Ist Andorra das Dubai der Pyrenäen?


Der Vergleich mag absurd klingen, aber so wie in Dubai eine Glas/Betonpalaststadt in die Wüste und ins Meer geklotzt wurde, wurde die Schluchten- und Gebirgslandschaft Andorras zu weiten Teilen mit durch Steinschlag- und Lawinenverbauungen gigantischen Ausmaßes geschützten Hotel- und Appartmentburgen verschandelt – eine Groteske der Moderne, des Tourismus und der Einkaufsgier. 900 Hotels mit über 30.000 Betten, dazu noch einmal mindestens so viele in Eigentums- und Mietappartments, bei 80.000 Einwohnern (davon nur etwa ein Drittel indigene Andorraner) in engsten Schluchten die Berghänge hinaufgebaut, ein Straßennetz, dessen Kleeblattabfahrten an jene in Los Angeles erinnern zeigen, wohin Tourismus heutzutage pervertiert. 8 Millionen Übernachtungen, hauptsächlich von Tagestouristen, die im Sommer zum Shoppen kommen, im Winter auch schifahren, werden durch die Abwesenheit von persönlichen Einkommensteuern, eine nur 4-prozentige Mehrwertsteuer, das fast vollständige Fehlen von Alkohol- und Tabaksteuern und seit neuestem eine 5% Körperschaftsteuer in diese Hotelabsurdität gekarrt – und haben aus einem bettelarmen Gebirgs-Dorf-Gegend mit gegenüber vor 40 Jahren verzehnfachter Einwohnerzahl ein reiches Land gemacht, zumindest gemessen am pro-Kopf-Einkommen von etwa 35.000 Euro. Wie dieser Reichtum verteilt ist, ist (mir) unbekannt. Fakt ist jedoch, daß ein Großteil der Dienstleister (die 90% des BIP erbringen) Ausländer, vielfach aus wenig entwickelten Ländern, aber hauptsächlich aus den Nachbarländern Spanien und Frankreich sind.

Andorra ist kein EU-Mitglied, hat jedoch den Euro eingeführt. Eigene andorranische Euromünzen werden seit 1.1.2014 geprägt. Es gibt zwar ein eigenes Parlament, doch sind die nominellen Staatsoberhäupter (gemeinsam) der Bischof des spanischesn Urgell und der Staatspräsident von Frankreich, die jeweils von einem “Vizefürsten” im Land vertreten sind und auch vom Parlament beschlossene Gesetze beeinspruchen können (dürfte allerdings nur sehr selten vorkommen). Die Straßen der Hauptstadt Andorra La Vella (20.000 Einwohner) sind eine einzige Duty-Free-Shoppingmeile, durchsetzt von Restaurants mit jeweiliger Bedienung, deren Charmeintensität aus der Ex-Sovietunion stammen könnte. Die Speisekarten sind übrigens auch in Russisch ausgeführt, allerdings befürchtet man, daß für den heurigen Winter diese Klientel eher ausbleiben wird. Dazu gibt es noch – offenbar aus London abgeschaut – eine Therme der Superlative, die an das “Shard”-Gebäude bei London Bridge erinnert, sowie ein Riesenrad, das nicht an das gute alte Wien, sondern an das Londoner “Eye” gemahnt, sehr passend.

Im heurigen Spätsommer standen wie üblich die meisten Hotels und Apartmenhäuser leer, nur wenige Touristen trieben sich – mit Ausnahme der Wochenend-Shopping-Aficionados – in den Straßen herum.

