Kultur im Herbst in Wien und anderswo


Musik

Die Wiener Kammeroper, der Nachwuchs-Ableger des Theaters an der Wien zeigte eine hochinteressante Eugen Onegin Aufführung, sinnvoll gekürzt und äußerst ideenreich inszeniert, mit tollen Sängerleistungen. Am sängerisch und darstellerisch beeindruckendsten war für mich Olga, die ihren Part bravourös und mit großer Grazie meisterte, während die Protagonistin Tatjana zwar viele sehr schöne Szenen hatte, aber doch etwas blaß blieb – allerdings dann die starke Frau, die nicht ihrer Leidenschaft, sondern ihrer Pflicht, aber auch ihrem sehr gesettelten Leben – und vielleicht doch auch ihrer Rache an Onegin nachkommt. Dieser orgelte in bester russischer Baßmanier dahin, agierte zwar steif (lag dies am Stehkragen, der zu viel gestärkt war?) und war mit Lejski, der in den Höhen metallisch und dramatisch sich in seinen Dichterwahn steigerte, ein kongeniales Männerpaar. Ob Tschajkovski seine Oper wirklich als Frauenstück mit etwas lächerlichen Männern geplant hat, oder dies nur an der Inszenierung lag, kann ich als Onegin zum ersten Mal Hörender, nicht wirklich entscheiden.

Eine geniale Iszenierungsidee war die permanente Anwesenheit eines (heutig gewandeten) älteren Mannes auf der Bühne, der pantomimisch das Geschehen auf der Bühne begleitete, nie eingriff, aber offenbar von Anfang an weiß, wie das Ganze ausgeht. Auf der einen Seite wirkte er wie ein Schutzengel, auf der anderen wie ein guter Onkel, der sich an den sich entwickelnden Liebesgeschichten erfreut, aber genau weiß, daß sie bitter enden.

Ein (wiederkehrendes) Problem der Kammeroper ist die Ungleichgewichtigkeit der Lautstärken von Orchester und SängerInnen, zugunsten letzterer. Das kleine Kammerorchester im Graben wird von den Stimmen, die eher für das große Haus ausgerichtet sind, so stark übertönt, daß es vielfach kaum hörbar ist. Dennoch: insgesamt ein wirklich erfreulicher Opernabend in restlos ausverkauftem Haus.

Eine wunderschöne Ariadne auf Naxos folgte in der Staatsoper unter der Leitung von Christian Thielemann. Regisseur Bechtolf entschloß sich zu einer sehr einfachen, aber sehr wirksamen Inszenierung, die von toller Lichtregie begleitet war.

Sophie Koch war hervorragend als Komponist, obwohl sie ihre anfängliche Verzweiflung über die Anmutung, die Komödianten in ihre Oper einzubauen, noch besser darstellen könnte. Aber, worauf es hauptsächlich ankommt, stimmlich war sie wunderbar. Desgleichen Daniela Fally als Zerbinetta, die auch darstellerisch überzeugte, ihre Koloraturen Fiakermilli-gleich hinauf- und hinunterjubelte und ihre komplizierte Seelenlandschaft wunderbar offenlegte. Soile Isokoski als Ariadne steigerte sich fulminant, bei etwas schwächerem Beginn, Regisseur Bechtolf hätte ihr vielleicht etwas glaubwürdigere Posen als ewig Trauernde beibringen können. Fast nicht anzusehen und anfangs auch stimmlich wenig überzeugend Johan Botha als Bacchus, der jedoch stimmlich zu großer Form auflief und im „Liebesduett“ gemeinsam mit Ariadne wunderschön berührend war, ich fühlte mich an Tristan und Isolde erinnert.

