ABS – das neue Unwort des Jahres 2014?


Als am 4. September Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, verkündete, daß die EZB den Leitzins auf 0.05% senke, die Einlagezinsen in der EZB auf -0.20% erhöhe und ein “ABS”-Aufkaufsprogramm starten würde, um die europäische Konunktur weiter zu stimulieren, sank der Euro-Dollarkurs um mehr als 1.5% auf unter 1.30.

ABS? fragten sich die österreichischen Nachrichtenkonsumenten? Was ist das? War das nicht eine der Ursachen der tiefsten Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten 100 Jahre?

ABS, asset-backed-securities, auf Deutsch forderungsbesicherte Wertpapiere, sind jene Bündelungen von Bankkrediten, etwa für Hypothekardarlehen, Studentenkredite oder KMU-Kredite, welche zusammengewürfelt, in Scheiben geschnitten und weiterverkauft wurden, womit die damit verbundenen Risiken aus den Bilanzen der erstkreditvergebenden Bank hinausgeschaufelt wurden. Problematisch und giftig wurden sie dadurch, daß die einzelnen Bündel Kredittranchen von sehr unterschiedlicher Bonität enthielten, jedoch von den Ratingagenturen, deren Einschätzung den jeweiligen Bündelpreis bestimmte, meist mit der Bonität der “besten” Tranchen bewertet und weltweit weiterverkauft wurden. Da diese Bündel mehrfach weitergebündelt, zerstückelt und weiterverkauft wurden, wurden die grundlegenden Risiken zB der Ersthypothek in die gesamte Finanzwelt verteilt, ohne daß dafür in den jeweiligen Bilanzen die dafür erforderlichen Kapitalunterlegungen gemacht wurden. Am Ende wußte Bank X, die solche Bündel erworben hatte, nicht, welche Risiken letztlich in ihren Bilanzen steckten: viele Banken laborieren heute noch an der Aufdeckung immer weiterer hochriskanter “Vermögenswerte” in ihren Bilanzen. So weit, so schlecht.

Zu bemerken ist auch, daß in Europa solche ABS nur in wenigen Ländern relativ bedeutende Kapitalmarktinstrumente für die Banken darstellen, darunter Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich. In diesen Ländern also bündeln die Banken solche Kredite und verkaufen sie weiter, um sich zu refinanzieren und die Risiken auszulagern. Leider haben auch die Banken vieler anderer Länder solche Bündel gekauft, zum Teil verführt durch die guten Ratings der Agenturen, wodurch sie vielfach überzahlt (relativ zu den in ihnen schlummernden Risiken) waren. In den USA und Großbritannien sind das sehr verbreitete Instrumente.

Durch den Ankauf solcher Bündel beabsichtigt die EZB zweierlei: einerseits, die Bilanzen der Banken, die solche Bündelungen durchführen, zu entlasten (und zwar sowohl von den Risiken als auch von den Geldsummen), damit diese den dadurch gewonnenen Spielraum nutzen können, um vermehrt Kredite vor allem an bisher eher unterversorgte Klein- und Mittelunternehmen zu vergeben – und damit das Wachstum anzukurbeln; andererseits aber auch, um der immer wiederkehrenden Forderung entgegenzukommen, Kapitalmarktfinanzierungen in Europa relative zu Bankenfinanzierungen attraktiver zu machen, also quasi den Kapitalmarkt zu beleben. In diesem Sinne sind auch die Regeln, die solche Bündel kontrollieren, deutlich verschärft worden.

Diese für die EZB neue Programm fügt sich an die bisherigen EZB-Stimulierungsprogramme an, die die Zinsen senkten und den Banken sehr billige Liquidität zur Verfügung stellten – immer mit der Hoffnung, damit die stagnierenden Wirtschaftskreisläufe zu beleben. Bisher hat dies nicht funktioniert, außer man argumentiert, daß ohne diese Maßnahmen alles noch viel schlechter gekommen wäre als es die dritte Rezession innerhalb von 6 Jahren ist. Die EZB pumpt seit Jahren Geld in die Banken, diese geben es aber nicht, oder nicht genügend, an die Realwirtschaft weiter. Die so genannten “Investoren” kaufen lieber Staatsanleihen von Krisenstaaten, Luxusimmobilien oder Aktien. Auch Unternehmen investieren lieber in Aktien und Finanzanlagen als in Maschinen, Gebäude und Anlagen. Der Boom der Aktienmärkte bei stagnierender oder fallender Wirtschaftsleistung (die Eurozone hat noch immer nicht wieder das Niveau von 2007 erreicht!!!) und die Wohnungspreise in vielen Ländern sind Beweis dafür. Mit dem jetzigen “Paukenschlag” (Financial Times) ist die EZB ziemlich sicher am Ende ihrer Möglichkeiten. Sie hat getan, was sie konnte, hat unkonventionelle Instrumente eingesetzt, dabei weitestgehend ihren rechtlichen Rahmen ausgeschöpft. Doch macht sie offenbar, was Keynes “pushing on a string” genannt hat: viel Kohle mit wenig Effekt, da sie trotz symbolischer Akte und Liquiditätsstärkung die mangelnde Nachfrage in Europa nicht wirklich beleben konnte, zumal der europäische Bankensektor weitgehend unreformiert bleibt (trotz vieler einzelner Regulierungsschritte).

