Lima: halb voll oder halb leer?


Die meisten Kommentare zum eben zu Ende gegangenen Klimagipfel in Lima sind negative: weder ist es gelungen, den Outline für das entscheidende Paristreffen in einem Jahr festzulegen, noch konnten die 196 Ländervertreter verpflichtet werden, ihre Klimaziele verbindlich festzulegen. Stattdessen werden Länder (ohne Sanktion) bis nächsten März ihre Klimastrategien, Ziele und eventuell auch Instrumente vorlegen, wobei jedes Land freie Hand hat, wie dieser Bericht auszusehen hat. Auch wurde es abgelehnt, eine Evaluierung der einzelnen Pläne durchzuführen. Statt dessen wird es zwar eine Gesamtbewertung geben, ob das vereinbarte Zwei-Grad-Ziel mit den vorgeschlagenen Maßnahmen erreichbar ist, aber es gibt keinen Mechanismus, wie vorgegangen werden soll, wenn dieses Ziel – wie es wahrscheinlich erscheint – nicht erreichbar scheint.

Ein weiterer Streitpunkt besteht im Beharren der “Nicht-Annex 1” Länder, also der Schwellen- und Entwicklungsländer, in die Verhandlungen und Pläne nicht nur Reduktionen von Treibhausgasen aufzunehmen, sondern auch Anpassungsmaßnahmen, und diese zum Teil von Industrieländern mit-finanzieren zu lassen. Neuem Geld wollten die Industrieländer nicht zustimmen, und die Aufnahme von Anpassungsmaßnahmen bleibt optional, nicht verpflichtend.

Es stehen jedenfalls harte Verhandlungen in den geplanten 5 Verhandlungsrunden bis Paris an. Die Verhärtung der Standpunkte, die sich in Lima, vor allem in den verlängerten 2 Tagen vor Ende gezeigt hat, läßt nichts gutes ahnen. Diese Lage steht in frappantem Gegensatz zu den Medien- und Expertenkommentaren, die sich vor einigen Wochen anläßlich des Klimaabkommens zwischen den USA und China gezeigt hatten. Damals hatte auch China als derzeit weltgrößter Emittent von Treibhausgasen sich verpflichtet, seinen CO2-Ausstoß nach einem Plafonds 2030 absolut zu senken.

Ein in den Medien bisher kaum kommentierter Durchbruch ist jedoch wichtig: Die seit dem Rio-Gipfel 1992 verankerte Trennung in Industrieländer (“Annex 1”) und Entwicklungsländer, wobei ersteren verpflichtende Maßnahmen, letzteren nicht verpflichtende auferlegt wurden, ist gefallen. Sie wurde ersetzt durch die aus China-USA-Abkommen kopierte Formulierung, daß den einzelnen Ländern Verpflichtungen abverlangt werden, die auf “gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortungen und Fähigkeiten je nach den unterschiedlichen nationalen Situationen” aufbauen. Wie immer das im einzelnen von den einzelnen Ländern und der Staatengemeinschaft ausgelegt werden wird, es schafft erstmals im Klimabereich graduierte Verpflichtungen je nach Entwicklungsstand, Wirtschaftsstruktur und Emissionsverhalten. Die starre Trennung zwischen reichen und ärmeren Ländern weicht damit einer flexibleren Verantwortungssituation. Ein nicht zu unterschätzender Fortschritt in ansonsten sehr unverbindlichen Erklärungen.

Wie bei vielen internationalen (aber auch nationalen) Problemen üblich, wurden die entscheidenden Verhandlungsschritte – angesichts gravierender Positionsunterschiede der 196 vertretenen Länder – auf das nächste Jahr, und da besonders auf Paris verschoben. Jenen Bevölkerungen, die schon derzeit zunehmend unter massiven Klimakatastrophen (steigender Meeresspiegel, Wassermangel, Überschwemmungen, Erdrutsche, Gletscherschmelze) leiden, wird durch diesen Aufschub jedenfalls nicht geholfen.

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2 responses to “Lima: halb voll oder halb leer?

  1. Claudio Todeschini

    As you yourself witnessed, climate change in Italy, very mild 2013/2014 winter and extremely wet summer 2014, led to a catastrophic drop in the olive harvest, a minus of over 40%. Obviously this is not a catastrophe that compares with the rise in sea level, lack of water in dry areas or floods and landslides in other areas but is yet another small indication of what the future may have in store if urgent action is not taken.

    • kurtbayer

      I agree: the problem is that people realize the dangers of climate change only when catastrophic events occur. Problems like this year in Tuscany, while clearly felt by the people there, are frequently assessed as a “regular” disturbance, as they have occurred over the years. They normally do not give rise to behavior changes.

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