Bier- und Konsumwahns und der großartigen Theaterszene gewachsen fühlt, und sich fest gegen die Zumutungen der dortigen Politik wappnet.

Advertisements

Leave a comment

Filed under Life

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s