Auch die kleineren Rollen waren exzellent besetzt, das klein besetzte Staatsopernorchester brachte unter seinem, von ihm und vom Publikum stark akklamierten Dirigenten Thielemann wunderschön diese komplexe Oper zum Schwingen. Lange gab es in der Staatsoper einen so intensiven Applaus mehr. Die Freude des Publikums, daß nach den Absagen von Welser-Möst und Billy doch noch Spitzenleistungen möglich sind, war ungetrübt.

Eine sehr interessante Tannhäuserinszenierung an der Staatsoper brachte vor allem musikalisch, sowohl von Dirigent (Peter Schneider), Orchester und Chor (Bratislava), wie auch von den Sängern Spitzenleistungen. So abstrus die Geschichte des (schwachen) Mannes Tannhäuser zwischen Sinnenlust und „reiner“ Liebe ist, brachte die Inszenierung von Claus Guth (in den Medien als „psychoanalytisch“ bezeichnet), die in Kostümen aus der Wagnerzeit den Konflikt teilweise als Traum- und Realitätsvermischung, oder als inneren Konflikt darstellt, den Kern der Sache auf den Punkt: Mann ist schwach, Fleischeslust dominiert – aber der Opfertod der reinen Geliebten und der liebe Gott verzeihen alles – auch wenn der Papst gegenteiliger Meinung ist. Stephen Gould mußte kurzfristig für Robert Dean Smith einspringen – und brachte sowohl stimmlich als auch darstellerisch (obwohl er sich hier hüten muß, in Bothas Form zu steigen) die angesprochenen Konflikte bravourös zum Klingen: sowohl in den oberen Lagen als auch in den tiefen bleib kaum ein Wunsch offen. Sein Applaus war entsprechend. Noch mehr Applaus bekam zu Recht der als Schubert ausstaffierte Christian Gerhaher als Wolfram, dem man die Liedkultur, aus der er kommt, äußerst positiv anmerkte. Auch die anderen Männer fielen kaum ab. Der darstellerische Trick Guths, Venus und Elisabeth (fast) gleich aussehen zu lassen (beide rothaarig mit gleicher Frisur, das Kleid nur im Farbton unterschieden) machen den Konflikt Tannhäusers, in der Frau an sich beide Seiten zu sehen, glaubhaft. Irene Theorin als Venus war im ersten Akt schrill, im dritten dann wunderschön, Camilla Nylund als Elisabeth durchwegs überragend in ihrer Sehnsucht und Reinheit als „reine Jungfrau“, die bis zum bitteren Ende (sie nimmt Schlaftabletten oder Gift) an die Erlösung ihres Heinrich glaubt. Ein sehr eindrucksvoller Abend, der durch Schneiders Dirigat den Sängern viel Raum gab, aber in den Ouverturen zum ersten und dritten Akt mit extra-langsamen Tempi dem Orchester seinen dominanten Platz zuwies.

In einem als „Konzert zum Österreichischen Nationalfeiertag“ apostrophierten Auftritt der Wiener Symphoniker im Goldenen Saal des Musikvereins am 25. Oktober kam die österreichische Bundeshymne mehrfach zu Gehör: zuerst als Einleitung (das Publikum war weitgehend verblüfft und brachte sich nur mit Mühe von den Sitzen hoch), dann in einer „Land“ für Orchester betitelten Paraphrase von Gerald Resch, der wie Jimi Hendrix die U.S.-amerikanische, aber subtiler, die österreichische Hymne umspielte – interessant.

Der Hit aber war (zum österreichischen Staatsfeiertag, notabene!) Bedrich Smetanas symphonische Dichtung „Ma Vlast“ – mein Vaterland – mit allen ihren sechs Teilen, von Vhsegrad über die Moldau bis zu über Flur und Augen. Jakob Hrusa dirigierte fulminant die sich offenbar in ihrem Element befindlichen Symphoniker, die sich mit Verve und Lautstärke in die dramatischen Spitzen des Werkes warfen, aber auch zartest die Wellenbewegungen der Moldau und Waldesrauschen und andere Subtilitäten nachzeichneten. Ein Griff ins Volle! Ein Lob auch der Programmierung der Symphoniker, die den Staatsfeiertag nicht zum verklemmten Patriotismusbekenntnis „Wir Österreicher sind wir!“ mißbrauchten.

