Interessant ist nicht immer gleich gut.


(Oper und Theater in Wien im Herbst 2014)

Die unmögliche Aufgabe, Mussorgskis “Chowanschtschina” zu inszenieren

Diese Oper (1896 uraufgeführt) hatte schon eine lange Geschichte, da sie von Muusorgski (wie sein Boris Godunow) nicht fertiggestellt wurde. Instrumentierungen stammen von Rimsky-Korsakoff, eine neuere von Ravel und Strawinsky und eine ganz neue von Schostakowitsch. Die Handlung ist äußerst verwirrend, es geht um Machtkämpfe im Rußland des 17. Jahrhunderts, die mit Religionskriegen verwoben sind, um Verschwörungen (tatsächliche und vermeintliche), um Liebe und Tod. Die Geschichte ist zu verwirrend, um hier dargestellt werden zu können.

Das Herausragende an dieser Oper sind die Chöre, die mehr Platz einnehmen als in jeder anderen von mir jemals gehörten Oper. Russisches Volk, “Altgläubige”, Soldaten unterschiedlichster Loyalität tragen das Rückgrat der Oper, musikalisch greifen Dirigent Semyon Bychkov mit den Chorleitern ins Volle. Bychkov versteht es meisterhaft den Staatsopernchor, den Slowakischer Philharmonischen Chor und den Kinderchor der Staatsoper eindrucksvoll mit Orchestermusik in Lautstärken zu bringen, die bis zu Ohrenschmerzen gehen, dann aber das Orchester wieder so zurückzunehmen, daß die einzelnen Sänger vomm zum Tragen kommen. Eine dirigentische und Orchester-Glanzleistung.

Die Sänger und –innen, allen voran Ferruccio Furlanetto als Iwan Chowanski und Elene Maximova als Marfa, aber auch Christopher Ventris, Herbert Lippert, Andrzej Dobber, Ain Anger, Norbert Ernst und Carline Wenborne, sowie die weniger prominenten Charaktere, singen auf Spitzenniveau: die Bässe orgeln russisch, die Tenöre singen metallisch klar, die Frauen sowohl in den Höhen als auch Tiefen, im Forte wie im pianissimo (da gibt es nur eine Stelle der Marfa im letzten Akt!) hervorragend. Sie sind jedoch zu bemitleiden, da sie eine vollkommen verworrene Story glaubhaft darstellen müssen, die Sandkisten-Hahnenkämpfe der Fürsten, die wie zerstrittene Ehepartner einander vergangene vermeintliche Demütigungen vorwerfen, die verschiedenen Rollen der Frauen, wo vor allem Marfa als innig Liebende, als Verschmähte, als Wahrsagerin und als Religiöse inhaltlich und sängerisch wahre Drahtseilakte zu vollbringen hat. Gut kommen nur die Chöre weg, die immer aus dem Vollen schmettern dürfen.

Wie inszeniert man so etwas Verworrenes? Vielleicht ist die Idee von Lev Dodin, alles stationär auf Plattformen und Käfigen darstellen zu lassen, interessant, aber das unentwegte Auf- und Ab der Plattformen, die offenbar manchmal durch ihre Höhen zueinander auch Hierarchien oder Argumente darstellen sollen, das unentwegte Erscheinen durch Emporgehobenwerden von unten von Personen, die dann nur halb das Licht der Sonne erblicken, halb unter der Erde stecken, trägt zu einer permanenten Unruhe bei. Es hilft auch nicht, daß alles düster ist, daß das Gestänge der Plattformen (Käfige???) aus grauschwarzen Metallspitzen besteht und die Kleidung der Sängerinnen und Sänger prinzipiell dunkel ist – nur bei der Liebsszene des religiösen Eiferers Dossifei (Ain Anger) mit Marfa (das scheint eine Erfindung des Regisseurs zu sein) und dann bei der Selbstverbrennung des altreligiösen Volkes sind alle in weißer Unterwäsche zu sehen. Vollkommen lächerlich ist der “Tanz der persischen Mädchen”, der wohl darauf angelegt ist, voll verschleierte Frauen durch Zeigen eines nackten Beines und des Emporstreckens ihrer nackten Hinterteile a la CanCan als erotisch erscheinen zu lassen – absolut peinlich. Ein ordentlicher Bauchtanz hätte dieses Ziel weniger kindisch erreichen lassen. Und: warum dann diese Mädchen, gemeinsam mit Iwan Chowanski sterben müssen, bleibt auch dahingestellt.

Als Fazit bleibt: diese überlange Oper könnte Streichungen vertragen, sie einmal gehört zu haben, ist wichtig, aber diese Erfahrung lädt nicht zu einem Wiedersehen ein. Und: eine weniger vertikale, weniger physisch eingeengte Inszenierung wäre jedenfalls willkommen. Die ganze Schar der Sänger, Sängerinnen und Chorsänger, sowie Diregent und Orchester haben jedenfalls wundervolle Arbeit geleistet. Die teilweise hochromantische Musik, zu sehr vermanscht mit Volksweisen zählt nicht zum Besten von Mussorgski.

American Lulu von Olga Neuwirth: wer braucht das?

Vorausschicken möchte ich, daß ich bereits 2011 in London bei einem Privatsponsor der London Sinfonietta, eine Voraufführung von Teilen des 3. Aktes gehört habe, und schon damals recht ratlos war.