Vor 10 Tagen hat Mario Draghi beim Treffen der Notenbankgouverneure in Jackson Hole, USA die in diesem Blog und von vielen Kritikern der europäischen Krisenpolitik schon lange geäußerte Forderung erhoben, auch die Finanzminister müßten über ihre Staatsbudgets (und auch Strukturreformen) zur Konjunkturstimulierung beitragen, die Notenbank allein könne dies nicht. Nun hat die EZB eine (letzte?) Vorleistung erbracht – von den EU-Finanzministern hört man jedoch nichts. Investitionsprogramme, vor allem in die notwendige Infrastruktur, könnten Abhilfe schaffen, finanziert entweder durch die Europäische Investitionsbank (die dazu eine weitere Kapitalerhöhung benötigen würde), oder durch eine Lockerung der stringenten Budgetregeln und ein (temporäres) Abgehen von der monomanischen Budgetkonsolidierungspolitik.

Ich weiß schon, die europäischen Staatsschuldenquoten sind mit über 100% des BIP zu hoch, die Verschuldensgrade der privaten Haushalte strangulierend: aber die hohen Schulden werden nicht sinken, wenn nicht Wirtschaftswachstum und Einkommenswachstum zunehmen: dem, der nichts hat, kann man nicht in die Tasche greifen.

ABS, Zinsensenkung, teurere Übernachteinlagen und weitere Liquidität sind zumindest weitere Signale an die Wirtschaftspolitik und die Unternehmen und den Finanzsektor, daß es EZB-Unterstützung von bisher unvorstellbarem Ausmaß für Wirtschaftsbelebung gibt. Aber sie allein generieren keine Nachfrage. Diese muß – bei gegebener Zurückhaltung von Unternehmen und Privaten – derzeit vom Staat kommen. Die europäischen Finanzminister sollten sich am Mut der EZB und des neuen Kommissionpräsidenten Juncker (der ein 300 Milliarden Euro-Investitionsprogramm gefordert hat) ein Beispiel nehmen und sich das Konsolidierungsbrett vor ihrem Kopf selbst abnehmen. Das Schicksal von 500 Millionen Menschen hängt an einer deutlichen Konjunkturbelebung!

(Ad personam: Für alte Mitglieder des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung bedeutet ABS etwas ganz anderes: 1972 haben die drei Industriereferenten (aka “Industriezwerge”), Karl Aiginger, Kurt Bayer und Winfried Schenk ein WIFO-Mitbestimmungsmodell (ABS-Modell) entworfen, welches von der Belegschaft gewählten Vertretern (selektiven) Zugang zu den Sitzungen des Leitungsgremiums eröffnen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte……..).

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2 Comments

Filed under Crisis Response, European Union, Financial Market Regulation, Fiscal Policy, Global Governance

2 responses to “ABS – das neue Unwort des Jahres 2014?

  1. Welche Rolle spielen die Rating-Agenturen eigentlich? ABS Bündel mit sehr unterschiedlicher Bonität insgesamt als Bündel hoher Bonität zu bewerten, klingt nach krimineller Handlung. Wer zahlt die Rating Agenturen?
    Und die Banken bekommen von der EZB Stützungskäufe, und geben das Geld trotzdem nicht an die Realwirtschaft, nicht zuletzt den Mittelstand, weiter, sondern zocken damit. Auch das klingt zumindest schmutzig.
    Un dazu noch TTIP und Cast. Ich sehe die europäischen Länder immer mehr in Geiselhaft des Finanzkapitals kommen, vor allem des US-Amerikanischen.

    • kurtbayer

      Ja, die Rolle der Ratingagenturen ist äußerst dubios. Dem Papier nach sollten sie objektive Bewertungen abgeben, da sie aber einerseits von jenen bezahlt werden, die sie bewerten, andererseits selbst auch nicht nur evaluieren, sondern handeltn, sind sie in einem eklatanten Interessenkonflikt. Und darüber hinaus maßen sie sich seit einigen jahren an, nicht nur Kommerzpapiere zu bewerten, son dern auch Staaten: das ist vollkommen irrational, wie etwa die Bewertungen von Griechenland vor der Krise (spread zu Deutschland 35 Basispunkte), während der Krise (spread bis zu 3.500 BP) und nach der Krise (jetzt ca. 450 BP) zeigt.
      Meine alte Leier: die ökonomische und Lobbymacht des Finanzsektors hat massiv zugenommen (revolving door, Relation Finanztransaktionen zu BIP weltweit etwa Faktor 15 1990, Faktor 75 2013, Verurteilungen aller großen Banken in den USA zu Vergelcihssummen von ca. 200 Mrd $ in den letzten beiden Jahren für alle nur erdenklichen Missetaten, Beeinflussung und damit Verwässerung vieler Regulierungsanstrengungen durch Finanzsektor – die Liste ließe sich endlos fortsetzen). Das Finanzkapital ist international, nicht nur amerikanisch, Chinesen halten fast 1/3 der amerikanischen Staatsanleihen, die USA sind mit UK halt der größte nd liquideste Markt, daher deren Dominanz. Viel wandert derzeit nach Singapur und Hongkong ab, beides Regulierungs- und Steueroasen (neben vielen kleinen v.a. britischen Commonwealth Mitgliedern).

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