Interessant auch eine Aufführung von Friedrich Cerhas „Onkel Präsident“ in der Wiener Volksoper, eine musikalische Komödie oder Farce, die in etwas anderem Rahmen eine Liza Doolittle-Geschichte erzählt, in der ein Fahrradbote zum gräflichen Generaldirektor einer Firma hergerichtet wird, um die Eltern seiner amerikanischen Braut, die anreisen, um ihre vom „Onkel Präsident“, bei dem ihre Tochter wohnt, gemanagten Firmen zu besuchen. Die Karrierespielchen des Onkels, der mit Geld alles und jeden umdreht sind von witzigen Einfällen und einer Rahmenhandlung geprägt, in der der Onkel einen Komponisten zuerst bedrängt, eine Oper zu schreiben, letztlich aber ohne Erfolg davon abrät, da nach „Falstaff“ keine Oper mehr geschrieben werden könnte. Ein exzellentes, lautes Bühnenbild, überzeichnete Charaktere aus dem Managmentmilieu, viel Action und gute Sängerinnen und Sänger lassen fast die Orchestermusik Cerhas untergehen. Sie ist zwar variantenreich, doch bleibt letztlich nur wenig hängen. Eher ein sehr kompetent gemachter und inszenierter Spaß als eine wirkliche komische Oper.

Malerei

In London hat es nicht zu einem Opernbesuch gereicht, doch zu zwei Galeriebesuchen. Richard D. Tuttle hat eine Riesen-Textilinstallation in der Turbinenhalle der Tate Modern aufgehängt, die mich allerdings ebenso ratlos ließ wie seine Miniaturen in der Whitechapel-Galerie. Dort versieht er zwar jede seiner Arbeiten mit Texten, die aber für den Nicht-Eingeweihten kryptisch bleiben. Ganz witzig sind ganz einfache gebogen Drahtkonstellationen, die er zuerst mit Bleistift an der weißen Wand, an der sie aufgenagelt sind, nachzieht, dann losläßt und diese sich neu verwinden und durch eine Lichtquelle ihren Schatten an die Wand werfen, wo sie mit den ursprünglichen Bleistiftzeichnungen harmonieren oder diese konterkarieren. Daß er Textilien damit eine neue Bedeutung gibt – wie der Ausstellungstext und die Annoncen anpreisen – bleib mir verborgen.

Grandios hingegen die Sonderausstellung der Tate Modern, die Kazimir Malevichs Lebenswerk gewidmet war. Mir waren nur die konstruktivistischen, in seiner Diktion „suprematistischen“ Malereien bekannt. Die sehr instruktiv beschrieben Ausstellung beginnt mit traditionellen Porträts, mit von Pointillisten und Impressionisten inspirierten Landschaftsbildern, aus denen er sich jedoch zunehmend mit Manifesten, die die Trennung der Kunst von der Natur und von der Logik und Rationalität propagieren, löst. Wege dahin sind Kubismus und dann endlich seine in verschiedenen Künstlergruppierungen ausgelebten suprematistischen Malereien, mit denen er auch einen eigenständigen russischen Stil kreiert. Auch ein Opernprojekt mit Dada-ähnlicher Ausprägung und von M. geschaffenen Kostümen spielt da eine wichtige Rolle. Mit dem Tod Lenins und dem Aufstieg Stalins bekommt M. Schwierigkeiten, da er die offizielle Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus nicht nachvollziehen will, aber auch dem Stalinschen Industrialisierungswahn durch Hervorhebung des bäuerlichen Lebens entgegentritt. Ganz erstaunlich ist die malerische Wandlung in den späten 20er Jahren, als er nach einer Reise nach Deutschland und Paris der Spionage verdächtigt wird, sich dann eine zeitlang aus der aktiven Malerei zurückzieht und Malerei lehrt, und dann in seinen letzten Lebensjahren plötzlich wieder figurale Porträts malt, die in der Pose stark an italienische Renaissancebilder erinnern und von hervorragender Ausdrucksstärke sind. 1935 stirbt er an Krebs, nachdem er Zeit seines Lebens die russische Malerei in immer weitere Entwicklungen vorangetrieben hatte.

