Hic deflatio – hic salta!


(in der Zeitung Der Standard am 3.6.2014 in ähnlicher Form erschienen; der Titel erinnert an die Geschichte eines Mannes, der dauernd vor seinen Kumpanen mit seinen Sprungsleistungen prahlte, die er dereinst in Rhodos vollbracht hätte – bis es diesen zu dumm wurden, und sie ihn anherrschten: Hic Rhodos, hic salta! Nimme an, daß wir jetzt in Rhodos seien und zeig uns endlich Deinen Sprung!)

Die Europäischen Zentralbank hat sich an einer Inflationsrate “nahe an, aber unter 2%” zu orientieren. Jahrelang galt ihr Kampf einer zu hohen Preissteigerungsrate. Seit einem Jahr aber geht das Gespenst der “Deflation” also der fallenden Preise um. Zitiert wird das Beispiel Japans mit seinen 2 “verlorenen Jahrzehnten”, in denen die Wirtschaft kaum wuchs, weil die Preise fielen. 2013 sind die Durchschnittspreise der Eurozone nur um 1.3% gestiegen, 2014 ist die Rate bisher auf 0.8% gesunken, weniger als die Hälfte des Zielwerts.

Was ist so schlimm an stagnierenden oder fallenen Preisen? Oberflächlich gesehen, freut das ja die Konsumenten, wenn sie für die von ihnen gekauften Güter weniger zahlen müssen, oder? Was aber, wenn auch die Löhne und Gehälter nicht steigen und die Zinsen für Sparguthaben um Null stagnieren? Dann sinkt auch die Gesamtnachfrage des Staates, der Region, die Unternehmen produzieren weniger, sie investieren nicht, da sie ja keine Ausweitung der Nachfrage erwarten und weiter fallende Preise erwarten, sie stellen weniger Leute ein, die Arbeitslosigkeit steigt, das Wirtschaftswachstum fällt – und es wird eine negative Spirale in Gang gesetzt, die die gesamte Wirtschaft in eine Depression treibt und viel schwerer zu stoppen ist als zu hohe Inflation. Das ist die derzeit größte Gefahr für 350 Millionen Menschen mit 12 Billionen Euro Wirtschaftskraft.

Neben dem fallenden Nationalprodukt und der hohen Arbeitslosigkeit hat Deflation auch starke Umverteilungseffekte: Schuldner, und zwar sowohl private wie auch der Staat, haben größere Probleme, die Zinsen zu bezahlen und Schulden zu bedienen, da sie geringeres Einkommen haben, bzw. die Staaten weniger Steuern einnehmen, und daher noch mehr Staatsausgaben für Zinszahlungen verwenden müssen. Daher kommt es zu einer Umverteilung zwischen Gläubigern, die gewinnen und Schuldnern, die verlieren. Für Europe und die Eurozone bedeutet dies, daß die Schuldnerländer an der Südperipherie (und Irland) noch größere Probleme haben, ihre riesigen Staatsschulden (über 100% der Wirtschaftsleistung) zu bedienen. Damit wird die Teilung Europas vorangetrieben.

Das Horrorbeispiel neben Japan ist die Große Depression 1929-33, als durch falsche Wirtschaftspolitik diese Spirale in Gang gesetzt wurde und Massenarbeitslosigkeit, Armut, Abschottung gegenüber anderen Ländern erzeugte – und letztlich in Europa im Nationalsozialismus mit seinen verheerenden Folgen mündete. Als 2008 die Wirtschafts- und Finanzkrise ausbrach, hatten die europäischen Staaten dieses Beispiel vor Augen, starteten große Konjunkturpakete und retteten ihre Banken: dies bezahlten sie mit einer Erhöhung ihrer Schuldenquote um 25 Prozentpunkte auf derzeit 96% des Nationalprodukts. Als 2010 die Eurokrise ausbrach, war diese Lektion vergessen, und die europäische Austeritätspolitik gewann wieder Oberhand, die als hauptsächliches Krisenbewältigungsinstrument Budgetkonsolidierung (“Nulldefizit”) durchsetzte. Dies reduziert die Gesamtnachfrage und führt zum derzeitigen schwachen Wirtschaftswachstum und stagnierenden Preisen.

Sogar der Internationale Währungsfonds warnt die Eurozone vor deflationären Tendenzen und einer “Triple-Rezession”. Bis vor ganz kurzem hat die EZB diese Ansicht brüsk zurückgewiesen. Doch jetzt scheinen erste Lichter aufzugehen – und man spricht von weiteren Lockerungen der Geldpolitik. Die EZB könnte ihren Leitzins auf 0 senken, Staatsanleihen aufkaufen, sie könnte negative Einlagezinsen verlangen, sie könnte langfristige Liquidität in die Märkte pumpen. Ob das allerdings in der Realwirtschaft ankommt, ist fraglich. Die Möglichkeiten der Geldpolitik sind beschränkt, da der Notenbankzinssatz ohnedies nur 1/4% beträgt. Überlegenswert wäre jedoch jedenfalls, durch ein “symmetrisches” 2%-Ziel den Notenbankern einzubläuen, daß zu niedrige Preissteigerung mindestens ebenso schädlich wie zu hohe ist: eine Herkulesaufgabe. Aber das könnte auch den Wechselkurs des Euro schwächen und die Exporte steigern.

