Aufschrei der Wiener Studierenden nach mehr Pluralität in der Ökonomie


Bei einer von diversen Ökonomie-Studentengruppen auf der WU am 29.10.2014 veranstalteten Diskussion über “Relevanz, Realität, Modelle. Was braucht die Ökonomie?” waren zwei Hörsäle brechend voll. Am Podium saßen Jakob Kapeller (Uni Linz), Peter Mooslechner (OeNB), Elisabeth Hagen (wiiw), Ingrid Kubin (Dekanin WU) und Alejandro Cunat (Uni Wien). M. Rehn moderierte.

Kapeller, Mooslechner und Hagen beklagten die Dominanz des ökonomischen Mainstream in Lehre und Forschung, sowie die mangelnden empirischen und politökonomischen Kenntnisse von österreichischen und internationalen Ökonomie-Absolventen. Der unterrichtete Mainstream beruhe auf einem Paradigma, welches auch die Krise hervorgebracht hätte – und letztlich die Krise unbeschadet überstanden hätte. Alle drei meinten, daß Studierende viel mehr Diversität der Methoden, Kenntnisse der Geschichte ökonomischen Denkens und Anwendbarkeit der Ökonomie zur Lösung realer Probleme benötigten, um ihr Wissen der Gesellschaft nutzbar machen zu können. Mooslechner meinte zusätzlich, daß der Mainstream, aber auch die Politik derzeit die Illusion hegten, die Vor-Krisen-Verhältnisse wieder herstellen zu können – was unmöglich sei.

Die UniversitätslehrerIn Kubin und Cunat argumentierten, daß sowohl der Mainstream deutlich diverser wäre als dargestellt, daß Neoklassik nur eine der gelehrten Theorien wäre, daß empirisches Arbeiten sehr wohl gelehrt würde, und, dies betrifft Kubin, daß der Ökonomiebereich der WU sehr vielen Ansätzen Platz gäbe. Sie meinte allerdings erstaunlicherweise, daß Ökonomie nicht geeignet wäre, die Wirtschaftspolitik zu beraten, da es in der Sozialwissenschaft keine eindeutigen Lösungen, immer einerseits-andererseits-Abwägungen gäbe, und zweitens, daß die WU-Lehre nicht das “on-the-job-training” konkreter Berufe vorwegnehmen könne. In zwei Runden zeigten sich starke Unterschiede über die Berechtigung und Dringlichkeit der Studentenforderungen zwischen Kapeller, Mooslechner, Hagen, einerseits und Kubin und Cunat andererseits. Cunat zitierte eine Reihe von “Mainstream-dissidenten” Artikeln in wichtigen Journals , worauf Kapeller antwortete, daß es nicht auf einzelne Artikel, sondern die dominante, herrschende Meinung ankomme – und die sei eindimensional, wie nicht nur viele internationale Studentengruppen, sondern auch prominente Ökonomen wie Krugmann und Stiglitz und einige andere moniert haben. Dabei geht es bei diesen Initiativen ja nur um eine stärkere Verbreitung keynesianisch oder kaleckianischen Gedankenguts, und noch nicht um viel breitere Ansätze “radikalen” Denkens, bis auch hin zum Marximus. (Ich erinnere mich gut, daß zur Zeit meines Ph.D. Studiums in den USA 1967-71 ein viel breiteres Spektrum sogar an U.S.-Universitäten vertreten war). Die wichtigsten Journals, die auch die Karrierepfade akademischer Ökonomen determinierten, seien eindimensional weit weg von Ansätzen zur Lösung realer Probleme. In ihrer Verteidigung der WU-Lehraktivitäten vergaß Kubin, darauf hinzuweisen, daß dort Kurse über Wirtschaftspolitik vor kurzem eingestellt wurden.

In der Publikumsdiskussion wurde von der Moderatorin explizit Frauen und Jungen der Vorrang gegeben, wodurch ich als alter Mann keinen Beitrag leisten konnte. Ich hätte argumentiert, daß der Zustand der europäischen Wirtschaft katastrophal sei, daß die ihn beeinflussende Wirtschaftspolitik gegenproduktiv und eindimensional auf Budgetkonsolidierung ausgerichtet sei – und dieser Zustand die Forderungen der Studierenden mehr als legitimiere. Es sei erstaunlich, daß diese Situation die Uni-Lehrenden nicht zu viel mehr wirtschaftpolitischer Ausrichtung und Pluralität der Lehre veranlaßt hätte, mit dem Ziel, die wirtschaftspolitische Beratung von Regierung, Nationalbank, Interessenverbänden durch Ökonomie-AbsolventInnen zu verbessern – und damit auf die europäische Wirtschaftspolitik effektiv einzuwirken.

Insgesamt zeigte diese Veranstaltung, daß das Interesse der Studierenden, unterschiedliche ökonomische Ansätze kennenzulernen und der Eindimensionalität der herrschenden Wirtschaftspolitik kompetent entgegentreten zu können, groß ist. Schade ist, daß die Universitätslehrer eher defensive agierten, anstatt die Herausforderungen, die die seit 8 Jahren grassierende Krise auch an Lehre und Forschung stellt, aktiv aufzugreifen. Der einleitende Rektor der WU plädierte auch für Pluralität, konnte jedoch an der Diskussion aus Zeitmangel nicht teilnehmen.

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5 Comments

Filed under Crisis Response, European Union, Financial Market Regulation, Fiscal Policy, Global Governance, Socio-Economic Development

5 responses to “Aufschrei der Wiener Studierenden nach mehr Pluralität in der Ökonomie

  1. Guter – zur weiteren Berichterstattung – ergänzender Beitrag. Das mit der Wirtschaftspolitik ist auch in Deutschland zu beobachten, siehe den “neuen” (bzw. Kölner) sog. “Methodenstreit”, hinter dem sich der Konflikt Ordoliberale vs. mathematische Ökonomik verbarg.
    Ich denke, ein Kernproblem ist – neben der Dominanz sich abwechselnder Denkkollektive (Neoklassik, Keynes, Neoklassische Synthese usw.) – der Mangel an ideengeschichtlichen Grundlagen. Das fehlt nicht nur in der ökonomischen Ausbildung, sondern dürfte schon erste Spuren im Lehrpersonal hinterlassen. Nirgendwo sonst aber hätte die Vorstellung des breiten Spektrums ökonomischen Denkens einen angemessenen Platz. Wer die Geschichte des ökonomischen Denkens (auch die jüngere) nicht kennt, wird auch keine Alternativen benennen können. Tja, dumm nur, dass das Fach eher unter “Schöngeistigkeit” verbucht wird, mit dem noch nicht mal ein Blumentopf zu gewinnen ist.

    • kurtbayer

      Das sehe ich genau so, Ideengeschichte, oder “Dogmengeschichte” wie das früher hieß, ist aus den meisten Lehrplänen verschwunden. Gerade das hätte aber – in Verbindung mit den damals existierenden realen Umständen – die Fähigkeit, anderes Denken kennenzulernen und die alternativlose Nachbetung der Neoklassik (in all ihren Varianten) zu verhindern.

  2. Pingback: Webtipps der Woche, 5. November 2014 - Arbeit&Wirtschaft

  3. HASCHKA, Veronika

    Danke für den tollen Bericht!
    Und schade, dass du nur argumentiert hättest und nicht hast!
    LG
    Veronika

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