Literatur

Abschließend noch drei kurze Buchbesprechungen. Zuerst der enttäuschende Roman von Gerhard Roth „Grundrisse eines Rätsels“, von der Kritik als postmoderner Roman hochgelobt. Roth mixt wieder einmal verschiedene Bewußtseins- und Zeitebenen, Kriminalromanelemente, Kunstmilieu und weststeirisches Lokalkolorit zu einem unübersichtlichen und wenig überzeugenden Gemisch, das irgendwie stark an der Oberfläche bleibt, trotz der eingewobenen Ereignisse, die geheimnisvoll sein sollen. Ich blieb ratlos zurück.

Ärgerlich war Sabine M. Grubers „Chorprobe“ – nicht von Sabine Gruber aus Südtirol. Eine Geschichte über einen äußerst tyrannischen Chorleiter, der seine Choristinnen und Sänger bedroht, einschüchtert und finanziell abhängig macht, eine Altistinnen und Sopranistinnen ins Bett bringt, Chorproben absagt, wieder ansetzt und alle Eigenschaften, die einen guten Chorleiter ausmachen, vermissen läßt. Wie ein solcher Chor professionell auf der ganzen Welt auftreten und reussieren kann, ist ein Rätsel. Ärgerlicher aber ist die eingebettete Liebesgeschichte der Protagonisten „Cinderella“ (Anspielung!!) mit ihrem Emil, die vor Kitsch und Courths-Mahler Affinität trieft. Am ärgerlichsten aber die mangelnde literarische Qualität der Erzählerin. Das Ganze: eine Zeitverschwendung.

Fulminant hingegen – und tief berührend – Richard Flanagans „The Narrow Road to the Deep North“, das den heurigen Man Booker Preis (höchste literarische Auszeichnung Großbritanniens) gewonnen hat. Flanagan beschreibt die Geschichte australischer Kriegsgefangener durch Japan und deren Sklavenarbeit beim Bau des Wahnsinnsprojekts der Siam-Burma Eisenbahnlinie, wodurch Japan hoffte, Indien angreifen und sich einverleiben zu können. Die unsäglichen Strapazen der Australier, ihre Entmenschlichung durch die japanische Mentalität, die einerseits das Akzeptieren der Gefangenschaft (statt Tod) als unehrenhaft empfand, sowie die Gefangenen nicht als Menschen sah, sondern nur als Instrumente des kaiserlichen Projekts, das ohne wenn und aber fertigzustellen war, erinnert an die KZ-Geschichten vieler Autoren: Verhungern, totale Erschöpfung, Ungeziefer, Gangräne, kein Essen und keine Medikamente: diese Menschen waren nur durch Aufeinander-Angewiesensein zum Überleben fähig, allerdings starben 2/3 an den Entbehrungen. Flanagan erzählt dies unsentimental und wird besonders bestechend in der Beschreibung der Nachkriegsleben der Überlebenden, von denen keiner mehr ein „normales“ Leben führen kann, da ihn die dauernde Nähe des Todes und die unmenschliche Arbeit für immer verändert haben. Flanagan erzählt all dies unsentimental, gibt aber der Verzweiflung der Menschen berührenden Ausdruck. Es gibt keine Helden, anders als in der „Brücke am Kwai“, die von derselben Eisenbahnlinie erzählt. Dieses Buch ist absolut empfehlenswert.

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