Kultur am Ende des Winters 2015


HK Grubers “Geschichten aus dem Wienerwald” entpuppen sich als überzeugende Verbindung zwischen dem aus Ödon von Horvaths Sozialdrama aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhundert von Michael Sturminger adaptierten Libretto und der kongenialen Musik von HK (Nali) Gruber. Es ist viel mehr als die Vertonung eines großen dramatischen Theaterstücks, es ist eine musikalische Verstärkung, die genau auf die Sprachmelodie dieses abrundtief häßlichen Stücks aus der unteren Sozialschicht der frühen 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts eingeht, als die nicht vollendete Anpassung an die veränderten politischen Verhältnisse nach dem ersten Weltkrieg, der Beginn der Großen Depression, aber auch der individuelle Überlebenskampf, sowie die duneklsten Seiten der “Wiener Seele” sich paaren. Das “Du wirst meiner Liebe nicht entgehen”, des enttäuschten Verlobten Fleischhauers mit der zaarten Seele, stellt den Rahmen dar, in dem sich die romantische Figur der naiven Marianne aus ihren engen kleinbürgerlichen Zwängen zu befreien versucht, mit katastrophalen Folgen für sie und ihr Kind. Die Endszene, in der der sie wieder gewinnende Fleischhauer wie ein Beutetier aus der Szene trägt, zeigt die Ausweglosigkeit aus den Zwängen der zwischen präfaschistischen Milizen, frühen Antisemitismus, materielle Überlebenskampfes und persönlichen, vor allem auch sexuellen Wünschen hin- und hergerissenen Personen, die keinen Platz für sich und ihr diesen Konventionen entziehendes Verhalten bieten, und abweichen Wollende gnadenlos ihrem Schicksal ausliefern.

Die musikalische Umsetzugng ist grandios, die Personenführung des Librettisten/Regisseurs exzellent, die sängerischen und vor allem darstellerischen Leistungen hervorragend. So wird Grubers Absicht, Theater mit Musik, bei dem die Musik das Theatralische betont und verstärkt, bestens zuende geführt. Besonders hervorzuheben ist die sängerisch/darstellerische Exzellenz von Angelika Kirschschlager als Trafikanten Valerie, aber auch die anderen Protagonisten verbinden sängerische und darstellerische Leistungen sehr gut. Zusätzlich sängerisch sticht die Marianne von Ilse Eerens hervor, die die sehr anspruchsvolle Partitur und die Person der naiven-romantischen Jugendlichen, die aus dem engen Korsett ihrer Herkunft, die ihr auch ihren Herzenswunsch “rhythmische Gymnastik” (siehe Waldorferziehung) verwehrt, ausbricht und sich dem Hallodri Alfred als Mittel dazu anvertraut (mit fürchterlcihen Folgen). Aber auch ihr Fleischhauer (Jörg Schneider), ihr charmanter Nichtsnutz Daniel Schmutzhard, und vor allem ihr Vater, der Zauberkönig (Albert Pesendorfer) vollbringen makellose Leistungen. Anja Silja (für Nostaligiker die Grosse Dame lang vergangener Wagnerjahre) bringt ihre unversöhnliche Großmutter mehr durch ihre Persönlichkeit als durch sängerische Leistunge nahe.

Ein großer Pluspunkt der Aufführung liegt in der Tatsache, daß Librettist Sturminger auch Regie führte und Komponist Gruber selbst dirigiert. Damit wird eine selten mögliche Konsistenz von Konezption von Musik und Text und Aufführung ermöglicht. Eine wirkliche Sternstunde des Theaters an der Wien (Aufführung übernommen von den Bregenzer Festspielen).

Lady Macbeth von Mzensk von D. Schostakowitsch in der Wiener Staatsoper ist ein gewaltiges Werk: eine ganz grauenhafte Story, die von Anfang an das Scheitern der Protagonistin erfühlen läßt, ist mit eienr Dramatik und subtilen Instrumentierung der Musik unterlegt, die die Klangwellen spätromantischer Wagnermusik oder von Dvorak fast verblassen lassen. Eine minimalistische Inszenierung, die weitgehend in einem weiten Schlafzimmer, bzw. Glaskubus spielt, gibt der fulminanten Musik (Dirigat Ingo Metzmacher) vollen Raum. Das grandiose Wiener Staatsopernorchester nützt diesen bis in die Extreme aus, wobei auch die lyrischen Passagen und die Pianissimi hinreißend musiziert werden. Angela Denoke als die nach Emanzipation und sexueller Erfüllung lechzende Katerina ist eine kaum zu überbietende Besetzung, ihr zwischen macho-patriarchalischer und sexuell-aufgeladener Begierde vazierender Schwiergervater Boris (Kurt Rydl) eine grandiose Gegenfigur. Marian Talaba, als ihr Ehemann Sinowi bleibt (rollenadäquat) blass, dagegen wird die kontroverse Liebhaberfigur von Sergej, der sich letztlich als opportunistischer Sexist und gieriger Schleimer heruasstellt, überzeugend von Misha Didyk gesungen – und dargestellt. Man könnte das Stück, politically correct, als Frauenemanzipationsstück begreifen, wenn nicht die persönlichen Anerkennungs- und Liebesbegierden von Katerina die Zerrissenheit und letztlich Unmöglichkeit, aus den gegebenen Verhältnissen wirklich auszubrechen, dem einen Strich durch die Rechnung machten. Schostakowitsch bringt alles dies mit überwältigender Musik zum Schwingen – und die Zuhörer, zumindest mich, zum überwältigten Schweigen. Einer der grandiosesten Opernabenden des letzten Jahres.