Mich hat eine Wanderwoche in die Süd-Pyrenäen gezogen. Als Wandergebiet ist Andorra wunderschön (wenn man einmal die Hotelburgen hinter sich gelassen hat). Die Granitberge erreichen fast 3.000 Meter, es gibt viele wunderschöne, gut markierte Wanderwege, Bergseen, teil-bewirtschaftete Almen und grandiose Aussichten. Mitglieder unserer Wandergruppe mit Statistikneigung haben errechnet, daß wir in 6 Tagen mehr als 6.000 Höhenmeter (aufwärts!!) bewältigt haben, in Tagestouren von 5 bis 10 Stunden, bei teilweise traumhaften Frühherbstwetter. Die vielen Laubbäume haben Ende September gerade begonnen, sich zu verfärben, Pinien und vor allem viele Tannen, aber auch Latschen wachsen bis in Höhen von 2.200 Metern. Bei Schönwetter sieht man von den vielen Gipfeln die gesamte Ausdehnung der Pyrenäen in alle 4 Himmelsrichtungen, Gipfel hinter Gipfel. Zwei separate australische (!) Wanderpaare, die uns begegneten, durchqueren die Pyrenäen vom Atlantik bis zum Mittelmeer in etwa 2-3 Wochen, das eine Paar war gar 6 Wochen unterwegs, zusätzlich auch von Nord nach Süd. Auf den Weitwanderwegen gibt es aus alten Hirtenunterkünften umgebaute einfachste Selbstversorger-Steinhäuser mit rohem Tisch, Feuerstelle, Eisenstockbetten (ohne Matratzen), die bei Schlechtwetter und Kälte (teilweise hatte es in den Nächten 0 Grad, tagsüber 25 Grad) schützen. Außer weidenden Kühen und Stieren, einigen Pferden und Schafen waren kaum Tiere zu sehen, einige Murmeltiere pfiffen durch die Herbstlandschaft und über einigen Gipfeln kreisten – angesichts unserer Aufstiegsschwächen bereits hoffend? – riesige Geier.

Die Rückkehr in die Bettenburgenlandschaft (man muß sich das wie die Schistationen in Frankreich, nur in noch steilerer und unwirtlicherer Lage vorstellen), war jedes Mal ein kleiner Schock, das Hintersichlassen am nächsten Morgen wieder eine Erholung. Schlafen bei offenem Fenster erinnerte lärmmäßig und olfaktorisch an den Wiener Gürtel.

Trotz der Absurdität des modernen Tourismus, der mit unglaublicher Brutalität die prekäre Berglanschaft verunstaltet, trotz des Status als Steueroase mit ihren Auswüchsen, war diese Reise, die durch 2 Tage Barcelona und den Gipfelsturm auf den Montserrat noch gekrönt wurde, ein durchaus faszinirendes, positives Erlebnis. Dennoch: caveat emptor!

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5 Comments

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5 responses to “Ist Andorra das Dubai der Pyrenäen?

  1. Kurt Blau

    Hotel- und Appartmentburgen empfinde ich gerade in den Bergen, besser noch im Hochgebirge, als eine majestätische Inkarnation menschlichen Schaffens. New York im Gebirge müsste wunderbar sein. Und: noch nicht verbaute Natur gibt es eh zuhauf … am Wiener Gürtel wandert eh (fast) keiner. Auch wenn die Luft am Gürtel allemal noch besser ist als in so vielen Kaffs, wo dir der Hausbrand die Luft raubt.

  2. Der Abschnitt am Ende ab “Wanderwoche” hätte doch gereicht. Ich wohne seit 12 Jahren in Andorra city. Etwas Schlimmeres gibt es laut diesem Bericht wahrscheinlich dann nicht. Aber ich lebe hier sehr gerne, weil Andorra eben doch anders ist, völlig anders als es der Artikel glauben machen könnte. Es sind einmal die Menschen, die aus x Nationen hier arbeiten und leben im “Global-Village”. Es sind die Andos (diejenigen mit “Wahlrecht”), die die Gestaltung ihres Landes in der Summe ganz passabel machen. Das liegt daran, dass irgendwelche Misstände blitzschnell beseitigt werden, und die Entscheider mehrheitlich aus bäuerlichen Familien stammen. Oder aus Ex Schmuggler-Clans was dann wiederum sehr spannend sein kann.

    Wenns ums Eingemachte geht kann ich als 70+ Mensch Andorra nur empfehlen. Es dauert so 5 Jahre Andorra.

    Lutz Meyer

    • kurtbayer

      Mein Bericht ist ja keine objektive Analyse, sondern ein subjektiver Bericht über eine dort verbrachte Wanderwoche. Ich maße mir nicht an, viel über Andorra zu wissen, geschweige denn mich mit einem dort Wohnenden konkurrenzieren zu wollen. Also: genießen Sie ihren weiteren Andorra-Aufenthalt, machen Sie Propaganda dafür, soweit Sie können, aber lassen Sie mir meine Eindrücke.

  3. Pingback: Wandern in Andorra - Trekkingreise Herbst 2014

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