Diese Ratlosigkeit hat sich verstärkt als ich nun das Gastspiel der Komischen Oper Berlin im Theater an der Wien sah und hörte. Gegen eine Neufassung des 3. Aktes, als Alternative zu Cerha, wäre ja nichts grundsätzliches einzuwenden, aber eine Neubearbeitung der ganzen Oper, in der außer der Wedekind-Geschichte fast nichts vom Original bleibt, deren Verlegung in die USA der 50er und 70er Jahre? Wozu das Ganze? Warum hat die von mir geschätzte Olga Neuwirth keine eigene Oper geschrieben? Warum muß sie sich auf Berg berufen?

Und was soll die Vermischung der menschlichen und gesellschaftlichen Tragödie einer Frau und ihrer sie nicht als Person wahrnehmenden Liebhaber mit den Rassenproblemen in den USA? Dies bleibt vollkommen im Dunkeln: trotz der eingeblendeten Texte von Martin Luther Kind (als solche sehr eindrucksvoll), bleibt das neue Libretto hohl, besonders wenn es um den Dialog zwischen Eleanor (der Gräfin bei Berg) und Lulu geht: da überschlagen sich die Klischees, da kommt nichts menschliches hervor.

All das ist besonders schade, daß die Sängerleistungen (weitestgehend von allen, besonders aber der beiden Frauen) ganz hervorragend sind, und auch das Orchester sich redlich bemüht: aber die Musik bleibt flach und schrill, im 3. Akt so beständig auf einem dramatischen Höhepunkt-Level, daß sie das flache Libretto auffrißt. Die Inszenierung zeigt zwar einige gute Einfälle, schafft es aber auch nicht, dieser falschen Grundidee mehr an Plastizität zu verleihen. Eine vergebene Chance.

Im Akademietheater gab es “Der Herr Karl” (Merz-Qualtinger), das Paradestück politisch-gesellschaftlichen Kabaretts in der innovativen Gestaltung des Puppenspielers Nikolaus Habjan zu sehen. Habjan teilt den Herrn Karl, das Vorzeigestück österreichischen dumpf-schlauen Opportunismus, in drei Personen, einen Kellner (quasi der Herr Karl), eine Café-Kassierin und einen Gast. Statt im Keller eines Gemischtwarengeschäfts verlegt er die Handlung in ein Wiener Café. Abwechselnd bedient und bespielt er seine Handpuppen mit Bravour und legt ihnen (teils leicht veränderte) Texte, Monologe des Herrn K. in den Mund. Durch die Personenteilung kommt die Gemeinheit, der Opportunismus des Herrn K. nicht so geballt zur Geltung, wie dies im Originalstück der Fall war. Ich hatte das sehr große Vergnügen, Qualtinger himself in dieser seiner Paraderolle im Entstehungsjahr 1961 im Wiener Kärntnertor-Theater zu sehen: der einzige positive Höhepunkt meiner Bundesheer-Karriere, die ich teilweise in der Wiener Trostkaserne als Funker absolvierte.

Wie Habjan mit den Puppen, die eigentlich nur aus dem Kopf und einem Arm (der zweite wird zur Führung von Habjan selbst gestellt) mit Schlabbergewand bestehen umgeht, wie sie durch leichte Kopfwendungen die unterschiedlichsten Ausdrücke darstellen, die er durch differenzierte Sprache bestens untersützt, ist wirklich genial und absolut sehenswert. In dieser Form ist das keine Imitation des unerreichbaren Originals Qualtinger, sondern eine sinnvolle Weiterentwicklung einer Ikone österreichischer Seelendarstellung. Erschreckend immer wieder, wie aktuell viele der Charakterisierungen österreichischen Verhaltens (ich weiß, man soll nicht verallgemeinern und pauschalieren und noch weniger stereotypisieren!) auch heute, mehr als 50 Jahre nach dieser durch die Vor- und Nachkriegszeit geprägten Figur, noch sind: erschreckend!

Ein ganz anderes Theater bringt Wolfram Lotz mit “Die lächerliche Finsternis” auf die Bühne. Hier ist nichts wie man es sich vorstellt. Es geht um Kriegshandlungen, deutsche Unteroffiziere sin dim afghanischen “Regenwald” auf der Suche nach einem verrückt gewordenen Offizier, den sie liquidieren sollen; eine auf der Piraten-Hochschule in Mogadischu ausgebildter Pirat sucht seinen bei einer verunglückten Piraterie verschwundenen Freund (in breitestem Wienerisch grandios Stefanie Reinsperger), Kriegsschauplätze auf der ganzen Welt finden gleichzeitig statt, man versteht weder die Welt, noch einander, “Eingeborene” treffen auf Soldaten, Holzbretter werden zu Pellets verarbeitet, Tuben klingen zu abartigem Gesang: mit einem Wort, die Unübersichtlichkeit der globalisierten Welt, menschliche Unfähigkeit zu kommunizieren, sei es über Welten hinweg, sei es mit den Reisegefährten, all das wird grandios von vier Frauen, die auch alle Männerrollen spielen, dargeboten. Ein Theater ganz anderen Stils, das das übliche sequentielle Geschichtenerzählen eindrucksvoll überwindet. Dem Stückschreiber, dem Regisseur (Parizek) und den hervorragenden Schauspielerinnen (Hartinger, Striebeck, Hamann, Reinsperger) vielen Dank.

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