Was zusätzlich notwendig ist, ist das Abgehen von der Austeritätspolitik vor allem in den Überschußländern (Deutschland, Österreich, Belgien, etc.), um dort Nachfrage und etwas höhere Inflation zu erzeugen. Dies würde auch den Defizitländern helfen, Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Deren unterdurschnittliche Preissteigerungen würden durch überdurchschnittliche der Länder mit “fiscal space” kompensiert. Investitionen in die materielle (Transportwege, Telekom, Energienetze) und immaterielle (Ausbildung, Forschung und Entwicklung, Innovation, Kreativität) Infrastruktur in ganz Europa würden auch gleichzeitig die Basis für die Fähigkeit Europas und der Eurozone verbessern, sich im globalen Wettbewerb zu behaupten. Zu allererst aber gilt es, die Deflationsgefahr zu bannen “whatever it takes”, um mit den berühmten Worten von EZB-Draghi zu sprechen, mit denen er Mitte 2012 die Spekulation auf die Eurozone beendet hat. Die EZB-Ratssitzung am 5.6. wird zeigen, ob die Notenbanker endlich aufgewacht sind.

 

 

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4 Comments

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4 responses to “Hic deflatio – hic salta!

  1. toni rainer

    Lieber Kurt,
    Ich glaube, du bist doch noch zu stark in Mainstream Economics verhaftet. Dieser entsprechend würden ja bei einer Deflation die realen Löhne und Gehälter – auch wenn sie nominell gleich bleiben – steigen und damit auch die Konsumnachfrage. Das Hauptproblem bei der Deflation und auch bei einer extrem geringen VPI-Steigerung ist, dass zwar die Preise der laufend nachgefragten bzw. zu bezahlenden Konsumgüter und Dienstleistungen (zumindest eine Zeitlang weiter steigen), dass aber diejenigen der meisten (technischen) dauerhaften Konsumgüter und v.a. Investitionsgüter (besonders wenn sie bei starkem Wechselkurs aus dem Ausland bezogen werden) schon wesentlich früher fallen. Daher zahlt es sich – auch bei steigenden Einkommen – aus, mit dem Kauf zu warten. Wenn mit den potenziellen Investitionen Güter/Dienstleistungen produziert würden, die im Preis fallen, ist dieser Effekt noch verstärkt. Daher war das Inflationsziel von unter 2% von vornherein verfehlt, die 2% könnten bestenfalls eine Untergrenze sein (Ich würde die optimale Inflation noch etwas höher ansetzen, weil bei +2% VPI noch viele Güter im Preis fallen). M.M. war die EZB schon immer die falsche Institution, um die Inflation innerhalb gewisser Grenzen zu halten. Dahinter steht eine monetaristische Weltsicht: Durch Leitzinssetzung könne die EZB die Geldmenge und damit die Preise bestimmen. Natürlich könnte sie durch Ankäufe von Staatsanleihen gewisse Impulse setzen, das nützt aber wenig, wenn die Staaten durch dumme, selbst auferlegte Budgetbeschränkungen keine Nachfrage erzeugen können. Umgekehrt hätte die EZB bei hoher Inflation wenig Chancen sie einzudämmen, wenn z.B. die Gewerkschaften extrem hohe Löhne durchsetzen könnten und die Staaten eine expansive Budgetpolitik betreiben würden. Da würden Zinssatzerhöhungen eher inflationär als preisdämpfend wirken.

    LG
    Toni

    PS: Angesichts der Deflationsgefahr wirkt es schon komisch, dass die österreichische Inflationsrate (mit 1,7%) von diversen Zeitungen
    – als Rekordinflation – negativ kritisiert wird (obwohl wir damit dem Zielwert von 2% am nächsten kommen).

    • kurtbayer

      Lieber Toni, ich stimme ja Deiner Analyse weitgehend zu, bewege mich halt (nicht vom Konzept her, aber von den Institutionen) im Rahmen der bestehenden Institutionen. Daß die EZB ziemlich am Ende ihrer (von wem immer auferlegten) Fahnenstange ist, sage ich ja, daß es eben zusätzlich eine expansive Fiskalpolitik braucht, um die Nachfrage wieder in Gang zu setzen und letztlich auch den Primat der privaten Finanzmärkte (siehe Erhard Fürsts Kommentar) umzudrehen. Ich verstehe wirklich nicht, warum sich die Wirtschaftspolitiker der EU so von den Finanzmärkten abhängig machen und damit jede eigene Einflußmöglichkeit beschneiden.
      Zu Deinem PS: ja genau, sehe ich auch so als absurd an.

  2. Erhard Fürst

    Lieber Kurt, Was heißt “Ende de Austeritaetspolitik” konkret? Höhere Defizite und höhere Schuldenquoten? Und wenn die Finanzmärkte irgendwann nicht mehr mitspielen? Dann schalten wir sie einfach aus und zwingen die EZB, die Finanzierung zu übernehmen? Und wie geht es dann weiter? Der Euro stürzt ab und wir haben ein massives Inflationsproblem. Kapital flüchtet aus Europa. Spätestens dann ist Europa zu einer wirklichen Austeritaetspolitik gezwungen, der gegenüber wir uns jetzt noch im makroökonomischen Eden befinden. LG Erhard

    • kurtbayer

      so sehe ich das nicht, aber die Stützung der Gesamtnachfrage ist halt ein wichtiges Element in einem Aufschwung. Wie wir ja an den anämischen zuwachsraten der Eurozone sehen, funktioniert die Austerität nicht – ganz abgesehen von den sozialen und politischen Verwerfungen, die sie hervorruft.
      Ich vertrete außerdem schon lange die Meinung, daß die Finanzierung der Staaten durch eine öffentlich verantwortliche Institution und nicht durch private Finanzmä#rkte passieren sollte, da letztere legitimerweise ein anderes Kalkül als die Erfüllung öffentlicher Aufgaben haben .

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