Sowohl bei HK Gruber als auch Schostakowitsch scheitern die nach Erfüllung und Selbstentwicklung lechzenden Frauenfiguren – eine interessant Parallele zwischen dem Rußland des 19. Jahrhunderts und Österreich am Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Gemeinheit der die beiden umgebenden Umgebung ist in Rußland massiv brutaler, in der Auswirkung auf die einzelne jedoch auch in Wien nicht viel zukunftshoffender.

In der Zwischenzeit ein Ausflug nach Linz, in dessen neues Opernhaus zu einer Götterdämmerung. Ein sehr gelungenes Opernhaus, architektonisch und atmosphärisch sehr gelungen mit sehr guter, allerdings in den hinteren Reihen etwas verschwindender Akustik, und eine sehr bemerkenswerte Affüjhrung des Endspiels des “Rings”. Dennis Russel Davies bürgt für musikalische Qualität, und Uwe Laufenbergs Inszenierung ist ein wirkliches Labsal in einer atmosphärisch dichten, aber materiell kargen, aber deswegen umso beeindruckenderen Inszenierung. Von den Sängerleistungen seien Siegfried Lars Clievermann, der Hagen von Alfred Pesendorfer und vor allem die Waltraute von Bernadett Fodor hervorgehoben, aber auch Bjorn Waags Gunther und, etwas schwächer Sonja Gorniks Gutrune boten überzeugende Leistungen, ebenso wie Elena Nebera als Brünnhilde. Wenn auch die Stimmen gegen Ende dieser Monsterpartie etwas an Stärke nachließen, verbleibt dennoch ein sehr positiverEindruck, sowie der Wunsch, die ersten drei Tage dieses Rings miterleben zu können.

Massenets Werther in der Wiener Staatsoper ist eine gemischte Angelegenheit. Musikalisch insgesamt eher enttäuschend, mit einigen wunderschönen Passagen. Die tragische Geschichte von Johann Wolfgang von Goethe mit der bekannten unglücklichen Liebesgeschichte zwischen dem romantisierenden, weltfremden Werther und seiner – leider verlobten – Sophie, die schrecklich endet, bleibt musikalisch flach. Sie wird vor allem durch die sonst so hervorragende Anghela Gheorghiou, die weder stimmlich noch darstellerisch in der Lage ist, die sich anbahnende Dramaitk darzustellen, entwertet (Wortspiel!!”). Gheorghiou kommt jedoch im zweiten Teil zu stärkerer stimmlicher Entfaltung. Leider wankt sie darstellerisch mehr umher als daß sie tiefe Emotion in ihrem Gewissenskonflikt vermittelt. Trotz veritabler Leistungen, vor allem hervorzuheben der stimmlich hervorragende Werther von Jean-Francois Borras, ein eher enttäuschender Opernabend.

Besonders berührend im Burgtheater der Abend “Die letzten Zeugen” zum anlaß des 75. Jahrestages des Novemberpogroms 1938, gestaltet von D. Rabinovici und Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann mit 6 sehr persönlichen Stimmen von Holocaust-Opfern (Lucia Heilman, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbard und Ari Rath). Anfangs wurden von BurgschauspielerInnen Texte der Überlebenden gelesen, die Teile ihrer Biographie und Memoiren veranschaulichten. Besonders beeindruckend aber waren die persönlichen Auftritte dieser Überlebenden (alle über 80 Jahre), die ihre schauerlichen Erfahrungen, Überlebensstrategien auch seither, und auch Lektionen für Gegenwart und Zukunft (ohne schumeisterlich daherzukommen) berichteten. Besonders berührend die Idee, für die kürzlich verstorbene Teilnehmerin Ceja Stojka, einen Seidenschal an ihrer Statt über das Rednerpult zu drapieren – und damit ihre Abwesenheit damals und heute besonders sichtbar zu machen. Die persönlichen Worte dieser getriebenen und konfliktbeladenen, sehr beeindruckenden Persönlichkeiten zu hören, trieb dem ergriffenen Publikum Tränen in die Augen.

Im Akademietheater spielte in K. Palmetshofers Stück “Die Unverheiratete” Elisabeth Orth grandios eine amnesiebehauptende, schuldbeladene Denunziantin und Großmutter aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Die Hauptkonflikte des Stückes aber bewegen sich eindrucksvoll und vollkommen deprimierend zwischen den Generationen: die sich in Amnesie rettende Großmutter, ihre von ihr gehaßten und ihrerseits sie hassende Tochter, die mit diesem fühlbaren Erbe nicht zurande kommt, und dann die die Großmutter vergötternde junge punkige Enkelin, die Verständnis und Kommunikation sucht – und letztlich zur Erkenntnis der Großmutter über ihr sich selbst nie in seinen Folgen eingestandenes humanitäres Verbrechen (mit fürchterlicher Konsequenz) führt. Wie in vielen Beispielen unserer Generation sichtbar, bleiben die humanitären Verwerfungen des Nazi-Regimes und der Kriegsaktivitäten vieler BürgerInnen über Generationen bewußt und lassen auch die übernächste Generation nicht los.

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